Begriffe und Haltung

„Wenn wir Angst vor Wörtern haben, wie sollen wir den Mut finden zu eigenen Gedanken?“, schließt Angelika Overath heute in der FAZ ihre Überlegungen dazu, was Sprache, was bestimmte Begriffe mit Diskriminierung zu tun haben. Ein sehr komplexes Thema, zu dem ich schon lange etwas schreiben will, und das tun sollte, gerade weil ich überhaupt nicht weiß, was richtig und was falsch ist. Und weil ich glaube, dass das eine angemessene Haltung ist; Fehler zu machen, Unsicherheit zu spüren, und trotzdem zu sprechen, falsch zu liegen und sich zu entschuldigen, seine Meinung zu bilden und zu überdenken. Eine Haltung zu suchen, die aufmerksam bleibt, mitfühlend und mutig. Sich angreifbar machen, ohne sich gleich angegriffen zu fühlen.

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Ich fresse. Süßes, Salziges. Hauptsache nicht gesund. Weil ich Angst habe? Um die Unruhe zu betäuben? Weil ich immer noch nicht akzeptieren kann, dass es diese einfache Trennung in richtig und falsch nicht gibt? Oder dass es kein Ankommen gibt, nur die unaufhörliche Bewegung. Die Suche nach Haltung und ein ständig gefährdetes Gleichgewicht.

Dieser seltsame Zwang, immerzu Vorräte anzulegen. Der Schimmel, den die Zeit ansetzt, wenn sie nicht bewegt wird. Die Hälfte der Zeit. Und die andere Hälfte der Zeit. Was wir von uns wissen können. Und was von der Welt. Und dass zum Wissen immer Zweifel gehören, zum Glauben aber Gewissheit. Und wie sich die Haltung zwischen diesen beiden Polen austariert. Ein Gleichgewicht sucht. Und manchmal auch findet.

Tempo

Ich rede zu langsam. Irgendwann habe ich mir angewöhnt, jedes Wort zu drehen und zu wenden, bevor ich es ausspreche. Die Zusammenhänge zu prüfen und nochmals zu überprüfen, bevor ich einen geschriebenen Satz sichtbar mache. Es ist nicht so, dass ich mir das Scheitern und Fehler machen verbiete, aber häufig bin ich vor lauter Skrupeln so langsam, dass die Diskussion vorbei ist, bevor es mir gelungen ist, eine Haltung dazu zu finden.

08. Februar

Es ist jetzt an der Zeit sich zu besinnen, wie persönlich Politik ist, schreiben kluge Menschen in Zeitungen und anderen Medien. Dass es nicht genügt Haltungsnoten an die Politiker zu vergeben, wenn man sich nicht selbst die Mühe macht, eine Haltung zu entwickeln und bestenfalls zu verteidigen. Natürlich bezieht sich das in erster Linie auf Trump und Bannon, auf all diese noch vor kurzem unvorstellbaren Dinge, die jetzt in Amerika geschehen, die das Land tief spalten in Beschämte und Unverschämte. Man sollte dazu den Beitrag vom 05. Februar von André Spiegel  auf seinem Blog fortlaufend lesen.

Aber das alles geht natürlich weiter. Da ist die anstehende Wahl in Frankreich und damit verbunden die Gefahr, dass Europa nicht nur in noch größere Schwierigkeiten gerät, sondern sich gänzlich auflöst, da ist überall so viel Bedrohung und Angst und geschürte Ressentiments, dass eine Meldung wie die, dass in Rumänien die massiven Demonstrationen der Bevölkerung tatsächlich etwas bewirkt haben, schlicht untergeht.

