Hinaus

Bislang ist es uns nicht gelungen, dich aus dir heraus zu schreiben. Wir arbeiten daran. Mit nicht nachlassender Beharrlichkeit. Deine Treue zu dir kann unmöglich so unerschütterlich sein, wie du dir selbst weis zu machen versuchst. Wenn du dich in dich kehrst, was findest du dann? Ist dieser unsortierte Haufen aus Angst und Verzweiflung es wirklich wert, ihm die Treue zu halten? Über mehrere Jahre und jede Hoffnung hinaus?

Immer noch Samstag, aber anders

Draußen gewesen, die kalte Luft genossen, den Sonnenschein auch. Gesehen, wie vernünftig die Menschen sind, die Innenstadt fast menschenleer.

Es geht mir besser. Zu einem nicht unerheblichen Maß verantwortlich dafür, ist der Austausch mit geduldigen zugewandten Menschen und dieser Artikel, der mir vor Augen geführt hat, dass es Alternativen zur Verweigerung gibt. Der Fortschritt ist vermutlich wirklich nicht aufzuhalten (obwohl ich mich lange lange relativ inbrünstig genau dieser Einsicht verschlossen habe), viel wichtiger ist aber: man kann sich entscheiden; gegen wirtschaftliche Akkumulation und für persönliche Entwicklung. Und das, kann ich plötzlich denken, könnte doch vielleicht wirklich eine Nebenwirkung dieser Krise sein, dass wir nicht nur im persönlichen privaten Bereich diese Entscheidungen treffen und anpassen können und dürfen, sondern dass es gesamtgesellschaftlich möglich sein könnte. Das ist gerade eine Utopie, die mir wirklich Hoffnung macht.

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Und dann irrst du herum auf diesen Einbahnstraßen, die behaupten, es gäbe nur eine Richtung und kein Zurück. Die mit einer Entschiedenheit, nach der du dich immer gesehnt hast, behaupten, es gibt kein Zurück. Während du im Spiegel immerzu nur diesen Augenblick totfotografierst. Die Hoffnung auf früher, die viel langsamer als alles andere stirbt.

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Erwartungen haben, ohne darauf zu warten, dass sie sich erfüllen. Das wäre dann die Freiheit der Hoffnung. Ich folge mir zu diesem Punkt. Aber meistens gehe ich auf dem Weg verloren.

Die an mich glauben. Und die anderen, die in diesem Glauben herumkritzeln. Unsere Unsicherheit, die uns, gezeigt, oder nicht gezeigt, miteinander verbindet.

Wir verteidigen unsere Rede, als wären das wir.

Denken. Vor. Stellen

Rot gemusterte Stiefel und ein Kind, das seine eigene Kindheit versäumt hat. Meine Freundlichkeit, Fremdartigkeit, Gefühlsduseligkeit vor die Tür gebeten. Und vor dem Fenster steht der Schmerz und spielt (hässlich und schief) in der verkümmernden Hoffnung, endlich wahrgenommen zu werden.

Wir aber. Liegen am Rand der Verzweiflung. Und denken. Das genügt.

Frauen, die auferstanden sind

Ich kann nicht wirklich viel anfangen, mit diesem Fest, das wir jetzt feiern. Auferstehung. Was soll ich darunter verstehen? Gestern habe ich zufällig gehört, wie jemand Auferstehung als Metapher für die Hoffnung, dass sich alles jederzeit änder kann, verstanden hat. Das hat mir gefallen. Und es erinnert mich an den bemerkenswerten Bildband „200 Frauen“, in dem die porträtierten Frauen allesamt zeigen, wie sie selbst persönliches Leid auf beeindruckende und außerordentlich inspirierende Weise verwandelt haben. Ein Buch, das wirklich ungeheuer ermutigend ist. Ich durfte es für Fixpoetry besprechen: 200 Arten, der Welt Miete zu zahlen.

Hier gibt es zusätzliche Bilder der Frauen.

Halbdunkel

Seltsam, wie alles im Halbdunkel verschwindet, sich nahezu auflöst in dieser sehr eigenen Mischung aus körperlichem und seelischen Schmerz, aus ich will nicht reden und keiner hört mir zu, aus ich will allein sein und ich bin so verlassen, aus keiner braucht mich und dafür bin ich nicht länger verantwortlich, aus Hoffnung und Angst.

Brief

Ich schrieb mir selbst einen Brief, der unmöglich zu entziffern war. Bleib bei mir, schrieb ich, lauf nicht ständig vor mir weg. Ich erinnere mich an dich, wie wir schwerelos hin- und herschaukelten, im dunklen Bauch deiner Mutter und doch hast du schon damals angefangen, mich zu vergessen. Ich sah dich älter werden, ich sah, wie du dich immer weiter vom Ursprung entferntest, auf der Suche nach mir. Ich war immer auf der anderen Seite. Suchtest du mich in der Tiefe, schwebte ich über dir. Suchtest du mich mit Ernst, war ich bereit mich zu offenbaren im Spiel. Ich war immer auf der anderen Seite. Ganz nah. Und unsichtbar. Jetzt schreibe ich mir einen Brief und hoffe, du bringst mir das Lesen bei. Denn ich bin müde. Müde nach Hoffnung zu suchen. Müde von all dem gestern, das sich mit Entschiedenheit vor mein Heute stellt.

 

Enri Canaj – The wind cries war

Eric Canaj- The wind cries war
Eric Canaj- The wind cries war

Von außen scheint alles so surreal, schreibt Enri Canaj zu seinem Projekt „The wind cries war“, aber wenn man näher dran geht, wird deutlich, was für eine ungeheure Kraft die Menschen aufbringen, um zu überleben, und diese Kraft speist sich ausschließlich aus der Hoffnung. Hoffnung ist ein Geschenk. Hoffnung überwindet Angst und Schwierigkeiten und lässt uns für eine bessere Zukunft kämpfen. Hoffnung ist die positive Energie, die dafür sorgt, dass wir weitermachen, egal wie hart die Situation ist.

Die Flucht, die Fluchtbedingungen, ist nichts, was allein die Flüchtlinge angeht, es betrifft uns alle, oder jedenfalls sollte es das. Als etwas, das zu uns gehört.