23. April

L.B,., Duras, die Aichinger – als Ersatz für die Großmütter, die ich viel zu früh verloren habe.

Es passiert ja nicht einfach so, dass man unterdrückt wird. Man lässt es zu. Aus Angst. Angst vor Gewalt, oder Angst, nicht geliebt zu werden.

Und der Ausweg besteht sehr häufig (vielleicht sogar immer) darin, die Betrachtungsweise, die Art zu denken, zu ändern. Umzukehren, eine andere Richtung einzuschlagen.

 

Ilse Aichinger

Ein jeder bewohnt mehrere Zimmer in einem geräumigen Haus, versteckt seine einfältigen Gedanken und sucht nach wie vor Trost bei den Bäumen.

Eine aber entscheidet sich für die Küche der Großmutter, wo sie Worte solange verwirft, bis nur noch das Notwendigste auf dem Papier steht.

Die Not und wie sie jeden Tag verwandelt. Die Hingabe, die die Eitelkeit besiegt.

Sie spricht so klar, dass es vielen wie ein Rätsel erscheint. Ihr Verschwinden birgt die größte Präsenz.

Das Kleid

Sie trug dieses Kleid. Ihre Großmutter hatte es ausgesucht. Es gefiel ihr nicht. Es war zu dunkel. Winter. Sie stellte sich die Schneeflocken vor. Das war die Art, wie sie aussehen wollte.

Sie glaubte nicht mehr an Drachen, das heißt, sie hatte daran geglaubt, wie alle, die nicht wirklich etwas zu fürchten haben, sich Dinge ausdenken, die sie fürchten können.

Der Keller.

Manche lebten im Keller. Sie wusste das. Sie wusste, wie es später sein würde.

Die Eltern erzählten manchmal von früher. Von Fehlern und Versäumnissen (von Fortsetzungsromanen, bei denen man das Interesse aufrecht erhalten musste). Was man heute anders machen würde und woran man schon damals hätte erkennen können, was Jahre später geschah. In diesen Jahren, sagten sie oft und sie spürte, dass die Zeit nichts Abgeschlossenes war, dass es Jahre gab, die lange zurücklagen und immer noch wuchsen und andere, die man sich vorzustellen versuchte, aber wenn sie drohten, sich einzulösen, schob man sie von sich, schob sie vor sich her.

Sie dachte an die Großmutter. Sie betastete das Kleid. Sie begann sich nicht nur an den Stoff zu gewöhnen, er fing an, ihr zu gefallen. Sie lehnte an der Scheibe, an die Dunkelheit hatte sie sich längst gewöhnt. Die Dunkelheit innen und außen, die damit verbundenen Geräusche, die Träume, die sich schließlich nicht mehr von der Wirklichkeit (Wachheit) unterscheiden ließen.

Kann man sich an die Angst gewöhnen, wie an ein fremdes Kleid, fragte sie sich. Die Großmutter hatte keinen Brief geschrieben. Sie hatte nur dieses Kleid geschickt, ohne ein Wort. Niemand verlor ein Wort darüber. Vielleicht wussten auch sie, was das bedeutete. Sie würde morgen zum Bahnhof gehen und dort erfahren, wann die Großmutter kommt. Sie würde in die Halle eintreten, die ihr ein wenig wie ein Palast erschien und die Tafeln mit den Ankunftszeiten studieren. Ihr kleiner Bruder weinte, die Stufen knarzten. Sie hörte Geflüster, das Rascheln der Bettdecke. Das Schreien hörte auf. An seine Stelle waren Schritte getreten. Schritte und leises Summen.

Hast du mir auch vorgesungen, als ich klein war?, hatte sie die Mutter gefragt, gestern und vorgestern und vor einer Woche, und sie hatte nur traurig und müde gelächelt, gesagt hatte sie nichts. Als gäbe es nur eine sehr begrenzte Anzahl von Worten, die für sie bestimmt war, so dass die Großmutter keinen Brief zum Kleid schicken konnte und die Mutter nur die notwendigsten Fragen beantwortete. Als würden sie sie sparen, die Worte, um später etwas Großes daraus errichten zu können. So groß und hell und hoch wie diese Bahnhofshalle, so voller Möglichkeiten, Ankünfte und Abfahrten.

[Dichtungsring 43]

 

 

Versuch einer Annäherung

Ich weiß nicht, ob sie das Wasser jemals gesehen hat, ob sie einmal am Ufer gestanden hat, und sah wie der Horizont mit dem Meer verschmolz.

