Das Nichts und die Kunst

Wo sollten wir hin, wie kämen wir auch nur halbwegs zurecht, mit all unserer Traurigkeit und Sinnlosigkeit, gäbe es nicht die Kunst, die uns, Momente lang, dieses Nichts abnehmen kann?

Für diese grundlegende Bedeutung (und Notwendigkeit) der Kunst hat mir István Keménys Gedicht „Er ist Informatiker, sie – keine Ahnung“, die Augen geöffnet. Vielleicht liebe ich das Gedicht so sehr, weil es mir diese Einsicht ermöglicht hat.

Aber: lese ich Gedichte, um etwas zu lernen, um Einsichten zu bekommen?

Vielleicht auch, aber hauptsächlich doch, um dieses Nichts loszuwerden, ein wenig auszuruhen von dieser Sinnlosigkeit. Mich zurecht zu finden und das Gefühl zu haben, das hat jemand genau für mich gemacht. Und so ist es auch. Jedes Kunstwerk ist für denjenigen gemacht, der sich davon ansprechen lässt, der sich dem Werk (ob Gedicht, Film, Musik, Gemälde oder was auch immer) überlässt.
Und das Schöne ist, ich muss niemanden bitten, es ist längst da und wartet auf mich. So oft ich es zulasse. 

István Kemény

Schlechte oder mittelmäßige Gedichte zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass der Dichter das erste Bild, die erste Metapher, die ihm in den Sinn kommt, akzeptiert. Manchmal ist das die richtige Wahl, viel häufiger jedoch geht einem wirklich brillianten Bild eine lange Suche voraus.

Wie sonst kommt einer zu einem solchen Bild: Plastik, das ist das nie und der Niemand, eine nützliche Ruine, die sogar über den Tod noch Schande bringt.

István Keménys Gedichte machen glücklich und auf eine gute Art bescheiden.

„Wenn man die Vergangenheit nicht ordentlich erzieht

wird sie rachsüchtig ab ihrer Pubertät…“

schreibt er. Solche Verse kann ich nur in ganz kleinen Dosen genießen. Sie wollen verdaut werden, verarbeitet, nicht verstanden, sondern begriffen. Es sind Gedichte, die im Leser weiterleben, sich entfalten, verwurzeln.

Diese Gedichte, die man immer bei sich tragen muss, die so notwendig werden können wie Milch und Brot. Ich habe das bislang nicht wirklich nachvollziehen können. Gut, es gab Anne Sexton, Joseph Brodsky, Nora Illuga, sie alle (und viele andere) haben mein Denken in Aufruhr versetzt, haben mich glücklich gemacht, aber so wie bei den Gedichten Keménys war es nie. Jedes seiner Gedichte ist ein Gebet, jedes Gedicht scheint mich zu kennen und zu sehen und eigens dafür gemacht zu sein, meine Traurigkeit zu teilen, sie für Momente in Glück zu verwandeln, weil all das in Worte gefasst ist (eine Form gefunden hat), wofür mir der Ausdruck fehlt.

Ich weiß, das klingt übertrieben und pathetisch, aber das liegt einzig daran, dass ich mich so unbeholfen ausdrücke.

Es ist eine Situation wie in Keménys Gedicht: Er ist Informatiker, Sie – keine Ahnung, als der Mann, der das junge Paar beobachtet, die Bitte äußert:

„Entschuldigung! Könnt ihr mir mal für zwei Minuten

das Nichts abnehmen

bis ich mich hier im Hauseingang

ausgeweint habe? Gar kein Risiko dabei

hier gibt’s keinen anderen Ausgang,

ich bin gleich zurück und

nehm’s euch wieder ab!

Es kostet euch nicht mehr Mühe –

als jemandem zu helfen, sein Auto anzuschieben!“

Ohne dass ich ihn hätte darum bitten müssen, hat Kemény mir diese Gedichte geschenkt und damit diese kleine Pause. Ich weiß nicht, ob es ihn nicht mehr Mühe gekostet hat, als ein Auto anzuschieben, einen Motor in Gang gesetzt hat es auf jeden Fall.

István Kemény – Nützliche Ruinen

István Kemény

Es fällt mir schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Schweigen wäre angemessener. Vielleicht sollte ich einfach nur ein Gedicht verlinken und zugeben, dass mich das Gedicht des Tages auf fixpoetry gestern auf diesen Dichter aufmerksam gemacht hat. Wobei aufmerksam gemacht hat, es nicht trifft, in keiner Weise. Es war eher wie ein Schlag, als würde man jemanden wiederfinden, von dem man bislang nicht einmal gewusst hat, wie sehr man ihn vermisst.

Jedenfalls bin ich Marcus Roloff sehr dankbar für diese Entdeckung.

Dieses Gesicht, das seinen Ausdruck über die Jahre nicht verändert hat. Zutiefst melancholisch, zutiefst realistisch. Illusionslos.

Man sieht: für diesen Menschen gibt es keine Rettung außerhalb der Sprache. dieser Mann schreibt nicht, um glücklich zu sein (wie ich es unlängst als Aussage eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin gelesen habe, leider ohne mich erinnern zu können, von wem diese Aussage stammt), sondern um zu überleben.

Um „das Ganze hier [zu] vergessen,

kleine Zettel schreiben:

Milch, Brot

Milch, Brot

[an dieser Stelle auch mein aufrichtiger Dank an die wunderbare Orsolya Kaláz, die dieses Gedicht zusammen mit Monika Rinck übersetzt hat. Unvergessen das großartige Gedicht von Orsolya Kaláz über Christine Lavant.