Champagner Teil III

Der Ausgangspunkt der Verstrickung, (in Welt und Gedicht) ist immer wieder der Versuch, das Unmögliche, Ungedachte zu sagen, die Suche und Hoffnung nach „eine[r] neue[n] Konsequenz, die sowohl ein Bruch wie auch eine Verbindung ist? Sie kann jederzeit eintreten, sie kann ewig lang ausbleiben.“ (Rinck, S. 83)

Man weiß nicht, was kommen wird, wie man dorthin gelangt, und kann auch nicht zurück: „Wenn ich die Realisierung als Korrektur der Vorstellung betrachten will und die Vorstellung wiederum als Korrektur der Realisierung, brauche ich unbestimmte Räume, Räume ohne Hintergrund – und, man kann es nicht oft genug sagen – Zeit.“ Und einen produktiven Zweifel, einen, der mich mit Neugierde vorantreibt, und nicht aus Unsicherheit stehen bleiben lässt. Die Zeit nehme ich mir inzwischen, an der Umsetzung des zweiten Satzes arbeite ich mich seit Jahren ab.

Monika Rinck hingegen zitiert die Meisterin des Schweigens, Ilse Aichinger und die Erfinderin des gap gardenings als Begriff für Prosagedichte, Rosemarie Waldrop, um zu illustrieren, wie wir die behutsame Beredsamkeit des Schweigens kultivieren können. Und erschließt auf diese Weise die „poetische Feldarbeit“: „Doch wir sprechen nicht von Feldarbeit per se, wir sprechen von poetischer Feldarbeit. Prosa ließe sich, ein geeignetes Seitenformat vorausgesetzt, einmal rund um den Erdball schreiben. Die Dichtung bleibt in gewisser Weise am selben Ort, geht hinein und hinaus, türmt, stapelt, verdichtet, setzt sich Grenzen, bricht sie, kehrt zum einen zurück, singt, wiederholt, geht tiefer in den Gedanken, untergräbt den Gegenstand, baut ihn aus, flieht ihn, kommt wieder, aber tut das nicht auf linearem Weg. Die Versbewegung suggeriert ein Bleiben, eine Fixation, eine Sorge – was in keinem Fall als ein Lob der Immobiliät missvertanden werden soll. Es geht ja weiter. Das Fortschreiten ist tropisch.“ (S. 109)

Was mir besonders gefällt, oder ich sollte besser sagen, was mich in besonderem Maß anspricht, ist diese subtile, immer wieder hervorbrechende Gesellschaftskritik, die sich für das Warten und Reifen ausspricht, und gegen marktwirtschaftliches Nützlichkeitsdenken. Dazu passt natürlich hervorragend ein Beispiel poetischer Feldarbeit, die Monika Rinck anlässlich einiger Gemälde von Valentin Just durchgeführt hat.  Ein Gedicht zum „edlen, gut gemachten Lungern“ in seinen Bildern sozusagen.

Der unausgefochtene Kampf

Ich, die versucht, sich vor dem Leben zu verbergen, indem sie nichts verlangt. A nice dead person. Und das Leben reagiert, der Körper, der den Geist besiegt, der unausgefochtene Kampf der Friedfertigkeit. Es gibt keine Reihenfolge, keine Ordnung. Cindy Sherman inszeniert das Alter, während Ilse Aichinger nie sterben, aber sehr lange schon (vielleicht von Anfang an) verschwinden wollte, immer kleiner werden, leichter auch, bis da nur noch ein Hauch ist, etwas Unerklärliches, das keine Spuren hinterlässt, und ganz sicher keine Narben. Stattdessen: der Dehnungsschmerz des Lebens, das immer (noch) weiter wächst, während es sich auf das Sterben vorbereitet, das mich schmerzhaft aus den Verstecken ausbuddelt, in denen ich versuche, mich zu verbergen.

11. November

Erst die Nachricht vom Tod Leonard Cohens, und jetzt auch noch Ilse Aichinger.

Die Aufgabe von Literatur ist nicht die Suche nach Wahrheit, sondern das Säen von Zweifeln, das Sensibilisieren für die Vielfalt, für all das, was unter der Oberfläche liegt, also eigentlich eine allumfassende Öffnung. Literatur gelingt, wenn sie Einseitigkeit bewusst macht, in Vielfalt oder Einsicht verwandelt. Der Verzweiflung das Vertrauen in die Kraft der Fragen entgegen setzt. Das hat sie immer getan, die große Ilse Aichinger. Jetzt durfte sie endlich endgültig verschwinden.

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Ein verletzliches Werk. Und der Schatten der Unvernunft, der das wieder sichtbar macht, was zuvor im grellen Licht verdampfte. Kondensate. Auf dem Weg Eiskristalle zu werden. Wir verlaufen uns in den Irrwegen, den bestrickenden Mustern, die unser Hirn webt, damit wir das Netz der Vernunft nicht verlassen.

 

Möglichst wenig Spuren hinterlassen, schreibt Ilse Aichinger. Langsam beginne ich zu begreifen, wie richtig das ist.

Ilse Aichinger

Ilse Aichinger, die Meisterin des Paradoxen. Wohl keine hat es so gut verstanden, das Paradoxe produktiv zu machen. Dem Schweigen so nahe zu kommen mit dem Schreiben. Einem Schreiben, das immer sehr genau hinsah und verändern wollte. Ermutigen. Zum Widerstand. Zum Eigensinn.

Ich lese gerade die gesammelten Interviews mit ihr, Interviews über einen Zeitraum von über 50 Jahren. Und alles, fast alles, was sie gesagt hat, tröstet mich nicht nur, es ermutigt mich auch.

Wenn Wurzeln Flügel tragen

Es ist viel wichtiger, Hilflosen zuzuhören, die man oft nur schwer zum Reden bringt.

Dieses Zitat ist von Ilse Aichinger. Und gestern habe ich einen Text gelesen, der genau das einlöst, in dem ein Hilfloser spricht. Der Sprecher heißt Paul und ist zwölf Jahre alt, und er hat einen so berührenden Text geschrieben, dass mir noch immer ein Kloß im Hals steckt, aber gleichzeitig macht mir Pauls Text Mut. Weil so viel Kraft und Mut, und vor allem Liebe in diesem Text steckt.

Pauls „Mein Leben ohne Vater“ ist einer der Beiträge für das ohnehin schöne Projekt „Wenn Wurzeln Flügel tragen„, und ich wünsche diesen Zeilen sehr sehr viele Leser. Ganz besonders natürlich einen bestimmten Leser.

(1)

Es gibt, glaube ich, diesen Unterschied ob man einfach schreibt, oder ob man beim Schreiben immer implizit über Literatur, über Sprache nachdenkt. Oder, um es mit Ilse Aichinger auszudrücken; ob beim Schreiben das Schweigen dominiert, oder eben nicht.