Veränderungen

Immer noch, immer wieder, geht es um „nationale Interessen“, ohne dass jemals das Konzept der „Nation“ ernsthaft in Frage gestellt würde. Vielleicht ist es naiv, aber sollte Europa nicht als eine Gemeinschaft gedacht (und endlich auch gelebt) werden, deren Idee nicht nur über Nationen hinausgeht, sondern nationales Denken, nationale Identität obsolet macht, weil derart kleinstaatliches (auf vermeintliche Sicherheit und Machterhalt ausgerichtetes) Denken aufgehoben wird vom Willen als europäische Gemeinschaft Aufgaben bewältigen zu können, Lösungen zu finden, die jedes einzelne Land in seinen nationalen Grenzen überfordern würde?

Während sich alles ändert, grundlegend und mit Auswirkungen, die wir spätestens seit diesem Jahr zu deutlich spüren, um sie zu ignorieren, stellen sich nur wenige Medien und nur wenige der politisch Verantwortlichen der Tatsache, dass es eine grundlegende Veränderung der Lebenswirklichkeit für jeden Einzelnen von uns geben wird. Es ist diese Unsicherheit über die wir reden sollten. Denn sie zu verschweigen, erzeugt Angst, sie zu verleugnen wäre eine Lüge, die gravierende Folgen haben könnte, sich ihr nicht zu stelle führt zu Chaos und auf die Dauer zu Handlungsunfähigkeit.

Die Veränderung wird es geben. Aber wir können sie gestalten, wenn wir sie nicht länger verschweigen.

Räume

Manchmal, und das geschieht nicht selten, verlieren wir uns in den Zwischenräumen der Betrachtungen. Dann bin ich dankbar, wenn sich eine Fliege, die ich für echt halte, auf meinen Handrücken setzt. Ich stehe auf, schalte das Radio ein, und lasse mir erklären, dass es Grenzen geben muss, weil es Mangel gibt, dass Teilen bedeutet, dass die, die jetzt noch etwas haben, alles verlieren, wenn sie die Bereitschaft zu teilen, politisch umsetzen wollen. Man sagt mir, ich solle aufwachen. Vielleicht dankbar dafür sein, dass ich im „richtigen“ Land geboren worden bin, aber das Denken und Lenken in größeren Zusammenhängen, solle ich denen überlassen, die auch ohne meinen Einspruch hart genug daran arbeiten, den Status Quo zu erhalten, mit Grenzen, Abschiebung und der immer wieder gepredigten Unmöglichkeit sicherer Fluchtwege.  Die jedem Hoffnungstraum einen von Angst begrenzten Raum entgegensetzen.

01. April

Blitze, Regen, Sonne, Hagel, Schnee. Seit drei Tagen geht das schon so. Als würde sich das Wetter bemüßigt fühlen, mein Gefühlschaos wieder zu geben.

Nachdem ich zum ersten Mal Knausgard gelesen habe, wurde mir immer deutlicher, dass ich mir insbesondere in den letzten Jahren, regelrecht verboten habe, diese Art Bücher zu lesen, die mir Spaß machen, ohne mich intellektuell allzu sehr zu fordern. Bücher, die einfach Geschichten erzählen, die von Menschen erzählen, von ihren Verletzungen. Ganz einfach und deutlich. Ganz und gar nicht experimentell, ohne den Zugriff oder Rückgriff auf die Art von Philosophie, die mich immer wieder an die Grenzen meines Denk- und Vorstellungsvermögens bringt.

Was natürlich nicht heißt, dass diese Art Bücher, die Grenzen angehen, die experimentieren, weniger Wert sind, sie passten nur nicht zu mir. All diese Bücher, in denen sich Dichter um ihre Poetologie, um die Lage der Dichtung und ihre Bedeutung Gedanken machen, überfordern mich, sprechen aus und von einer Welt, zu der ich verzweifelt Zugang gesucht habe, ohne zu ahnen, dass ich mich dort nie wohl fühlen würde.

Nachdenken über Feminismus

Herbert Hindringer und Judith Sombray haben den Versuch gemacht, Gedichte über den Feminismus zu schreiben. Ganz überzeugt bin ich nicht von den Ergebnissen. Aber ich mag den Versuch, dichtend darüber nachzudenken.

Es geht naturgemäß beim Feminismus (über den ich theoretisch erschreckend wenig weiß, mir aber dennoch anmaße darüber zu reden, mir sogar eine Meinung zu bilden) auch um Grenzen und darum, was wir entdecken und entwickeln könnten, wenn es diese Grenzen getrost weiter gibt, wir uns aber auf das konzentrieren, was uns über alle Grenzen hinaus verbindet.

