Ilse Aichinger

Ein jeder bewohnt mehrere Zimmer in einem geräumigen Haus, versteckt seine einfältigen Gedanken und sucht nach wie vor Trost bei den Bäumen.

Eine aber entscheidet sich für die Küche der Großmutter, wo sie Worte solange verwirft, bis nur noch das Notwendigste auf dem Papier steht.

Die Not und wie sie jeden Tag verwandelt. Die Hingabe, die die Eitelkeit besiegt.

Sie spricht so klar, dass es vielen wie ein Rätsel erscheint. Ihr Verschwinden birgt die größte Präsenz.

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Es ist nicht wahr, dass ich nicht mehr schreibe. Ich weiß nur nicht, was ich schreibe. Mein Schreiben ist ortlos geworden. Führt weder hin noch weg. Ist auch nicht verschwiegen (wie das von Ilse Aichinger), oder grausam und tröstend (wie das von Marguerite Duras). Ich verschwinde nicht in diesem Schreiben und ich offenbare mich nicht. Dazwischen aber ist nur Gerede. Keine Schrift.

I

Nur noch aussprechen, was wirklich notwendig ist, und im übrigen schweigen. Wie Ilse Aichinger für ein Jahr nur einen Satz notieren, oder ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit schreiben, wie Salinger all seine letzten Jahre, Jahrzehnte.

 

Ilse Aichinger

„Wenn ich jetzt ehrlich sein wollte, müßte ich stumm sein. Daß wir sind, auch abgesehen von uns selbst. Daß alles was wir dazutun mit der Zeit lächerlich wird, wenn es nicht die Ergebung in das ist, woran wir nichts können.

Das ist vielleicht das härteste Gebot der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.“

(Ilse Aichinger)

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Das Denken, das an den Rändern der Vernunft stattfindet. Wie kommt man beim Schreiben an diese Ränder?

In Ilse Aichingers Aufzeichnungen 1950 – 1985 steht unter dem Jahr, in dem ich geboren wurde, dieser Satz: „Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren.“

 

Meine Sprache

Ich komme nicht hinterher mich zurückzuziehen, mit zu zeichnen, wie meine Sprache sich von mir entfernt.

Meine Sprache ist den Zöllnern suspekt, schreibt Ilse Aichinger, und ich lasse harmlose Sätze fallen, um den Verdacht zu entkräften.

Was so kunstvoll klingt, wie ein Spiel mit Sprache, mit den Zeichen und dem, was sie bezeichnen, ist ernst. Ein Ernst, der geschwätzig macht, oder zum Schweigen bringt. Immer gibt es dieses (scheinbare) Selbstverständnis, das sich zurückzieht, sobald man genauer hinsieht. Und sieht: hier ist meine Sprache und dort bin ich. Und meine Sprache kommt ohne mich aus, braucht mich nicht, aber ich…

Was und wer bin ich, ohne meine Sprache? Nicht ich drücke mich aus über sie, sondern sie drückt mich aus.

Ich habe eine merkwürdige Abneigung dagegen, über mich selbst zu schreiben. Ein Selbst ohne Anrecht auf Sprache. Das bin ich, nicht meine Sprache, die so spricht.

Schreiben

„Wer Wörter verwendet, wer sie niederschreibt, bleibt in einer Suchbewegung gefangen, nicht um erreichbarer Ziele willen, sondern um solchen Suchens willen wird geschrieben: Schreiben ist ein in diesem Sinn zweckfreies Spiel. Und mit allem, was gesagt wird, wird anderes zugleich nicht gesagt.“

[Ilse Aichinger]

Ilse Aichinger

„Ich halte es für wichtig, sich zurückzunehmen, selbst auf die Gefahr hin, dass alles ausbleibt.“ (Ilse Aichinger)

Und dann die leeren Stellen nachzeichnen, die Konturen, die sich ergeben beim Rückzug, der withdraw heißt in einer anderen Sprache und (nur) scheinbar das gleiche meint. Ein Rückzug mit Zeichen für die, die sie lesen wollen.

Sehen können, was wichtig hält.

Wenn etwas anderes ausbleibt.

Nämlich einfache Antworten, um die Leere zu füllen. [zu schließen mit vorschnellen Worten].