Ursprung

Ist es jetzt sogar mein Körper, der mich zurückweist? Der mir klar zu machen versucht, dass man sich selbst überleben muss. Das gläubige (naive) zuversichtliche Kind, die euphorische (und gleichzeitig überforderte) Mutter. Der Widerstand, wenn ich versuche zwei Fäden zu verknoten. Nicht darüber hinweg gehen, sondern versuchen, herauszufinden, woher dieser Widerstand kommt. Warum er da ist, den Ursprung suchen.

Hineinfallen in diese Welt, in der mir Wörter und Sätze ins letzte Hemd fallen, das ich dem Himmel erwartungsvoll entgegenstrecke, ohne zu wissen, ob das, was da vom Himmel fällt, mir Löcher ins Hemd reißt (das immerhin das letzte ist), oder Goldstücke herabregnen, die mich endlich frei von Sorgen existieren lassen. Ich: ein Fragezeichen mit einem ängstlich ausgestrecktem Hemd. Denn ohne die Angst scheint es nicht zu gehen, und die Frage ist müßig, ob zuerst der Schmerz da gewesen ist, oder die Angst. Hat die Angst den Schmerz geboren, oder ist der Schmerz der Grund für die Angst? Ein Schmerz, der verschwinden würde, sich in das Nichts der nachtblauen Luft auflösen würde, wenn die Angst nicht mehr wäre? Diese Frage ist vielleicht das Hemd, das ich mit beiden Händen umklammert halte, obwohl nichts vom Himmel fällt. Absolut nichts. Aber solange ich mich am Hemd festhalte, wird der Abgrund, der Ursprung, mich nicht verschlingen. Aber will ich nicht genau das; verschlungen werden? Das Hemd ist die Lüge, die das, was mir Angst macht, mich aber gleichzeitig (als einziges!) retten und heilen könnte, bedeckt. Unter dem Hemd ist die nackte Wahrheit.

Meine GEschichte liegt klar vor mir. Ich bin nur ein Leben lang zu schwach und zu feige gewesen, es zu entziffern. Die Umwege, Erinnerungen, Ausflüchte. Dieses seltsame Gefühl, wenn die Zeiten, die Toten und die Lebenden, das, was gewesen ist und das, was sein wird, zusammenfließen. Wenn es gelingt das zuzulassen, dass man selbst ausgelöscht wird, und zu einem Bild wird. Oder zu einem Satz. Geschrieben mit roter Tinte auf dünnem Papier. Bis die Angst wieder zupackt, und mich wegreißt von diesem Paradies, hinein in die Zweifel und Paradoxien eines ganz normalen menschlichen Lebens. Vergänglich. Im Gegensatz zur Schrift.

Ein Hemd aus Erwartungen

Zieh dir ein Hemd aus Erwartungen an, glaube nicht, dass es wärmt und geh los. Es ist beinah egal, wohin du gehst, mit der Zeit werden dir einige Erwartungen in die Haut wachsen, andere werden vergehen und unbemerkt irgendwo auf dem Weg liegen bleiben.
Mach dir keine Gedanken darüber, geh weiter, andere werden kommen. Solche, die dir genauso wenig passen und manchmal vielleicht auch eine, die sich anfühlt, als würde sie zu dir gehören, als wäre sie nur für dich gemacht. Und du wirst versuchen, sie aus deinem Hemd zu lösen, denn wie sollst du ihr nachlaufen, wenn sie dir am Leib klebt? Und das möchtest du doch so gerne. Lieber als alles andere, einer Erwartung nachlaufen, die mächtiger ist als du, weil du dir einbildest, du könntest daran wachsen, aber in Wirklichkeit reißt du dir nur ein Loch in dein Hemd. Das sieht erbärmlich aus, glaub mir, aber flicken kann man es nicht.