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Zwei Dinge geschehen gleichzeitig beim Lesen von Thomas Melles „Die Welt im Rücken„. Einmal ungläubiges Mitleid, wie sich einer aufgrund von fehlgeleiteten Botenstoffen, Neurotransmittern, Hormonen, einer Krankheit eben, immer wieder so unfassbar (und zunehmend folgenreicher) in die Scheiße reiten kann, aber damit einhergehend eben auch, dass ich (wenigstens für die Dauer der Lektüre) Gewalttäter, Randalierer, Verrückte eben, nicht länger einfach so verurteilen kann (den Mann mit dem irren, unglaublich aggressiven Blick in der U-Bahn z.B.). Dieses gut und schlecht, richtig und falsch, bekommt Risse. Wieder dieses Diktat, alles zu verstehen, sich einzufühlen, zu beobachten, statt zu (ver) urteilen. Und gleichzeitig weiß ich, dass mit diesem ganzen Verständnis, diesem unerfüllbaren Anspruch allen gerecht zu werden, kein Schreiben möglich ist. Jedenfalls nicht das Schreiben, das ich eigentlich will.

Radikal und verständnisvoll, das gibt es nicht zusammen. Zumindest für bestimmte Bereiche schließt sich das aus. Andererseits gibt es natürlich auch nichts wirklich wertvolles ohne Einfühlung. Nur muss daraus eine Haltung erwachsen, nicht Beliebigkeit. Und vor allem nicht dieser billige als Schutzmechanismus hervorgestoßene Satz: Das könnte ich nicht.

Von Raumschiffen und der Unmöglichkeit eine bequeme Haltung zu finden

Ich habe nie geglaubt, Besprechungen schreiben zu können. Der erste schriftliche Kommentar zu einem Buch, ist mir einfach so geschehen, ich war überwältigt von „Der Liebhaber“, jeder einzelne Satz hat so viel in mir ausgelöst, dass die Sätze fast wie von selbst auf das Papier flossen.

In dieser ersten, fast unabsichtlich geschriebenen Besprechung, berücksichtigte ich vermutlich kein einziges der Kriterien, die eine „professionelle Kritik“ ausmachen. Und dennoch ist dieser Text mir immer noch der liebste. Der, hinter dem ich voll und ganz und ohne Minderwertigkeitskomplexe stehen kann.

Am Anfang der Lyrikkritikdebatte, die seit Mitte März im Netz wuchert, stand u.a. Tristan Marquardts These, die gegenwärtige Lyrikkritik könne weder abbilden, was sich in der Lyriklandschaft zurzeit alles tut, noch bewege sie sich – bis auf einige Ausnahmen – inhaltlich auf ihrem Niveau.

Diese Vorwürfe treffen auf mich zu.

Das Problem ist dabei zum einen mein Halbwissen, zum anderen meine zu wenig eindeutige Haltung, und nicht zuletzt, die Tatsache, dass ich gar nicht so sicher bin, ob ich Interesse daran haben, Gedichte einzuordnen, eine Lyriklandschaft abzubilden. Eher gehe ich da mit Paul Henri Campell, wenn er schreibt, dass es bei jedem Gespräch über Literatur um ein Verständnis dessen gehen muss, „was gute Literatur von gefälliger Literatur unterscheidet…

Allerdings scheint das in Bezug auf Lyrik sehr viel komplizierter zu sein, als es ohnehin bei jeder Literatur schon ist. So kompliziert womöglich, dass das Interesse an derartiger Kritik den engen Rahmen der ohnehin in engem Bezug mit Gedichten stehenden Menschen, nicht erweitert, geschweige denn sprengt.

Ich habe das Express Experiment u.a. auch dazu missbraucht, um herauszufinden, wie ich mit Lyrik umgehe, wie ich anders, möglicherweise besser, weil angemessener, mit Lyrik umgehen könnte. Dabei bin ich meines Erachtens gescheitert. So dass ich jetzt vor der Frage stehe, ob ich überhaupt weiterhin Lyrik besprechen will. Ob ich meine Standards so anpassen will, dass sie allgemein als zumindest professioneller als bislang gelten können, oder ob gerade das, das Erarbeiten und in der Folge Abarbeiten an Standards und Kriterien, mir nicht die letzte Freude an dieser Beschäftigung nehmen würde.

