ART/SCIENCE FESTIVAL 2018

Während sich der Vortragssaal der Kunsthalle zögerlich füllt, werden Vorbereitungen getroffen. Soundcheck, Absprache von Reihenfolgen und Moderation. Es geht lebendig zu in der Kunsthalle, die dieses Jahr Gastgeber des ART/SCIENCE Festival ist.

Angelika Epple spielt in ihrer Begrüßungsansprache auf Paul Ricoeur an, der behauptet hat, die Frage wer spricht zu beantworten, heißt die Geschichte eines Lebens zu erzählen. Diese Vorstellung einer „narrativen Identität“ zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass Disparates zusammengefügt werden kann.

Geht es um die Identität von Kulturen tritt eher die Frage von Ein- und Ausschluss in den Vordergrund.

Jutta Hüleswig-Johnen hat anlässlich der aktuellen Ausstellung „Der böse Expressionismus“ die Kunstrichtung des um 1900 entstandenen Expressionismus auf Identität befragt. Neben der historischen Situation während derer diese Kunstrichtung in Form der Künstlervereinigung „Die Brücke“ sich etablierte, zeichnet Hülsewig-Johnen den Lebensweg von Paula Moderson-Becker und Else Lasker-Schüler nach. Um am Ende ihres Vortrags zum Schluss zu kommen, dass ein Selbstverständnis als Künstler nicht zuletzt bedeutet, Grenzen in Frage zu stellen und zu überschreiten.

Ulrike Winkelmann, Liane Bednarz, Andreas Zick, Jagoda Marinic und Paula Diehl

In der folgenden Podiumsdiskussion, diskutieren Liane Bednarz (Juristin), Paula Diehl (Politische Theorie), Andreas Zick (Gewaltforschung) und Jagoda Marinic (Schriftstellerin), die Frage wieviel und welche Identität wir brauchen. Moderiert wird das kontrovers geführte Gespräch von Ulrike Winkelmann.

Auf die Frage, ob es einen statisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Identität und rechtem Gedankengut gibt, antwortet Zick, dass diese These zu kurz greift. Identität verbindet sich mit weiteren Phänomenen, mit dem Widerstand gegen das „Fremde“, mit der Angst vor Verlust und Wandel. Auf diese Weise gelingt es, Identität zu einem politischen Kampfthema zu machen. Identität wird dann zu einer Abwehr von Abwertung, und ist somit, ganz anders als in der Kunst, das Etablieren einer Grenze, das Aufmachen eines Gegensatzes: wir und die anderen. Wobei das diffuse „Eigene“, das selten definiert werden kann, verteidigt werden muss, ein Phänomen das auch Liane Bednarz bei ihrer Beschäftigung mit rechten Gruppen, immer wieder begegnet ist.

Jagoda Marinic berichtet als Tochter „jugoslawischer Gastarbeiter“ von ganz anderen Erfahrungen. Deutschland sei sehr viel offener geworden, ein positiver Wandel, der nicht zuletzt durch die zweite und dritte Generation der eingewanderten Menschen begünstigt worden ist, und der ihrer Meinung nach in der aufgeblasenen Debatte über die „neue Rechte“ untergeht.

Paula Diehl sieht Identität schließlich als Summe von Erfahrungen, die ein Mensch macht, und somit als ständig im Wandel begriffen.

Die Frage müsse also lauten, wie, warum und wofür nationale Identität konstruiert wird. Denn Gesellschaften konstituieren sich immer wieder neu. Wie also können wir eine neue, einwandernde Menschen einschließende und integrierende, Identität begründen und ausbauen?

Grundlegend notwendig dafür wäre eine Möglichkeit für das Gefühl von Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit zu schaffen. Vielleicht gelingt es dann, dass Menschen aus anderen Kulturen schnell „einheimisch“ werden.

Nach einer kurzen „Kunst-Intervention“, eine Gruppe junger Kunststudenten erscheint mit weißen Handschuhen, die in Farbe getaucht werden, auf der Bühne, ein weißes Blatt wird herumgereicht und unausweichlich hinterlässt jeder darauf Spuren. Schließlich sammeln sich die Ausführenden vor einem Spiegel. Dort werden die Blätter zerrissen, man geht in unterschiedliche Richtungen auseinander.

