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Der Raum ist weiß gekalkt und vor dem kleinen Fenster steht ein langer roter Tisch. Das rot und rosa und all die leuchtenden Farben. Eine von uns hört einfach nicht auf, schön zu sein. Dünn und zerbrechlich und ausdrucksstark.

Die Frauen tragen Turnschuhe zu festlicher Kleidung. Der Boden ist aus Holz.

Plötzlich kommt es mir seltsam vor, wie man übereinander redet. Wie eine über die andere redet und dann alle applaudieren.

Hochhäuser wie erhobene Zeigefinder und Kinder, die ihrem rechten Zeh von ihrer Seele erzählen.

Aus der Wand kommt mitten in der Nacht ein Sonnenaufgang. Also sitzen wir da im Keller und erzählen einander Geschichten, oder hören ihnen wenigstens zu.

Projektionsflächen der Wahrheit

„Das, was er schrieb, wurde entweder eine Projektionsfläche, die etwas verbarg, oder machte es möglich, die Wahrheit zu sagen.“ (Per Olov Enquist)

Da wo bei anderen Geschichten sind, ordentlich nach Jahren sortierte Begebenheiten, zu dem jeder ein weiteres Detail hinzufügen kann, ist bei mir ein grauer Brei, eine undurchdringliche Masse. Als hätte es mich nicht gegeben. Höchstens eine Stellvertreterin von mir, die auf den Fotos abgebildet ist. Nie ein Foto von Kindergeburtstagen. Als wären allein die Geburtstage der Erwachsenen gefeiert worden. Mit viel Alkohol. Und Tränen.

Vielleicht sind es die Tränen. Die geweinten und die ungeweinten Tränen, die aus den klaren Erinnerungsbildern über die die anderen verfügen, bei mir grauen Brei gemacht haben.

Bestattete Geschichten

Früher dachte ich mir Geschichten aus. Die Bestatter wurden beschattet von meinen Geschichten. Ohne Hand und Fuß. Aber wortreich. Dann trennte ich den Saum der Geschichte auf. So wuchsen die Schatten. Bestatteten die Geschichten. Darunter mich.

Lichtmuster

Die unterschiedlichen, über das ganze Haus verteilten, Lichtquellen. Die Unfähigkeit, Einzelheiten so zusammen zu fügen, dass sie einen Sinn ergeben, ein Muster. Eine von diesen überlebensnotwendigen Geschichten. Stattdessen einfach weitermachen. Wenig später das „einfach“ streichen und nur noch weitermachen.

Eine Altarkerze anzünden, aber längst keinen Wunsch mehr haben, den man mit der neu entzündeten Flamme verbinden könnte. Nur eine weitere Lichtquelle. In einem anderen Haus.

(4)

Er habe eine Frau gefunden, sagt er, die nichts wegwerfen könne. Alles horte sie, es ist unmöglich, irgendeine Art von Ordnung aufrecht zu erhalten. Abends, oder an den Tagen, an denen er nicht unterwegs ist, erzählt er ihr Geschichten. Aber sie hört nicht zu. Sie hört nur, dass man ihr etwas wegnehmen will. Er versteht nicht, wovor sie Angst hat, aber er ist klug genug, um zu wissen, dass man mit Worten nichts ausrichten kann gegen diese Furcht. Sie spricht selten. Eigentlich klagt sie nur, beschwert sich. Er liebt sie trotzdem. Er weiß nicht warum.

„Was, wenn unsere guten Worte wachsen? Wenn sie den, dem sie gesagt wurden, begleiten, mit ihm reifen und älter werden?“ Er hat ihr diese Frage einmal gestellt, und sie hat geweint, bevor sie die Tür so ungewöhnlich leise geschlossen hat, dass er nicht wagte, ihr zu folgen.

Die kleine Frau zählt ihre Falten

Erst muss man alt werden, dann kann man die Taten verschieben auf später.

Die kleine Frau zählt ihre Falten, dann hält sie ihren kleinen Handspiegel so,

dass er die Sonne reflektiert.

Ich wünsche mir Rapunzel und Schneewittchen an den Geburtstagstisch von Dornröschen, an dem ohnehin schon ein Stuhl fehlt.

Wir dürfen nicht aufhören, die Geschichten immer anders zu erzählen, sagt sie.

Um uns dann der Wirklichkeit zu stellen.