(11)

Geschichten, die sich verbiegen, obwohl sie nur aufrichtig sein wollen.

Bestattete Geschichten

Früher dachte ich mir Geschichten aus. Die Bestatter wurden beschattet von meinen Geschichten. Ohne Hand und Fuß. Aber wortreich. Dann trennte ich den Saum der Geschichte auf. So wuchsen die Schatten. Bestatteten die Geschichten. Darunter mich.

Lichtmuster

Die unterschiedlichen, über das ganze Haus verteilten, Lichtquellen. Die Unfähigkeit, Einzelheiten so zusammen zu fügen, dass sie einen Sinn ergeben, ein Muster. Eine von diesen überlebensnotwendigen Geschichten. Stattdessen einfach weitermachen. Wenig später das „einfach“ streichen und nur noch weitermachen.

Eine Altarkerze anzünden, aber längst keinen Wunsch mehr haben, den man mit der neu entzündeten Flamme verbinden könnte. Nur eine weitere Lichtquelle. In einem anderen Haus.

(4)

Er habe eine Frau gefunden, sagt er, die nichts wegwerfen könne. Alles horte sie, es ist unmöglich, irgendeine Art von Ordnung aufrecht zu erhalten. Abends, oder an den Tagen, an denen er nicht unterwegs ist, erzählt er ihr Geschichten. Aber sie hört nicht zu. Sie hört nur, dass man ihr etwas wegnehmen will. Er versteht nicht, wovor sie Angst hat, aber er ist klug genug, um zu wissen, dass man mit Worten nichts ausrichten kann gegen diese Furcht. Sie spricht selten. Eigentlich klagt sie nur, beschwert sich. Er liebt sie trotzdem. Er weiß nicht warum.

„Was, wenn unsere guten Worte wachsen? Wenn sie den, dem sie gesagt wurden, begleiten, mit ihm reifen und älter werden?“ Er hat ihr diese Frage einmal gestellt, und sie hat geweint, bevor sie die Tür so ungewöhnlich leise geschlossen hat, dass er nicht wagte, ihr zu folgen.

Die kleine Frau zählt ihre Falten

Erst muss man alt werden, dann kann man die Taten verschieben auf später.

Die kleine Frau zählt ihre Falten, dann hält sie ihren kleinen Handspiegel so,

dass er die Sonne reflektiert.

Ich wünsche mir Rapunzel und Schneewittchen an den Geburtstagstisch von Dornröschen, an dem ohnehin schon ein Stuhl fehlt.

Wir dürfen nicht aufhören, die Geschichten immer anders zu erzählen, sagt sie.

Um uns dann der Wirklichkeit zu stellen.

 

 

Sprachlosigkeit

Die Zweifel. Und wie man sie täglich überwindet.

Die Vergangenheit beginnt sie aufzufressen, zu verzehren. Bis sie merkt, es gibt eine Vergangenheit, die nichts bedeutet, die lediglich eine Geschichte ist, und eine andere, Vergangenheit, die weh tut.

Es gibt Schichten von Vergangenheit, so wie es gute und schlechte Schmerzen gibt. Was es nicht gibt für sie ist Schmerzfreiheit, Zeitlosigkeit.

Die Vergangenheit ist jetzt, ist ein Teil ihrer Zellen, ihrer Gegenwart. Ein lebender Umkreis um eine leere Mitte. Die letzten warmen Tage des Jahres. Eine Menge unnütze (überflüssige) Informationen, und andere, bedeutende, Botschaften, die sie nicht entschlüsseln kann. Die Geschichte, die ihr Körper über sie erzählt, und die andere Geschichte, die der Verstand erzählt. Und sie selbst ist das, was von diesem Widerstreit sichtbar wird. An die Oberfläche dringt. Also für jeden etwas anderes. Viele unterschiedliche Geschichten. Und doch heißt Individuum das Unteilbare. Krank, alt, verständnislos. Sie sieht ein, dass das nicht teilbar ist. Dass es sich auflösen muss in eine Vielzahl von Geschichten, die nie (?) etwas mit ihr zu tun haben, oder nur zufällig, sondern mit demjenigen, der sie sich ausdenkt, sie glaubt. Sie vielleicht sogar für die einzig mögliche Wahrheit hält. Die Sprache und ihre Sprengkraft.

Ihre Kinder kennen sie nicht anders als mit einem Stapel Bücher auf dem Arm. Oder mit einem Stift in der Hand. Die Mütter in den Büchern, die sie vorgelesen bekommen, gehen ins Büro, stehen mit einem Kochlöffel in der Hand in der Küche, trinken mit Freundinnen Kaffee, telefonieren, treiben Sport. Sie nie. Sie liest und schreibt. Sie ist immer da. Und immer allein.

Sie ist eine Zumutung. Unbeständig in ihrer Bewegungslosigkeit.

Immer wenn sie einen Versuch macht, aufzubrechen, in die Welt zu gehen, die Bücher und den Stift gegen Handlungen, Bewegungen, Welt, einzutauschen, hält eine neue Krankheit sie zurück. Fesselt sie ans Bett, macht ihre Pläne zunichte. Sie beschwert sich nicht, jammert nicht. Sie bleibt, klaglos. Nicht präsent, aber anwesend.

Die Kinder leiden. Gemeinsam mit ihr oder stellvertretend. Wünschen sich weg, wünschen sie weg. Spüren, wie sie das schlechte Gewissen zurückhält.

Forderungen, die nie ausgesprochen werden.

Später werden sie sagen: es war die Sprachlosigkeit, die uns zusammen gehalten hat, und mit einem traurigen Lächeln hinzufügen: Bei einer derart sprachverliebten Mutter.

(38)

Vielleicht brauchen wir auch darum Geschichten, um von Zeit zu Zeit zu vergessen, dass es keine Wahrheit gibt. Das alles nur eine Geschichte ist, die wir uns erzählen. Eine Geschichte, die man auch ganz anders erzählen könnte.