Großvater

Ich sitze in der Straßenbahn und überlege, wie eine Geschichte über meinen Großvater anfangen könnte. Diesen Mann, der der Partei (sag es: NSDAP) beigetreten ist, um das Haus für seine Familie zu retten (so geht die Erzählung). Und ich habe nicht gefragt, ob die einfache Parteimitgliedschaft vor Enteignung schütze, weiß nicht einmal, ob er selbst seine Parteizugehörigkeit so begründet hat, oder ob diese Begründung etwas ist, das später dazu gekommen ist. Dabei hätte ich mit ihm darüber reden können. Offene Gespräche konnte ich immer mit ihm führen. Als ich in der Pubertät war, gab es kaum jemanden, der mir so vorurteilsfrei und aufmerksam zuhörte wie er. Dieser Mann, der meine kranke und sterbende Großmutter immer wieder tagelang allein ließ. Derselbe, der die alten Kinderfotos so liebevoll und zärtlich beschriftet hat, dass mir beinahe die Tränen kommen, als mein Onkel sie mir zeigte. (lange nach dem Tod des Großvaters). Ein Patriarch, der für seinen Sohn vor Gericht gezogen ist, weil den ein Nachbar geschlagen hatte. Diese widersprüchliche Fiktion, mit der ich groß geworden, in den Urlaub gefahren und immer wieder lange Gespräche geführt habe, an deren Inhalt ich mich nicht erinnere, aber daran, dass ich stets das Gefühl hatte, ernst genommen zu werden, in all meiner Widersprüchlichkeit.

Fäden und Stricke

Ein Weg besteht aus einer unübersehbaren Ansammlung an Fallstricken (als Kind kann man einen verlorenen Tag aus vollstem Herzen betrauern, die Wut einfangen, zusammenknüllen und aus dem Fenster werfen – aber später, viel später erst, kehrt sie als untröstliche Wehmut in ein gealtertes Hirn zurück)… Ich verliere den Faden, weil ich nichts zu sagen habe, und unversehens wird aus dem Faden ein Strick, an dem sich mein Großvater erhängt hat. Es wurde nie viel geredet über diesen Vorfall, inzwischen sind alle, mit denen ich reden könnte, tot. Überlebt hat die Erinnerung, wie mein rüstiger, kugelrunder Opa mit mir zum verwaisten Güterbahnhof wandert, damit ich Unmengen von Eicheln für die Tiere im Winter sammeln kann.

Und an seine Angewohnheit, immer eine Kastanie in der Jackentasche zu tragen.

 

Glauben

Es gibt eine Art, sagt der Großvater, zu trinken, wie es sich gehört.

Es gibt, schreibt Jesse Thoor, die Berge der Verwunderung.

Und wer auf der Spitze steht, meint alles im Blick zu haben,

aber sieht den kleinen blonden Jungen nicht, der am Fuß des Massivs steht

und beklommene Blicke nach oben schickt. Wie soll man denn an sich glauben,

so unsichtbar? Und wie soll man auch nur einen Schritt gehen,

ohne den Glauben?

Die Welle

Die Welle - isla volante
Die Welle – isla volante

Ich erinnere mich sehr gut an diese Welle, sagte er und Großmutter lächelte, stellte mir eine heiße Schokolade vor die Nase und schloss leise die Tür. Großvater zündete seine Pfeife an, sah aus dem Fenster und wartete auf die Welle. Es dauerte nie besonders lange, bis sie kam. Und wenn sie kam, brachte sie jedes Mal eine andere Geschichte mit, hinter der man doch das unverwechselbare Gesicht dieser einzigartigen Welle erkannte. Großvaters Welle.

Erst bei seiner Beerdigung habe ich erfahren, dass mein Großvater das Meer nie gesehen hat. Der Welle war das egal.