Haushoch ungewollt

Eines meiner grundlegendsten Probleme war immer schon Scham. Als Kind war ich zu groß, später (bis heute) wusste ich zu wenig. Was für andere selbstverständlich war, war für mich eine Entdeckung. Ich konnte vieles nicht einordnen, weil ich die Hintergründe nicht kannte. Im einen wie im anderen Fall fühlte ich mich unterlegen. Keine gute Position, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Und das ist nur der kleinste Teil der Geschichte. Oder jedenfalls derjenige, der am meisten verschweigt.

 

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Die Angst, allein zu sein mit seiner Geschichte. Und was kann man tun mit seiner Angst, außer sie aufzuschreiben, um sie zu überwinden.

Und vielleicht herausfinden, wo der Unterschied liegt zwischen Angst und Schmerz. Oder wie das eine das andere bewirkt. Wie alles zusammenhängt, auch wenn das eine das andere versteckt.

Ursprung

Ist es jetzt sogar mein Körper, der mich zurückweist? Der mir klar zu machen versucht, dass man sich selbst überleben muss. Das gläubige (naive) zuversichtliche Kind, die euphorische (und gleichzeitig überforderte) Mutter. Der Widerstand, wenn ich versuche zwei Fäden zu verknoten. Nicht darüber hinweg gehen, sondern versuchen, herauszufinden, woher dieser Widerstand kommt. Warum er da ist, den Ursprung suchen.

Hineinfallen in diese Welt, in der mir Wörter und Sätze ins letzte Hemd fallen, das ich dem Himmel erwartungsvoll entgegenstrecke, ohne zu wissen, ob das, was da vom Himmel fällt, mir Löcher ins Hemd reißt (das immerhin das letzte ist), oder Goldstücke herabregnen, die mich endlich frei von Sorgen existieren lassen. Ich: ein Fragezeichen mit einem ängstlich ausgestrecktem Hemd. Denn ohne die Angst scheint es nicht zu gehen, und die Frage ist müßig, ob zuerst der Schmerz da gewesen ist, oder die Angst. Hat die Angst den Schmerz geboren, oder ist der Schmerz der Grund für die Angst? Ein Schmerz, der verschwinden würde, sich in das Nichts der nachtblauen Luft auflösen würde, wenn die Angst nicht mehr wäre? Diese Frage ist vielleicht das Hemd, das ich mit beiden Händen umklammert halte, obwohl nichts vom Himmel fällt. Absolut nichts. Aber solange ich mich am Hemd festhalte, wird der Abgrund, der Ursprung, mich nicht verschlingen. Aber will ich nicht genau das; verschlungen werden? Das Hemd ist die Lüge, die das, was mir Angst macht, mich aber gleichzeitig (als einziges!) retten und heilen könnte, bedeckt. Unter dem Hemd ist die nackte Wahrheit.

Meine GEschichte liegt klar vor mir. Ich bin nur ein Leben lang zu schwach und zu feige gewesen, es zu entziffern. Die Umwege, Erinnerungen, Ausflüchte. Dieses seltsame Gefühl, wenn die Zeiten, die Toten und die Lebenden, das, was gewesen ist und das, was sein wird, zusammenfließen. Wenn es gelingt das zuzulassen, dass man selbst ausgelöscht wird, und zu einem Bild wird. Oder zu einem Satz. Geschrieben mit roter Tinte auf dünnem Papier. Bis die Angst wieder zupackt, und mich wegreißt von diesem Paradies, hinein in die Zweifel und Paradoxien eines ganz normalen menschlichen Lebens. Vergänglich. Im Gegensatz zur Schrift.

Leeres Gefäß

Ölgemälde „Die Quelle“ – Ursprung zum Projekt DAS KLEID- Elisabeth Masé

Es gab jene, die fürchteten mein Haar.

Es war rot, wie dieser Faden, mit denen sie ihre Geschichte

dem Stoff übergaben, es machte mich unverwechselbar.

Ich verlor den Kopf, wurde ein leeres Gefäß.

Man zog mich an.

Ich aber zog mich zurück in die Geschichten,

die mein Gesicht haben und kein Geschlecht.

Die wir einander schweigend erzählen.

Mit jedem Blick.

Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“

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Jeder Mensch hat ein Talent. Und böse oder traurig, gefährlich oder vollkommen nichtsnutzig wird er nur dann, wenn er dieses Talent nicht ausüben, ausleben kann. Wenn er so neben sich her leben muss, an sich vorbei. Weil er an das Talent allein nicht glauben kann, oder Angst hat, oder sich weigert, ausgerechnet dieses Talent zu haben. Und dann zählt er lieber wie viele Tage noch bis zu seinem Tod. Und wenn das nicht mehr geht, wenn einfach nichts mehr auszuhalten, aber auch nicht zu ändern ist, dann liest dieser Mensch eben ein Buch.

Die Geschichte, die in mir steckte, war spätestens mit dem frühen Tod meines Vaters so unübersichtlich geworden, dass ich den Trost von Geschichten mit Anfang, Mitte und Ende, mit Handlungen und Sinn, mit einem Ziel und nachvollziehbaren Gründen, bitter nötig hatte.

19. Januar

Unsere blassen Gesichter in der Bahn, gespiegelt von anderen durchscheinend weißen Gesichtern.

Ein Kind steigt mit seinen kurzen Beinen tapfer die hohen Stufen des Ausstiegs herab. Keiner hat es eilig. Zwei Frauen lächeln einander erleichtert zu, als das Kind die große Aufgabe ohne Zwischenfall bewältigt hat.

Es ist wahr, wirklich aufregend und bereichernd ist das Schreiben nur, wenn ich zu Beginn keine Ahnung habe, was am Ende auf dem Papier stehen wird.

 

Worüber kann ich reden, welche Fragen stellen, wenn ich glaube, dass am Ende nichts bleibt? Und ich mich nicht einmal freuen kann, wenn mein eigenes Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung im Regal steht? Wenn alles nur vorläufig ist, weil jeder Moment der Gegenwart mich mit der Vergangenheit konfrontiert.

Dieses unerträgliche Paradox, dass die Liebe zu meinen Kindern von Anfang an bedeutet, sie zu befähigen, ohne mich zu überleben, zurecht zu kommen, glücklich zu sein.

 

Irgendwann werde ich aufhören, Tagebuch zu schreiben, um wieder Geschichten zu verfassen. Eine in der irgendwann diese Worte fallen: „Zwing mich nicht, glücklich zu sein. Ich habe kein Talent dazu.“

 

 

Textrecyling

Es ist nicht der Vergleich, der glänzt. Nicht das Gold, das blendet. Ausblendet, was wirklich ist. „Erfolg ist für Looser. Sie nennen es Quote.“ (Rainald Goetz).

Die Sache mit den Bildern, mit den Stricken. Mit dem loslassen (sowieso). Und Licht. Belichtung und wie sich dann alles umkehrt. Ist das ein Märchen? (ihre goldenen Häarchen). Also wegtauschen? Bis nichts mehr da ist, außer einem unbeschwerten Weg?

Was wäre, wenn Rapunzel Hans im Glück begegnet wäre? Nicht dem einfaltslosen, treuen Beamten Prinz, sondern Hans, diesem Typ, der alles fallen lässt. Der Meister im Loslassen. Bei mir (mit mir!) bist du immer frei. (Keine Verwandlung. Keine böse Überraschung.)

„Das beschädigte Leben, das sich in unsere Bedürfnisse verheddert hat.“ (Jörg Albrecht). Die verwunschenen Trampelpfade. Über Stock und Stein. So ähnlich hatte sie sich das vorgestellt. Ging das jetzt besser mit einem Prinzen oder mit einem, der von einem Reinfall in den nächsten taumelt, aber immerhin jedes Mal wieder aufsteht. (Die Geschichten. Und wo sie hingehören.) Die Anfänge, die niemand zu Ende bringt. Eine Geschichte aus lauter Anfängen. Das wäre es, was sie mit ihm erleben würde. Anfangen. Und dann loslassen. Die einzige Bedingung: niemals diese Frage zu stellen: Und dann?

Die Gedanken loslassen und schweigen. Auf diese Art darüber reden; mit Bildern, mit Gesten, mit einer Berührung vielleicht.

Ein ereignisarmes Leben. Aber glücklich. (Die Ereignisse eingetauscht gegen das Glück.)

[Dank an die Gebrüder Grimm, Jörg Albrecht, Rainald Goetz]