(38)

Vielleicht brauchen wir auch darum Geschichten, um von Zeit zu Zeit zu vergessen, dass es keine Wahrheit gibt. Das alles nur eine Geschichte ist, die wir uns erzählen. Eine Geschichte, die man auch ganz anders erzählen könnte.

(30)

Ich kann nicht aufhören, mir Geschichten zu erzählen. Von früher. Nie von es wird einmal. Alle meine Geschichten beginnen mit „es war einmal und wird nie wieder“.

 

 

 

Und wenn sie nicht gestorben sind

Und wenn sie nicht gestorben sind

Dann leben sie noch heute

Das ist eine Drohung

Kein es war einmal

Kein Trost

Nur

Dieses Weiterleben

Immer weiter

Als wäre dahinter irgendetwas

Etwas besseres als der Tod

Aber das war ein anderes Märchen

In dem vier ausrangierte Kreaturen

Meinten mit Musik ließe sich was aufziehen

Und unterwegs könnte man etwas besseres finden

Als den Tod

Der sich nicht einmal die Mühe macht

Sich zu verstecken

Wenn man alt ist

Ist es besonders schlimm

So viel es war einmal

Und so viel dann leben sie noch heute

All die Märchen dazwischen

Sind längst Legenden

Geschichten die keiner mehr glaubt

Bis auf die eine

Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

[aus: Bis der Schnee Gewicht hat]

17. Februar

Ein auffallend hübsches Mädchen, blonde Haare unter der Mütze, ernst und sehr verletzlich, sitzt bei drei Frauen. Sie schweigt und scheint nicht zuletzt wegen ihrer Schönheit nicht dazu zu gehören. Früher hätte ich mir Geschichten über sie ausgedacht. Heute bin ich erleichtert, als ich sehe, wie sie in der Nase bohrt.

29. Januar

Früher sind die Geschichten aus mir herausgepurzelt. Ich bin aufgewacht, und schon vorher waren die Worte da, meine Hand bewegte sich einfach so über das Papier, willenlos irgendwie und unglaublich befriedigend und befreiend. Wann habe ich das verloren und warum?

Es muss etwas mit Erwartungen zu tun haben. Alles, was mir das Leben schwer und traurig macht, hat mit Erwartungen zu tun. Sobald die Erwartungen weg sind, wird alles leicht und hell und unerheblich. Als wären die Erwartungen das Brett vor dem Kopf, das jeden Blick verstellt und alles eng und beschränkt macht. Aber offenbar genügt es nicht, das zu wissen, um das Brett endgültig los zu werden. Vielleicht ist das „Ich“ dieses Brett und deshalb kann Kunst und Freiheit und Lust und alles, was wirklich schön und berauschend ist, nur entstehen, wenn man das los wird, selbstlos, das Icht nichten, wie Mechthild von Magdeburg es nennt, Simone Weil, Marguerite Porete. Diese Echtheit, die immer dann ganz selbstverständlich da ist, wenn man sich verliert, hingibt.

Mir ist klar, ich bin unruhig. Mir ist klar, ich bin durchsichtig, wie trübes Wasser. Mir ist klar, ich treibe auf dem Wasser, das mein Leben ist, egal wie sehr ich rudere, es ist vergeblich.

 

 

 

Meine Friseuse

Ihre Großeltern, sagt meine Friseuse, hätten eine Kohlenhandlung besessen. Dort, zwischen den Kohlen, im Kohlenlager der Großeltern, fand die Kindheit statt. Dieses Minimum an Kindheit, das auch ihr zugestanden wurde. Sie ist nicht verbittert. Sie nennt die Dinge beim Namen. Wenn einer Krebs hat, sagt sie er hat Krebs, und wenn einer tot ist, fällt ihr nicht ein, ihn als hingeschieden oder von uns gegangen zu bezeichnen.
Sie ist stabil und zupackend. Sie hat alles im Griff. Sogar ihren Chef.
Ich erzähle ihr von Frau Sadowski und Lisa, von dem Jungen, der vor dem Salon im Regen tanzt und schließlich von Berlin, von der Strafanstalt Tegel und Franz Biberkopf. Erst lächelt sie, dann legt sie die Stirn in Falten. Schließlich schweigt sie nur noch beharrlich.
Wir erzählen uns Geschichten, sage ich, das ist meine Art den Leuten die Haare zu schneiden.
Man merkt, dass Sie eine schwierige Kindheit hatten, sagt sie zum Abschied. Und ich sehe ihr an, dass sie mir verziehen hat.

(21)

Die Erfahrungen, die wir machen; aktiv, lustvoll – und die anderen, die uns widerfahren, sich einschreiben. Einschneiden. In die Gesichter und Geschichten schreiben.

Die Gewalt unüberlegt nachgeplapperter Redewendungen. Einwandfrei. Widerspruchslos. Ein Sprechrhythmus, der sich öffnet für den Sinn, indem er ihn hinter sich lässt. Der Moment Dunkelheit, wenn man durch die Oberfläche ins Innere vordringt.

Eintauchen in die Vergänglichkeit.

(15)

Die Zeit auf später umstellen, und mir wieder Geschichten erzählen. Einfach so, um Geschichten zu erzählen. Aber natürlich gehört das dazu. Das Leiden an der scheinbar endlosen Blockade.

Die Freundlichkeit eines achtlos von mir geschleuderten Tages.