Von Grenzen und Möglichkeiten

Flüchtlinge – die Zahlen, die Fakten, die Möglichkeiten und auf der anderen Seite die Berichterstattung, das Bild, das da entsteht. Dieses Angst schüren und Abgrenzen. Warum? Wer treibt das voran? Also, wer oder was treibt die Medien, das voran zu treiben? Warum ist es scheinbar so schwer, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Obwohl es ja viele Menschen tun, die jüngste Entscheidung der Bischhofskonferenz bezüglich des Kirchenasyls z.B.,  oder auch die Vielzahl der Stimmen, die sich unverzüglich gegen die unerträgliche Aktion der Bildzeitung gegen Griechenland erhoben haben (und die Europapolitik und derartige Reaktionen haben nur scheinbar nichts mit Flüchtlingsfragen zu tun, wie ich im weiteren Verlauf zeigen zu können hoffe).

Ansätze für eine mögliche Antwort auf meine Fragen, finde ich in einem Artikel von Wolf Reiser. Er schreibt: „Emotionen bestimmen den Diskurs statt Fakten. Vorbehalte statt Wissen.“

Wir wollen stets beides; in diesem Fall, in der Frage um Asylrecht und die Aufnahme und Behandlung von Flüchtlingen ist das: unser schlechtes Gewissen besänftigen und gleichzeitig unseren Reichtum für uns behalten. Flüchtlingen helfen, sie aber nicht in unserer Straße leben lassen. Sowohl als auch. Das muss doch gehen. Das soll die Politik mal machen. Aber die Politik folgt dem Beispiel der Wirtschaft und gliedert aus, die Betreuung von Kindern, die in ihren Familien nicht länger gut aufgehoben sind, die Betreuung von Flüchtlingen. Die Schwächsten der Gesellschaft werden einem Wirtschaftkreislauf preisgegeben, bei dem Zahlen, Kosten und Profite im Vordergrund stehen. Und wir nehmen das hin. Weil wir ja ohnehin nichts machen können, außer alle vier Jahre unser Kreuzchen zu machen (und selbst das tun wir immer seltener), außer auf die Straße zu gehen, und Parolen zu rufen.

Weil die Politiker von Überlastung reden, von Missbrauch, Ansturm, von Wollen aber nicht Können. Und ganz wichtig: immer wieder von Grenzen. Von den Grenzen der Belastbarkeit, der Finanzierbarkeit und natürlich (?) von Ländergrenzen. Die Grenzen setzen den Rahmen, verengen die Perspektive. Wenn man ständig nur die Grenzen im Blick hat, wird alles schnell bedrohlich, maßlos, zu viel. Die Möglichkeiten geraten aus dem Fokus, das Potential, das gerade auch nicht herbeigesehnte Situationen bergen, wird übersehen. Möglichkeiten, von denen alle profitieren könnten, im Miteinander, statt in einer (häufig überflüssigen) Abgrenzung.

Wie wäre es statt Rückzug (hinter Phrasen, Statistiken, die die Angst und Überforderung als berechtigt ausweisen sollen), mit Öffnung, mit dem Versuch eines möglichst vorurteilslosen Blicks? Oder schlicht mit der Anerkennung der Tatsachen: Dass wir längst den Punkt überschritten haben, an dem wir behaupten können, uns ginge das alles nichts an, an dem wir uns der Notwendigkeit darüber nachzudenken, was und wie wir teilen können, verschließen dürfen. Weil das zu Pegida führt. Zu Angst und immer neuen irrationalen Gründen, sich bedroht zu fühlen. Man muss sich das überhaupt einmal richtig klar machen: In einem Land, das seit nunmehr 70 Jahren vom Krieg verschont geblieben ist, dass über eine funktionierende Infrastruktur und ein gutes Bildungssystem verfügt, fühlen sich die Bürger bedroht, weil Menschen, die von Krieg, Verfolgung, oder auch „nur“ von Perspektivlosigkeit und Armut bedroht sind, hier Zuflucht suchen. Weil sie ebenso menschenwürdig und gut leben möchten wie wir.

Und das verbindet ja die Schwierigkeiten europäischer Politik und die nationalen Probleme angesichts der Flüchtlinge, dass dermaßen an den Grenzen festgehalten wird; hier wir, die wir uns qua Geburt das Recht erworben haben in einem befriedeten demokratischen Staat zu leben, und dort diejenigen, die erst einmal nachweisen müssen, warum auch sie glauben, hier leben zu dürfen. Hier wir sparsamen und fleißigen Deutschen und da die „gierigen Griechen“ (Bild), die immer noch mehr Geld von uns haben wollen, das nachher für die Errichtung von Stacheldrahtzäunen zur Abwehr von Flüchtlingen fehlt.