 

Das anschließend weitergeführte Gespräch dreht sich um Identität und Würde. Dabei wird Rekurs auf den hohen Anteil der AfD Wähler genommen, die sich, wenn auch nicht wirtschaftlich, so doch kulturell, abgehängt fühlen.

Alle Argumente, die „Fremdenfeindlichkeit“ begründen sollen, basieren auf einer behaupteten, und auch in dieser Diskussion kaum hinterfragten, Resourcenknappheit. Wenn alle glauben, dass nicht genug für alle da ist, ist es einfach mit Angst zu operieren. Leider wird die Diskussion nur recht kurz für das Publikum geöffnet. Dann sind die vorgesehenen zwei Stunden vorbei und das Gespräch muss anderswo weitergeführt werden. So viel aber ist sicher; es gibt noch viel zu reden, und wenn es so respektvoll und kontrovers geschieht, wie an diesem Abend, wird der Boden für Lösungen bereitet.

Schreiben

Ja, was heißt es zu schreiben?

Es heißt vor allem, sich selbst zu verlieren oder sein Selbst. Darin erinnert es ans Lesen, doch während man beim Lesen das eigene Selbst an ein fremdes Ich verliert, das deutlich als etwas Außenstehendes definiert ist, das nicht ernsthaft die Integrität des eigenen Ichs bedroht, ist der Verlust des Selbst beim Schreiben in einer ganz anderen Weise umfassend, so wie der Schnee im Schnee verschwindet, könnte man es sich vorstellen, oder wie irgendeine andere monochrome Fläche, auf der sich kein privilegierter Punkt findet, weder ein Vordergrund noch ein Hintergrund, keine Decke und kein Boden, nur überall das Gleiche. So ist das Wesen des schreibenden Selbst. Aber was ist dieses Gleiche, das es ausmacht und in dem es sich gleichzeitig bewegt? Es ist die eigene Sprache. Das Ich entsteht in der Sprache und ist Sprache. Aber die Sprache gehört nicht dem Ich, sie gehört allen. Die Identität des literarischen Ichs liegt darin, dass ein ganz bestimmtes Wort gewählt wird und kein anderes, und doch ist diese Identität nicht sonderlich verbindend und zentriert. In gewisser Weise ähnelt sie der Identität, die wir haben, wenn wir träumen, wo das Bewusstsein ebenso wenig unterscheidet zwischen uns, unserer Umgebung und unseren Erlebnissen. […] Der Unterschied zwischen Träumen und Schreiben dürfte darin bestehen, dass Träumen unkontrolliert geschieht, sozusagen im unbewussten Modus des Körpers, und rücksichtslos ist, während Schreiben kontrolliert geschieht und zielbewusst ist. Das stimmt, und doch wieder nicht, denn die wesentliche Ähnlichkeit hat mit der fehlenden Lokalisierung des Ichs zu tun, damit, dass es entgleitet und nicht länger zentriert ist; und ist es nicht die eigentliche Zentrierung, die im Grunde das Ich ausmacht? Der Akt des Zusammenhaltens? Schon. Aber die Wahrheit über das Ich ist nicht die Wahrheit über das eigene Sein. Was zwischen den verschiedenen Bruchstücken aufsteigt, weit draußen im Nicht-Zusammengehaltenen, ist auch der Klang des ganz Eigenen, dieser ein Leben lang anhaltende Ton des Selbst, zu dem wir erwachen, jenseits der Gedanken, die wir denken, und des Gefühls in der Situation. Es ist das Letze, das wir loslassen, bevor wir einschlafen. […] Dieser Ton hat nichts mit dem Ich zu tun und noch weniger mit dem Wir, sondern nur mit dem eigentlichen Sein in der Welt. […] Die vom Ich zusammengehaltenen Gedanken können vom Lesen und Schreiben aufgelöst werden, aber auf verschiedene Weise, beim Lesen, indem man sich auf das von außen kommende Fremde einlässt, und beim Schreiben, indem man in sein eigenes Fremdes eindringt, bei dem es sich um die Sprache handelt, über die man verfügt, mit anderen Worten die Sprache, in der man Ich sagt. Wenn man schreibt, verliert man die Kontrolle über dieses Ich, es wird unüberschaubar, und die Frage stellt sich, ob das Unkontrollierbare und Unüberschaubare des eigenen Ichs nicht eigentlich eine Vergegenwärtigung des tatsächlichen Zustands ist, oder zumindest kommen wir damit einer Vergegenwärtigung des tatsächlichen Ichs sehr nahe.

