Hörst du drei oder vier Lieder mit mir – Die Geschichte eines Scheiterns

Als ich von Asals Projekt las, und kurz darauf all die sehr gelungenen Beiträge lesen konnte, dachte ich noch, ich müsste auch etwas beisteuern können zu diesem Thema. Von diesem Konzert von Blumfeld im Forum erzählen, als sie noch so klein und unbekannt waren, dass sie in diesem Jugendzentrum in Enger gespielt haben, oder von Minimal Compact genau dort, ein großartiges Konzert vor gerade mal einer Handvoll Menschen, oder von diesem Lied, das ich noch heute gerne höre

. Als ich das hörte, war ich 17 und (wieder einmal) verliebt. Der Typ passte überhaupt nicht zu mir, und eigentlich sah er nicht einmal im Entferntesten so aus, wie die Jungs aussahen, die mir gefielen, und dementsprechend mies habe ich ihn behandelt, als mir das klar wurde. Nur hat das ja nichts mit dem Lied von The The zu tun. Ich kaufte mir die Soul Mining damals nur wegen dieses Liedes, das ich den ganzen Tag lang hören konnte, ohne es über zu bekommen, aber natürlich auch, ohne dass es mein Leben veränderte, obwohl ziemlich indirekt auch an dem Tag, als sich mein Leben wirklich änderte, Musik eine Rolle spielte. Als die Wehen einsetzten guckte ich gerade MTV. Und während ich versuche, daraus eine Geschichte zu machen, springen meine Gedanken zu dem Lied, das auf meiner Beerdigung gespielt werden soll:

Wayfaring stranger, natürlich von Johnny Cash.

Oder zu Hänschen Klein, dem Lied, mit dem sich mein zweiter Sohn nach vielen, unendlich vielen erfolglosen Versuchen mit anderen Liedern, endlich beruhigen ließ. Ein Lied, das daraufhin das Lied wurde, das ich ihm beinahe täglich vorsang, so dass ich nach und nach alle Strophe auswendig konnte, und unwillkürlich begann, mir Gedanken über die Geschichte des Liedes zu machen, so dass ein paar Jahre später diese Geschichte daraus entstand.

Zum Abschluss könnte ich noch von meiner großen Verehrung für Jack White und von „Der Leiermann“ aus der „Winterreise“ erzählen. Und mir zum Abschluss die Frage stellen, ob es für oder gegen eine Bedeutung von Musik in meinem Leben spricht, dass es mir partout nicht gelungen ist, mich auf ein oder zwei Lieder zu konzentrieren, und eine Geschichte dazu zu erzählen.

Hänschen klein

„Leb wohl“, sagt Hänschen zur Mutter. „Ich suche das Glück. Ich habe geträumt, es gibt Glück und das Glück liegt weit ab von hier. In der Fremde klingen meine Schritte nicht folgenlos und deshalb nehme ich den Hut und lasse Dir die Schwester da.“

Die Mutter lehnt im Türrahmen, Hände in den Taschen und in den Zügen kein bisschen geteilte Zuversicht. Das Leben ist kein Spaziergang. Das Leben ist nicht als Heimkehr gedacht. Du lässt mir die Schwester und den Hunger, denkt sie, aber dann hebt sie doch die Hand und winkt und vergießt ein paar Tränen über die Sinnlosigkeit des Verlustes.

Der Morgen graut, der Abend naht, so gehen die Tage und die Nächte sind verschwiegen. Was in uns liegt, passt in keinen Traum und in kein Erwachen, also lassen wir es liegen und kümmern uns nicht darum. Der Sohn fort gegangen, unterwegs auf der Suche nach dem Glück, die Tochter zurückgeblieben und von einem Mann war erst gar nicht die Rede. Die einen machen ihr Glück, während die anderen es nur suchen und die Mutter bleibt zu Hause und lässt die Tage verschwinden. Ab und zu ein Traum wie eine Postkarte.

Die Versuche, die nicht aufgeben, wenn wir schon längst unsere Fahnen gestreckt haben.

Sieben Jahre lang in die Luft sehen, trüb und klar und dann eines Morgens den Heimweg antreten. Die Sonne im Rücken, die Schritte seltsam schwer, aber Hänschen ist jetzt Hans geworden und so schreitet er voran, ohne noch einmal einen Blick zurück zu werfen, auf die begangenen sieben Jahre, die hinter ihm liegen, vergangen und vorbei. Vor ihm liegt die Zukunft, vor ihm liegt der Weg nach Hause. Aber kaum hat er den Pfad betreten, endet er auch schon. Der Heimkehrer kann seine eigenen Gedanken nicht verstehen so laut ist das Gerede im Dorf.

Seine Schwester ist die erste, die ihn sieht. Sie starrt ihn an und läuft nach Hause zur Mutter. „Mutter, Mutter, da ist ein Fremder ins Dorf gekommen. Braun gebrannt, Stirn und Hand.“ Und die Mutter rührt in der Suppe, hebt den Blick, lächelt ihr müdes Lächeln. „Bleib nur hier. Ich will ihn mir ansehen.“

Und wieder Tränen in den Augen, sobald sie ihn sieht. Sehen und erkennen sind eins und auch die Frage: „Was hast du mitgebracht, Hans, mein Sohn?“

Und der zeigt ihr seine Narbe und sie nickt.

Jetzt hat mir das Leben auch noch das Warten genommen, denkt sie und kehrt mit dem Sohn in ihr Haus zurück.