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Manchmal vergesse ich, wie man sich unterhält. Wie man eintritt in Gespräche. Wie man Türen öffnet. Und Fenster. Damit sich niemand beengt fühlt. Damit jeder weiß, er kann jederzeit gehen, und gerade deshalb freiwillig bleibt.

 

Großvater

Ich sitze in der Straßenbahn und überlege, wie eine Geschichte über meinen Großvater anfangen könnte. Diesen Mann, der der Partei (sag es: NSDAP) beigetreten ist, um das Haus für seine Familie zu retten (so geht die Erzählung). Und ich habe nicht gefragt, ob die einfache Parteimitgliedschaft vor Enteignung schütze, weiß nicht einmal, ob er selbst seine Parteizugehörigkeit so begründet hat, oder ob diese Begründung etwas ist, das später dazu gekommen ist. Dabei hätte ich mit ihm darüber reden können. Offene Gespräche konnte ich immer mit ihm führen. Als ich in der Pubertät war, gab es kaum jemanden, der mir so vorurteilsfrei und aufmerksam zuhörte wie er. Dieser Mann, der meine kranke und sterbende Großmutter immer wieder tagelang allein ließ. Derselbe, der die alten Kinderfotos so liebevoll und zärtlich beschriftet hat, dass mir beinahe die Tränen kommen, als mein Onkel sie mir zeigte. (lange nach dem Tod des Großvaters). Ein Patriarch, der für seinen Sohn vor Gericht gezogen ist, weil den ein Nachbar geschlagen hatte. Diese widersprüchliche Fiktion, mit der ich groß geworden, in den Urlaub gefahren und immer wieder lange Gespräche geführt habe, an deren Inhalt ich mich nicht erinnere, aber daran, dass ich stets das Gefühl hatte, ernst genommen zu werden, in all meiner Widersprüchlichkeit.

24. Januar

Die Literatur ist im Grunde genommen wie diese Sehnsucht nach einem den eigenen Horizont erweiternden Gespräch, aber hier wie dort ist es viel häufiger, dass lediglich längst Bekanntes endlos wiedergekäut wird. Häufig genug mit einem unangenehm überzogenen Selbstbewusstsein. Schwer zu entscheiden, wo die Grenze verläuft zwischen dem, was notwendig ist, um überhaupt gehört zu werden und dieser irritierend zur Schau gestellten Selbstliebe.

Vielleicht weil ich von dem einen zu wenig habe, erscheint mir das andere schnell zu viel.

Grafitti

Grafitti

 

Als ich die teilweise wunderschönen Grafitties im Tunnel des Bahnhofs entdeckte, habe ich mich erinnert, vor nicht allzu langer Zeit davon gehört oder gelesen zu haben, dass jemand damit begonnen hatte, ein weltweites Graffiti Archiv zu errichten. Dieser Mann reiste nur noch durch die Welt, um Graffiti zu fotografieren. Leider kann ich mich nicht an den Namen erinnern.

 

Was mir noch in den Sinn kam, war Harald Naegli, der in Köln Totentänze an öffentliche Orte gesprayt hat. Das war vor gut zehn Jahren und gerade die Tatsache, dass Naeglis Totentänze nur sehr kurz bestanden, weil Putzkolonnen anrückten, um sie zu entfernen, machte einen Teil der Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens aus. Der Tod gehörte nicht in den öffentlichen Raum, wo er auftauchte, musste er sofort verdrängt und weggewischt werden. Heute wird scheinbar mehr und offener über Tod und Sterben gesprochen. Scheinbar. Denn Antworten, Lösungen und Rituale, die in der Lage wären, die Angst zu besänftigen gibt es heute so wenig wie vor zehn Jahren.

 

Das alles hat natürlich gar nichts mit den Grafittis zu tun, die ich im Tunnel gefunden habe, oder vielleicht ja doch. Vielleicht sind diese Grafitties immer auch ein Gesprächsangebot. Eine schönere Art von Tweet sozusagen.