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Was ist mit Grausamkeit? Es gibt sie zweifellos. Und sie ist eines dieser Phänomene, die mich fast reflexartig dazu bringen, zu denken: das sollte es nicht geben, so sollte es nicht sein. Mein Schutzmechanismus, um mich nicht damit auseinander setzen zu müssen. Im „wahren“ Leben.

Andererseits die Faszination für Bosch, Rembrandt, Goya, Frida Kahlo, Louise Bourgeois. Eine Faszination, die die sehr deutlich vorhandenen Grausamkeiten in ihren Werken nicht ausklammert, gar nicht ausklammern kann.

Grausamkeit

Natürlich ist es nicht so einfach. Es ist nicht so, dass jemand daher kommt und sagt: Fürchte dich nicht, du bist in Sicherheit, und auf einmal überkommt dich eine überwältigende Ruhe und Gelassenheit, so dass du plötzlich ruhig, besonnen, tiefgründig und sinnlich über all diese Dinge schreiben kannst. Über die Seiten an dir, die du verachtest, für die du dich schämst, die du dir auch Jahre später nicht vergeben kannst. Über deine Niedertracht und Feigheit, darüber wie du Wesen, die sich nicht wehren konnten, gequält hast. Über dieses Böse, das von Anfang an in dir gewesen ist. Dass du häufig erfolgreich niedergerungen hast, aber manchmal eben auch nicht. Wie du als Kind den Hund, den du dir so sehr gewünscht hast, malträtiert hast. Vielleicht, könnten manche sagen, nur deshalb, weil du es nicht besser gewusst hast, du warst ja noch ein Kind, und wusstest nicht, was du tust. Aber da waren die Schreie des Hundes, sein Jaulen, seine vor Schreck geweiteten Augen, und natürlich hast du spätestens in diesem Moment verstanden, was du tust. Aber aufgehört hast du nicht.

18. Januar

Meine kleine Kapelle der Grausamkeit, und wie die kleine Frau sie stürmt (die Worte flossen aus mir heraus, überschwemmten die Zuhörer. Kein Applaus, denn als ich fertig war, waren alle in diesem Wortschwall ertrunken. Niemand mehr übrig, der applaudieren konnte. Nur Stille.)