Mein Problem ist ja nicht zuletzt, dass ich jedwede Forderung als berechtigt betrachte, statt mich zunächst einmal zu fragen, ob sie überhaupt haltbar ist, ob ich das wirklich nachvollziehen kann. So dass ich mich jetzt der Frage stelle, wie ich mir ein Verständnis erarbeiten kann, was gute Literatur von gefälliger Literatur unterscheidet.

Mehr als an meinem mir von mir selbst unterstellten Halbwissen, leide ich, und leiden meine Argumentationen, vermutlich unter meiner fehlenden Haltung. Während die einen, sich klar für das experimentelle Gedicht entscheiden und gegen die Möglichkeit des Verstehens, glaube ich prinzipiell jedem, der sich die Mühe macht, etwas zu behaupten, und verliere so, zwischen allen Stühlen sitzend, schnell jede Art von Überblick.

So viel zu der Frage, was mich als „kleine Rezensentin“ von Großkritikern unterscheidet.

Campell schreibt „Verantwortung übernehmen statt Maßstäbe setzen“. Das gefällt mir sehr. Das hilft mir weiter. Ebenso wie Jan Kuhlbrodts These von der Literaturkritik als Selbstaufklärung.

Aber vieles was ich in diesem Diskurs lese, wirkt einschüchternd auf mich. Eine Einschüchterung, die, gepaart mit meinem mich und meine Kritikfähigkeit ohnehin einschränkenden Harmoniebedürfnis, wunderbar wirkt.

Dabei geht es nicht darum, alles richtig zu machen, sondern seinen Weg möglichst nachvollziehbar aufzuzeichnen, auf die Gefahr hin, „nicht anzukommen“ (wie Frank Milautzcki das im schönsten doppelten Wortsinn formuliert hat).

Ich weiß tatsächlich nicht, was ein Gedicht ist. Aber ich versuche es bei jeder neuen Lektüre herauszufinden. Manchmal scheitere ich und manchmal bin ich die einzige, die trotz aller Versuche keinen Zugang findet. Dann von meinem Ausgeschlossensein zu erzählen, ohne Schuldzuweisungen in Richtung des Gedichtes zu erteilen, aber auch ohne mein Scheitern meiner fehlenden Bildung oder Informiertheit anzulasten, fällt mir schwer. Aber genau das gilt es auszuhalten. Am Tisch sitzen zu bleiben, wenn es ungemütlich wird, statt im eigenen Raumschiff davon zu schweben.

 

 

 

 

 

15. Januar

Handeln, politisch Haltung beziehen und vor allem: Geld in die Hand nehmen, damit Straftaten geahndet werden können, das zeichnet einen starken Staat eher aus als Grenzschutz und die Forderung nach schärferen Gesetzen, die dann ohnehin niemand umsetzen kann. Erste Ansätze gehen in diese Richtung, es wird, nicht immer, aber doch an vielen Orten, differenziert über Versäumnisse und Möglichkeiten nachgedacht. Und ich glaube, dass es auf Dauer möglich sein wird, differenziert über innere Sicherheit und die notwendigen Maßnahmen diese wieder herzustellen und zu erhöhen, zu reden, ohne das Ganze mit Ressentiments und einem Generalverdacht gegen alle ausländischen jungen Männer zu vermischen. Wenn man ähnlich sensibel ist, wie Karla, wenn man nicht aufhört, sich auseinander zu setzen.

 

Montag

Es gibt diese Tage
Da kommt ein Fisch geflogen
Und erklärt dir die ganze Welt
Da ist nichts mehr notwendig
Und alle Briefe die niemals geschrieben werden
Sind für dich
Die ausgekugelten Augen
Die durch die Nächte rollen
Die Lippen die noch nicht wissen
Dass ihre Berührung das Versprechen nicht einlösen kann
Die Verlassenheit in den Zügen
Die leeren Blicke in den Straßen
Du trittst aus der Tür
In eine verlorene Landschaft
Mit einer Haltung aus Kleingeld
Nach dem sich niemand bückt