Snapshot

Ein Mann trifft einen anderen in der Straßenbahn. Der jüngere, in Jeans und Sweatshirt, fragt den anderen, im grauen Anzug: Was ist mit dir passiert? Bist du Geschäftsmann geworden? Nein, sagt der Anzugträger. Ich bin Jehovas Zeuge. Komme gerade von der Taufe. Kurzer Moment der Irritation. Ich bin Moslem, Mensch, sagt der andere. Dann wechseln sie das Thema. Du sprichst Kurdisch?, fragt der Jüngere, erneut irritiert. Was bist du für ein Landsmann? Ich bin Deutscher, sagt der grau beanzugte Zeuge Jehovas, das ist meine Heimat geworden.

Das Kind

Vielleicht bin ich verwechselt worden, dachte das Kind, und seine Mutter erzählte ihm Geschichten des eigenen Fremdseins als Kind unter den Geschwistern, um ihm nah zu sein, um Gemeinschaft zu schaffen. Von der Überwindung des Fremdseins, davon, wie es geht ein Zuhause zu finden, eine Heimat, einen Platz und Menschen zu denen man gehört, davon erzählte sie nie. Dem Kind ist das nie aufgefallen. Oder vielleicht hat es das sehr wohl bemerkt, nur nicht mit dem Bewusstsein mit dem man Fragen stellt, und Widersprüche oder Bedürfnisse ausspricht, erfasst, aber mit dem Unbewussten. So dass es diese Tatsache jetzt, viele, viele Jahre später, zu Papier bringen kann. Immer noch mit der Frage beschäftigt, wer es ist.

Norwegen

Wie ist das so in Norwegen zu leben, fragt sie mich, in der Dunkelheit, umstellt von kargen Bergen? Und wie ist das so zu leben ohne Herz und Heimat, frage ich zurück, und dann lachen wir beide und wissen, wir wollen einander ganz bestimmt nicht wiedersehen. Was aber geschehen wird. Auch das ist uns möglicherweise bereits in diesem Moment klar.

 

Heimat

Es ist schon lange her, vier Jahre, dass dieser Text auf den Gleisbauarbeiten erschienen ist, aber als ich ihn heute gelesen habe, hat er einiges in mir in Bewegung gesetzt.

Denn es geht u.a. auch um Heimat, ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. „Heimat“, schrieb Uwe Johnson, „ist da, wo meine Erinnerung Bescheid weiß.“ „Der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, ist immer die Vergangenheit“, schreibt Melusine. Also ist Heimat der Ort, der unwiederbringlich hinter uns liegt. Das ist scharf beobachtet, gut auf den Punkt gebracht. Aber es muss auch eine Heimat geben in der Gegenwart. Im besten Fall ein Ort, in dem alles ineinander fließt; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Hoffnung für die Zukunft, eine Hoffnung, die antreibt schwierige Dinge in die Hand zu nehmen, das, was noch verbesserungswürdig erscheint, tatkräftig zu verbessern, Utopien zu entwickeln, an denen man scheitern und sich wieder aufrichten kann. Eine Heimat, die die Vergänglichkeit akzeptiert, und aus dieser Einsicht die Kraft bezieht, den Moment und die Gegenwart zu leben und zu lieben, die gleichzeitig Vorausschau schenkt für die Zukunft. Nicht nur für die eigene, sondern bestenfalls für die einer Welt, von der man nicht aufhört zu glauben, dass sie sich bessern kann, ein friedlicherer, lebenswerterer Ort werden kann. Eine Heimat, die so einen Knotenpunkt bereitstellen und aufrecht erhalten kann, wo ist die?

Mein Platz am Küchentisch, wenn alle das Haus verlassen haben? Wenn ich ein paar Stunden lang allein bin, mit meinen Gedanken, den Büchern und dem Papier. Aber auch mit der Gewissheit, dass die anderen zurückkehren werden, im Laufe des Tages. Mit der Freude darüber, dass wir ein Netz bilden, dessen Maschen mal enger mal loser gewoben sind, aber dem wir vertrauen können, dass es nicht reißt?

Das ist der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, und in die Zukunft schaut. Wo Leben stattfindet. Lebendige Gegenwart.

Heimat

Der Geist ließ die Fähigkeit des Körpers, feinste Geräuschunterschiede wahrzunehmen, ungenutzt. Und so blieb sein Wissen vom Ort oberflächlich. […] Existentielle Einsamkeit und ein Gefühl der Belanglosigkeit des eigenen Lebens – beides Kennzeichen moderner Kulturen – wurzeln zum Teil, scheint mir, in unserer Abkehr vom Glauben an die Heilsamkeit einer Bindung zum Ort. Ein beständig erneuerter Sinn für die unergründliche Komplexität von Zusammenhängen in der Natur, Mustern, die stets gegenwärtig und erkennbar sind und den Betrachter mit einschließen, wirkt dem Gefühl, man sei in der Welt allein, oder habe in ihr keine Bedeutung, entgegen. Das Bestreben, einen Ort genau zu kennen, ist letzthin Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, einem festen Platz im Leben.

Der Entschluss, einen bestimmten Ort kennen zu lernen, wird meiner Erfahrung nach durchgehend belohnt. Und jeder Naturort, meine ich, ist kennenlernbar. Und irgendwann in diesem Prozess beginnt man zu spüren, dass man selbst gekannt wird, so dass man weiß, wenn man nicht an dem Ort ist, fehlt man ihm. Und diese Gegenseitigkeit, zu kennen und gekannt zu sein, verstärkt das Gefühl, dass man in der Welt gebraucht wird.

