Parallelgeschichten (3)

Noch mehr als durch ihre erotische Ausstrahlung waren die drei durch ihre Lebensgeschichte verbunden. Das Schicksal hatte sie zufällig zusammengebracht und hielt sie seither streng aneinandergeschmiedet. Gehorsam neigten sie voreinander das Haupt. Über ihre früheren Erlebnisse sprachen sie nicht, weil ihnen der Austausch vertrauter Signale wichtiger war als das Sprechen, oder weil ihnen geraten schien zu schweigen. Wenn es ein paar Dinge gibt, über die man nicht sprechen kann, ergeben sich automatisch hundert andere Dinge, über die man ebenfalls schweigt.“

 

 

Dieser Automatismus des Unaussprechlichen. Wie es aufeinmal immer schwieriger wird, miteinander zu reden.

 

Irgendwann hat man sich einmal entschieden, einen Satz nicht auszusprechen, eine Ansicht für sich zu behalten, und plötzlich wird jedes Wort abgewogen, überlegt, zensiert.

 

Es gibt kein natürliches Hin- und Herfliessen der Worte mehr, sondern ein Selbstbild und ein Fremdbild und die Grenze zwischen beiden, die mit jedem unausgesprochenem Wort einen Stein zu der Mauer hinzufügt, die diese Grenze befestigt.

 

 

Einander nichts vormachen zu müssen, bedeutet noch längst keine grenzenlose Offenheit.

 

 

Und all das spricht Nádas ja nicht aus, es steht in diesen sehr genauen Beschreibungen, in seiner grausamen und gleichzeitig zärtlichen Art nicht die kleinste Kleinigkeit zu übersehen, oder zu verschweigen. Jedes Detail, das er beschreibt, von den violettroten Lippen zu den zierlichen Füßen hat seine Berechtigung, seine Notwendigkeit erzählt zu werden.

 

 

Wie genau, also eigentlich gar nicht wahrnehmbar, hier körperliche und geistige Aktionen Hand in Hand gehen, einander ergänzen, oder widersprechen, aber niemals scheint Nádas die Dualität aus den Augen zu verlieren, nie vernachlässigt er das eine zugunsten des anderen. Und auch sprachlich bilden sich Scham, Verzweiflung, Empörung ab. Was der deutsche Leser der kongenialen Übersetzung Christina Viraghs zu verdanken hat.

 

 

Und so merkte er plötzlich, dass ihm auch sein Gewissen nicht gehörte.“

 

 

Das schlechte Gewissen gut behandeln.

Fortschreiben und dann

Die Tür schließen und das Fenster öffnen. Erst das eine und dann. Gleichzeitigkeit kommt später und gewinnen war einmal. Es wird Frühling und das heißt, dass der Herbst längst vergessen ist. Mehrere Breitengrade nördlich. Aber von Geografie habe ich noch weniger Ahnung als von gutem Benehmen.

Vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran. Ein Hut, ein Stock, ein Re-gen-schirm.

Und was nicht fließt, das tröpfelt.

Das schlechte Gewissen ist ohnehin immer dabei. Dabeisein ist alles. Immer wieder Aufstehen auch. Wer aufgibt, ist ein Spielverderber. Mir fällt nichts ein, darauf falle ich herein. Ich habe die Gabe eines kränklichen Gemüts. Immer auf der Suche nach großen Gesten.

Scherben aus gebrochenen Versprechen sammeln. Ein Versprechen und wie nah das am Sich versprechen liegt und von da ist es nur ein Buchstabensprung zum Verbrecher, der nicht notwendig ein Versager ist.

Es gibt einen Mann, der baut sich aus falschen Versprechen ein Haus. Und so weiter. Und so fort. Wir schreiben uns fort und das ist immerhin ein Anhaltspunkt, zu dem man zurückkehren kann.