Das Wasser hat sie sich schließlich in den eigenen Körper geholt. Und gewartet, dass es stieg.

 

Aber das war erst viel später.

Zuerst war da ein kleines Mädchen, ein Klavier, eine junge Frau.

Wie viel weiß man von einem Menschen, dessen Vergangenheit man nicht kennt?

 

Wie viel weiß ich von einer Frau, die für mich erst zu existieren begann, als sie bereits zwei Söhne verloren hatte und mindestens fünf Enkelkinder bekommen hatte? Die zu früh starb, um mir Antworten zu geben.

Weil Fragen wachsen müssen. Reifen. Weil das Selbstverständnis einige Jahre braucht, bis es sich verliert.

 

Ich bin mir sicher, dass das Bild von der sehr weichen, gütigen Frau, die ständig in eine Decke gehüllt am Fenster ihrer kleinen Küche saß, nicht übereinstimmt mit dem, was das Kind, das ich war, sah.

 

Es gibt keine Fotos von ihr, als sie ein Kind war, aber es gibt Erzählungen. Erzählungen von einem „guten Haus“, von einem Salon mit Klavier und davon, dass Anna lernte auf diesem Klavier zu spielen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

Warum sie einen Arbeiter geheiratet hat, fleißig und intelligent, aber nicht standesgemäß, bleibt ihr Geheimnis. Den Mann habe ich kennen gelernt, den Grund für ihre Ehe nie. Denn Verbundenheit und Liebe war nichts, was meine Großeltern umgab. Ich kann mich kaum an beide in demselben Zimmer erinnern. Mein Großvater rauchend auf dem Balkon, meine Großmutter frierend und wartend in der Küche. Das sind die Bilder, die auftauchen.

 

Vielleicht war er ihre Große Liebe. Zuerst. Und zuletzt (die weitaus längste Zeit), ihre größte Enttäuschung. Egoistisch. Herrisch. Ein Patriarch. Mit dem sie trotz allem fünf Kinder bekam. Vier Jungen und ein Mädchen. Mit dem sie einen dieser Söhne sehr früh, sehr jung an den zweiten Weltkrieg verlor, mit dem sie den zweiten Sohn an einen fremden, sehr entfernten Kontinent verlor. Und für seine Auswanderung, um ihm den Start in Australien zu ermöglichen, verkauften sie das Haus, das Anna von ihren Eltern geerbt hatte, damit er seinen Erbanteil mitnehmen konnte, für einen neuen Anfang. Für den Anfang ihres Sohnes zogen meine Großeltern in eine Drei Zimmer Wohnung, in der Anna vorwiegend die Küche bewohnte, und wo sie Jahre später im Bad starb.

Aber vorher verloren sie den dritten Sohn, auch er noch nicht alt, an die Krankheit, die stärker war als er, die aufgrund von Fehldiagnosen genügend Zeit hatte sich so sehr auszubreiten, dass sie unheilbar wurde, aber Zeit ließ für ein langsames Sterben.

 

Dann erst kam das Wasser. Annas Beine wurden immer dicker. Sie verließ ihren Platz am Küchenfenster immer seltener. Das Haus verließ sie schon lange nicht mehr. Anfangs nahm sie noch Tabletten. Später gab sie nur noch vor, sie zu nehmen, damit man sie in Ruhe ließ. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben weigerte sie sich, leistete Widerstand. Sie war nicht dazu zu bewegen, einen Arzt aufzusuchen.

Schließlich hat sie nur noch gewartet. Was ihr bis zum Schluss geblieben ist, war weder Angst noch Auflehnung, sondern eine unendliche Geduld.

2013 – Ein Rückblick

Januar

Im neuen Jahr mit einem uralten ICE und Kater von Berlin zurück in die Provinz gefahren.

Nach gut einer Woche kommen Kälte und Sonne zurück.

Ende Januar liegt zentimeterhoch Schnee. Ich feiere eine Geburt, die auf einmal schon zehn Jahre zurückliegt.

Außerdem: die Beschäftigung mit Marina Abramovic, der Großmutter der Performance und den eigenen Großmüttern.

Februar

Weiter in alten Fotos gewühlt. Viele Gesichter unbekannt und niemand mehr, der sie benennen könnte.

István Kemény entdeckt.

März

Der Winter hält sich hartnäckig. Wieder nicht zur Messe nach Leipzig gefahren. Dafür ganz unerwartet den Literaturpreis der Isla Volante gewonnen. Noch einen Gedichtband von István Kemény ausfindig gemacht. Den wunderbaren Roman von Olga Martynova gelesen.