Knausgard, „Kämpfen“, S. 257 f.

Orlan

Ruhe – Störung heißt die Ausstellung im Martha in Herford, die ich mir vor ein paar Tagen angesehen habe, und immer noch bin ich verunsichert, verwirrt, von einem Video der Künstlerin Orlan. Ich hatte bislang noch nie von ihr gehört. In der Ausstellung gab es ein Video von ihr, und was sie sagte, hat mich durchaus fasziniert. Sie macht darauf aufmerksam, welche Rolle der Körper für uns heute spielt, dass er quasi ständig im Widerspruch zu dem Selbstbild steht, zu dem Ideal, das wir von uns haben, und dem unser Körper, unsere Haut nie entspricht. Die Konsequenzen, die sie daraus gezogen hat, sind derart radikal, dass ich es immer noch nicht ganz fassen kann. Denn Orlan hat sich über neun Schönheitsoperationen unterzogen, bei denen sie sich selbstverständlich filmen ließ, bei denen sie auf Fragen antwortete, selbst erzählte, las. Und mit Hilfe derer sie sich natürlich veränderte. Nicht unbedingt um gängigen Schönheitsidealen näher zu kommen, vielmehr hatte Orlan die Vorlage für die chirurgischen Veränderungen selbst entworfen und sich dabei an mythischen und historischen Schönheitsidealen orientiert.

 

Ich konnte das Video dann nicht mehr ansehen, weil ich mich den Schnitten und dem Blut nicht aussetzen wollte. Andererseits beeindruckt mich die Radikalität mit der sie ihr Denken in Handeln umsetzt.

 

Mittlerweile, so habe ich bei meinen Recherchen herausgefunden, hat Orlan zwei Wulste an der Stirn, auch diese Ergebnis einer der zahlreichen Operationen, und durchaus gewollt. Als Begründerin der Carnal Art macht Orlan mit erschreckender Konsequenz ihren eigenen Körper zum Kunstwerk.

 

Die nächste Frage, die Orlan nach den Veränderungen ihres Körpers beschäftigen wird, ist die nach der Identität. Hat eine noch diesselbe Identität, wenn man ihr Gesicht, ihren Körper kaum noch wiedererkennen kann?

 

 

Die Masken der Freiheit

Manchmal habe ich das Bedürfnis aus der Anonymität auszubrechen, ganz persönliches von mir preiszugeben, ganz persönlich wahrgenommen zu werden, nicht länger hinter der Maske zurückzubleiben, die ich mir für diverse Blogs und Diskussionen aufsetze, die Rollen aufzugeben, die ich mehr schlecht als recht spiele und zu sagen, wer ich bin. Aber wer wäre ich, ohne all diese Masken, Rollen, Heimlichkeiten, ohne den ständigen Versuch, mehr zu sein, als ich bin?

 

Also werde ich weiter Mützen falten, über Gefängnisse und diejenigen, die sie fotografiert haben, diejenigen, die Jahre ihres Lebens dort verbracht haben und werde dabei etwas preisgeben von mir, von einer, die nicht weiß, was Freiheit ist, weil nie jemand anderes als sie selbst ihr jemals die Freiheit genommen hat.

Biografie

Ich falte die Mützen, oder vielmehr: die Mützen falten mich. Diese alten Unklugheiten von der Beständigkeit einer verkehrten Welt. Alles ändert sich, damit alles bleibt wie es war. Und wir sind nur das Haar in der Suppe, ein paar Finger, die sich bewegen, ein Kopf, der sich im falschen Moment schüttelt, ein Blick der sich angesichts einer Wahrheit senkt. Jahre, die man nummeriert wie Seiten. Ein neues Kapitel, das versucht zu leugnen, woraus es hervorgegangen ist. Das ist Bestätigung. Das ist Biografie.