Behauptung

Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich bin gerettet. Deine Worte sind verloren. Ich bin ein Nachahmer, der jeden Satz mit ich beginnt. Jemand, der sein leeres Tagebuch sorgfältig versteckt. Ich trage schwer an der Behauptung, mich nicht an meine Träume erinnern zu können. Diesen Traum, in dem Feuer vom Himmel fällt. Und eine sterbende Mutter noch einmal die Hand nach mir ausstreckt.

03. Mai

Es regnet. Ein hübscher, arabischer Mann versucht mit einer jungen Türkin zu flirten. Eine Frau mit einer strahlend weißen Jacke steht mit ihrem Rollator am Straßenrand. Der Mann schweigt jetzt, sieht die junge Frau nur hin und wieder an, während sie ihren Blick auf ihr Smartphone heftet. Und über allem, selbst über dem grauen Himmel und den in ihren Zimmern zurückgelassenen Kindern, rast „wahnsinniger, glücklicher Staub“ (Carl-Christian Elze).

Ich bin froh, wenn ich einen Satz finde, der diesen Staub sichtbar machen kann. Hin und wieder. Von Zeit zu Zeit. Während meine Kinder in die Unabhängigkeit hinein wachsen, und Menschen mit Ambitionen wie eh und je aneinander vorbei reden.

Gerne hätte ich zum Schluss geschrieben: Sie schenkt ihm ein Lächeln als sie aussteigt. Aber sie sieht ihn nicht einmal an.

Dazwischen

 

Vielleicht war es die Gleichgültigkeit. (Sie als das letzte von fünf Kindern). Die Not und die Unmöglichkeit, sie zu wenden.

Möglich, dass es damit begonnen hat.

Später genügte es, das die Zeit verging. An ihr vorbei. Durch sie hindurch.

Als ich in ihr Leben trat, konnte sie den Ort vermutlich längst nicht mehr wechseln, war sie schon fest verankert in diesem Dazwischen.

Oder vielleicht war dieses Zwischenreich zwischen Himmel und Hölle, ihr einzig mögliches Zuhause.

 

Horizont

Horizont
Horizont

Die Einsamkeit in der Landschaft finden, die einen geprägt hat, großgezogen und entstellt. Die engen Gassen mit den Häusern, Wand an Wand, kaum Platz zu atmen, geschweige denn, allein zu sein. Die Nähe zu den Wäldern, dem undurchdringlichen Dunkel, als wäre das ganze Leben ein Versteck, ein Labyrinth. Die Unberechenbarkeit des Meeres, seine Sanftmut, die plötzlich in Mordlust umschlägt. Diese Grenzenlosigkeit, wenn Wasser auf Himmel trifft und nicht mehr zu unterscheiden ist.

Positionen

In einer bestimmten Position, sehe ich aus dem Fenster lediglich ein Stück Himmel. Mal blau, mal grau, mit Schäfchenwolken geschmückt, oder nackt. Aber eben nur diesen Himmel. Der überall sein könnte. Keine Bäume, keine Häuser, die ihn lokalisierbar machen, ihn geografisch festschreiben.
Vielleicht geht es mir so mit meinen Schreiben. Vielleicht ist das Bild eine Erklärung für meine momentanen Schwierigkeiten. Ich will von Anfang an nur diesen Ausschnitt, der so allgemein ist, dass man mich dahinter nicht erkennen kann. Als wäre Schreiben möglich, ohne sich erkennen zu geben. Als wäre es wirklich möglich, mit dem Schreiben die Spuren zu verwischen. Die Spuren eines wenig geglückten Lebens verwischen mit Sätzen, die von einer Erhabenheit sind, die mich weit zurücklässt.