April

Verpasste Chancen. Krankheit. Mißverständnisse.

Aber auch das Gedicht von Dorothea Grünzweig. Vom Finden und Verlieren.

Mai

Wenige schöne Tage, große Kälte weit über die Eisheiligen hinaus. Ein Kindergeburtstag. Valeria Luiselli .

 

Juni

Immer noch kein Sommer. Ende Juni die Versuchung, die Heizung anzustellen. Ein Seminar, zwei Gallenkolliken. Christine Lavant mit ihrer zeitlosen Prosa.

Juli

Die Narben wachsen. Am Körper und in der Seele.

Claire Keegan als Schwester Christine Lavants entdeckt.

August

Zunächst keinen bezahlbaren Urlaub gefunden. Dann einfach drauf losgefahren. Drei Tage Hamburg, dann weiter nach Husum, Abschlusstag auf Amrum.

María Luisa Blancos Gespräche mit António Lobo Antunes gelesen und Hiob von Joseph Roth entdeckt.

Aber auch vom Tod Wolfgang Herrndorfs gelesen.

September

Die neue Schule. Die Wiederentdeckung der Duras.

Oktober

Ein goldener langer warmer Monat. Noch einmal Luft holen, Licht tanken vor dem Winter. Abschiede, Änderungen und Sofronievas wunderbarer Gedichtband.

Ein kleiner Pflaumenbaum wächst jetzt in unserem Garten heran. 

November

Nebelwände, die sich mit anmutiger Grausamkeit durch die Landschaft bewegen.

Und dann ist Peter Kurzeck tot.

Dezember

Kurz danach stirbt auch Peter Urban. Wie fast immer zum Ende des Jahres Überdruss. Gepaart mit der Vorfreude auf ein Neues Jahr. Völlig irrational, aber nicht weniger wirkmächtig. Geschichten von Fremdheit, Sehnsucht, Einsamkeit und der heilenden Kraft der Poesie bei Francisca Ricinski: Als käme noch jemand.

Das Klavier

Ich weiß nichts über sie. Und natürlich ist das ein unmöglicher erster Satz. So kann keine Erzählung anfangen und keine Annäherung. So ein Satz kann am Ende stehen. Muss vielleicht sogar dort stehen.

 

Ich habe nicht einmal Fotos von ihr gesehen auf denen sie jung war. Als wäre sie erst als reife Frau, als Großmutter, auf die Welt gekommen.

 

Ich weiß nicht einmal, ob sie Geschwister hatte. Annie Wächter. Nur von dem Klavier glaube ich zu wissen. So deutlich, dass ich es sehen kann. Einsam, glänzend und schwarz in einem Salon.

 

 

Abgrund

Ankommen, abreisen. Die Möglichkeit, sich selbst zu verlassen. All dieser Blödsinn. In den Gedanken.

Auf der anderen Seite, das was ich sehe: Ein weinendes Kind an der langfingrigen weißen Hand einer Frau, die Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge, inklusive Verspätungen.

Und auf einer Bank vor dem Zeitschriftenladen sitzen ein Mann und eine Frau. Sie reden sehr leise miteinander, schweigen lange, sehen sich an. Ich habe das Gefühl, sie bewegen sich mit entschiedener Zärtlichkeit auf einen Abgrund zu. Aber vermutlich denke ich das mit dem Abgrund nur, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals gesehen zu haben, wie mein Großvater mit meiner Großmutter gesprochen hat. Sie hat das Wasser von ihren Beinen zum Herzen steigen lassen (geduldig), damit sich wenigstens irgendetwas auf sie zu bewegt.

Hände

Hände
Hände

Meine zweite Großmutter, die mit dem längeren Namen und dem kürzeren Leben, hatte keine Kinder verloren, aber erst eine Brust, dann die Heimat, und wenig später das Leben.

Wenn jedes Buch ein Ort ist, wie Sudabeh Mohafez behauptet, muss jede Geschichte zumindest ein Platz sein. Und die Geschichten meiner Großmütter sind Trümmerfelder, karge Stellen, bestenfalls der Platz vor dem Fenster.

Und vor dem Fenster ein Baum. Ein prächtiger Baum. Eine Kastanie.

Von der anderen Frau nur ein Foto, auf dem sie bereits gezeichnet zu sein scheint. Auf dem sie viel älter aussieht, als sie zu dem Zeitpunkt sein konnte.

Und so sanft, geduldig und weich. Nur die Hände überdimensional groß. Feingliedrig, aber auch kräftig. Zupackend.