Vielleicht lautet die oberste Regel für alles, wonach wir streben, aufmerksam zu sein. Eine weitere lautet vielleicht, Geduld zu haben. Und eine dritte, auf das Wissen des Körpers zu achten […]

Dieser Augenblick ist eine Einladung, und die Einladung des Bären, teilzuhaben, gilt jedem, der vorüber kommt, ohne Ansehen der Person.

(Barry Lopez  aus the invitation übersetzt in Auszügen abgedruckt in der Neuen Rundschau 04/2016

27. Dezember

Heute die Fahrt. Und dann erst am 02. spät abends wieder zurück. Kein Netz dort und eine große Ungewissheit, wie alles weiter geht.

Der Jahresrückblick, der schon jetzt nicht mehr zu stimmen scheint, allem, was gerade ist, widerspricht. Nur noch die Erzählung einer Erinnerung ist.

Januar

Inside Llewin Davis. Eine Hommage an all die Künstler, die nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind.

Der erste Schnappszahlgeburtstag des Nachwuchses.

 

Februar

Mit dem siebten Sprung, dem Roman von Ulrike Draesner, bahnt sich das Projekt „Heimat“ an.

Der Winter bleibt auch diesen Monat aus.

 

März

Der Monat der Begegnungen. Stanisic gewinnt völlig zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse. Spaziergänge, Didion und Bielefeld von einer ganz neuen Seite.

 

April

In das Heimatprojekt mischen sich zunehmend Erinnerungen. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag der Duras das wunderbare Hörspiel C´est tout jetzt als CD. Bücher von Träumen (Margret Kreidl) und Unterbrechungen (Lucas Cejpek).

Mai

Ein janusköpfiger Monat. Ein Kindergeburtstag, der mit dem traumatischen Abstieg Arminias endet.

Krankheiten. Ein Todesfall.

Aber auch die Kraft, sich den Dingen zu stellen.

Und wie immer Bücher, die dabei helfen (Masé, Koch)

 

Juni

Wie immer im Sommer: Duras.

Wie schwer das ist, sich ein Bild von sich selbst zu machen, in dem man sich verliert.

 

Juli

Das Jahr entwickelt sich zu einem Jahr der Begegnungen. Im Juli in Bonn mit vielen wunderbaren Menschen einen unvergesslichen Abend verbracht.

Anne Carson entdeckt.

 

August

Zurück aus Fuerteventura empfängt uns ein kalter und regnerischer August. Aber egal: Anne Carson liegt auf dem Nachttisch.

Weitermachen mit der Suche nach der Geduld.

 

September

Der Sommer ist noch einmal zurückgekehrt. Dann der Nebel. Und die aufregende Begleitung von Anne Carson, ihrer Bücher.

Alte Familiengeschichten ausgegraben.

Begegnungen. Viele wärmende Stunden mit Freunden.

 

Oktober

Goldene Tage, und eine Unzahl von Krankheiten, die an mir rütteln und zerren, ohne dass ich begreife, was sie mir sagen wollen. Eine Freundin, die ich jahrelang nicht gesehen habe, taucht plötzlich wieder auf.

Immer noch, immer wieder: Anne Carson.

 

November

Aufbruchstimmung. Die bevorstehende Lesung, die Arbeit am Märchenmanuskript, und immer noch die Begleitung durch Anne Carson.

Sommertage und Sturm und Regen wechseln sich ab. Ob man leben kann in einer Blase aus Vernunft?

Dezember

Knausgard.

 

Oder Europa?

 

Kann Europa so etwas wie eine Heimat werden?

Irgendwann?

Ein Ort, an dem wir uns gemeinsam sicher fühlen können?

 

Im aktuellen SZ Magazin haben Schriftsteller aus zehn Mitgliedsstaaten kurze Gedichte über ihr Land verfasst, und die einzige Gemeinsamkeit, die ich in den Gedichten finden konnte, war das Bewusstsein für ein Fehlen. Ein Fehlen von Solidarität und Menschlichkeit. Sheptim Selmani schreibt für den Kosovo:

 

„Am ersten Tag wurde das Blut erschaffen,

am zweiten Tag der Tod,

am dritten Tag war von Liebe die Rede,

dann war kein Tag mehr übrig für die Menschen.“

 

und Sasa Stanisic skizziert Deutschland:

 

„Die Geheimnisse sind wir los. Abgegeben, wie unsere gut gebauten Waffen,

unfreiwilliger. Schütteln Babys, verliert Bayern ein Spiel, wir sind bischofs-

residenzschön. Wetten, dass unser Bier übernimmt, ein Denkmal für Erwin

Rommel, unsre Epen, unsre Migranten am Theater, unsre russische Energie.“

 

Wer weiß, vielleicht ist das Bewusstsein, dass etwas Grundlegendes fehlt, zusammen mit dem Erkennen „unsrer Migranten am Theater, unsrer russischen Energie“, ja ein Anfang, um so etwas wie eine menschliche Heimat aufzubauen. Und irgendwann viel später können die Generationen nach uns sagen: Am Anfang war die Utopie.

 

 

 

Geheimnis.

Meine letzten Überlegungen zum Begriff Heimat bestanden darin, dass ich mir bewusst geworden bin, dass ich nach einem Ursprung suchen möchte, nach einem Urgrund dieses Begriffes, um das Wesen der „Heimat“ aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte nachvollziehen zu können. Das ist natürlich ein Unterfangen, das ich nicht in wenigen Tagen, quasi zwischendurch erledigen kann. Ich müsste recherchieren, lesen, überlegen. Das alles braucht Zeit.
Und wäre vermutlich gar nicht zu bewältigen, wenn nicht viele andere Menschen, bewusst oder unbewusst schon seit langem oder gerade eben an genau demselben Projekt arbeiten würden.
Ihre ganz eigene Geschichte dieses Begriffes erzählen. Wie Mary am Meer, die Heimat im Geheimnis entdeckt hat.