Vielleicht muss man anders ansetzen. Bei der Angst vor Veränderung. Einer Veränderung, die ja längst stattgefunden hat. Die sich jetzt nur beim besten Willen nicht länger übersehen lässt. Veränderung bedroht den Status Quo. Aber kann Veränderung nicht auch Anlass zur Hoffnung sein? Könnte sich nicht ganz viel schon allein dadurch ändern, dass wir erst einmal hinsehen, was wirklich ist, bevor wir ängstlich die Augen schließen? Und wenn die Angst dann trotzdem bleibt, darüber reden? Nachdenken, statt reflexartig eine neue Mauer hochzuziehen?

Anne Carson – Stationen der Echtheit

3. Tag

Die Angst derjenigen, die Echtheit definieren, vor denen die „echt“ sind.

 

Marguerite Porete – die Pseudo Mulier, die falsche Frau.

Simone Weil, die sehr praktisch an ihrem Verschwinden arbeitete.

Sappho, die die Frauen liebte und sich wegen eines jungen Mannes in den Tod stürzte.

Und die Mutter, deren Stationen des Verschwindens aufgezeigt werden. Über ihre Mutter, so habe ich gelesen, hat Anne Carson in jedem ihrer Bücher geschrieben. Weniger, aber nicht weniger eindrücklich, über ihren demenzkranken Vater.

Auch Decreation beginnt mit Gedichten, die die Mutter zum Inhalt haben, die Anne Carson in erster Linie als Tochter zeigen. Eine Tochter, die Abschied nimmt von der Mutter und Gedichte schreibt, über ihre versiegende Stärke, über das versiegende Leben.

 

DIESE STÄRKE

 

Diese Stärke, Mutter: hervorgeholt. Gehämmert, gekettet,

geschwärzt, gesprengt, heult, holt aus, geworfen

aufs Ächzen, gehämmert, hämmert die Lefzen

dem Tod ab. Dämmt und verriegelt,

verklumpt und beißt. Messer. Blut-

abweisend auf Mühlknochen

diese Stärke, Mutter,

versiegt.

Heimgesucht

An allem war ich erkrankt. Heimgesucht von Vergessen und falschen Erinnerungen. Ich war dem Leben abhanden gekommen. In meinen Händen hielt ich Luft und fremde Worte. Die Schmerzen umspielten mich, unterhielten mich, wie eine etwas zu ernst gemeinte Umarmung wiegten sie mein Leben von Punkt eins bis zehn. Es gab keine Auswege und die Abwege wagte ich nicht zu betreten. Ich war ein Formfehler, dessen Figur aus dem Ruder lief. Ich rief nicht um Hilfe. Rief nicht einmal meinen Namen. Und meine Grenzen nannte ich Flucht.

Ausatmen

Ein und aus. Neu und verbraucht. Kohlendioxid und Sauerstoff. Es war einmal eine Geschichte, die fand zu keinem guten Ende. Die endete mit einem letzten Hauch.
Es atmet mich. Wie viele Dinge so gehen und fließen, durch mich hindurch und ich bin kaum beteiligt daran und gerade auf diese Art und Weise grenze ich sie ein, grenze sie ein durch meine Nichtbeteiligung. Grenze sie ein durch ihre Grenzenlosigkeit mit der sie sich vom Erkennen entfernen, wie die Brandung, die Wellen, der Mond. Nur Worte, Begriffe, Hohngelächter, Aufzählungen. Wie ich mich eingrenze, abgrenze, ausgrenze, klein grenze, weil ich dem Leben den großen, leuchtend echten, Atemzug abtrotzen will, statt ihn zu tun. Einatmen.
Aus.

Grenzen

Das Nebenan und nebeneinander. Und wie man die Augen verschließt vor sich selbst, und dabei so tut, als öffne man sie für die Welt.

Es war einer dieser Tage, an denen sich der Nebel nicht lichtet. An dem die Sehnsucht schwer in den beinahe unbeweglichen Gelenken hing. Eine Mischung aus Angst und Vorfreude.

Und warum sollte man keine Unruhe empfinden und an die Kindheit denken? Die, die längst vorbei ist, und die, die noch bevor steht. Und wo die Grenze verläuft und was Grenzen überhaupt sind. Wie man sie überschreitet und was dahinter liegt, oder ob es sie nur gibt, damit man manchmal sagen kann: grenzenlos.