Das Mädchen, das alle Geheimnisse kennt

In der Parallelstraße wohnt ein kleines Mädchen, das alle Geheimnisse der Welt kennt, und deshalb unglaublich einsam, traurig und müde ist. Jeden Tag versucht sie verzweifelt zu vergessen. Sie weiß nur dieses Eine nicht; dass das Vergessen ganz von allein geschieht, wenn sie erwachsen ist. Sie wird eine ernste erwachsene Frau sein, die immer noch einige Geheimnisse kennt. Mehr als die meisten Menschen. Sie wird eine unerklärliche Leidenschaft für Hütchenspieler haben. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie sie aussehen wird. Genau darin, liegt das Problem meines Schreibens.

Geheimnis

Anne Carson schreibt über die Rolle des Schweigens, der Reduktion und Auslassung beim Erzählen. Klischees als Fragen und die Katastrophe als Antwort. Wenn sie Francis Bacon zitiert, der zu einem Interviewer sagt: „Sehen Sie, das ist der Punkt, an dem sich über das Malen absolut nicht sprechen lässt. Es liegt im Prozess“, denke ich unwillkürlich an Olga Martynovas kluge Antwort auf die Frage, wie sie das macht, ihren Roman zu schreiben. Es ist als würden die Uneingeweihten hinter ein Geheimnis kommen wollen, es aufdecken wollen, von dem sie glauben, die Künstler würden es sorgfältig hüten. Dabei gibt es dieses Geheimnis nicht. Oder es liegt einfach darin, dass niemand davon sprechen kann. Dass etwas geschieht, wenn man nicht nur die richtigen Fragen stellt, sondern sich diesen Fragen stellt, mit allen Zweifeln und Unsicherheiten und der Beharrlichkeit dennoch Antworten zu finden. Und das was während dieser Auseinandersetzung geschieht, ist dann vielleicht Literatur, Kunst, etwas, das etwas bedeutet, was nicht genauer übersetzbar ist. Eine Verbindung herstellt zum Urtext mit dem wir alle verbunden sind, ohne es klar ausdrücken zu können.

 

Geheimnis

Ohne Titel

 

Geheimnis. Auch so ein großes Wort, über das es viel zu sagen und noch mehr nachzudenken gibt.

Wie sehr Kinder Geheimnisse brauchen zum Beispiel, und wie sich sowohl die Art als auch der Umgang mit den Geheimnissen im Laufe der Jahre, im Laufe der Entwicklung ändern.

Wobei eigentlich zunächst die Frage zu klären wäre, was ein Geheimnis ist. Eine Frage, die sofort deutlich macht, dass es selbstverständlich keine einfache und erst Recht keine eindeutige Antwort auf diese Frage geben kann.

Da ist zum einen das, was vorsätzlich verschwiegen wird, verborgen. Das dunkle Familiengeheimnis zum Beispiel, und am anderen Ende der Antwortmöglichkeiten das schlichtweg nicht Erklärbare. Das, was sich jedem sprachlichen Zugriff entzieht (und zumindest für mich persönlich der größte Impuls, vielleicht der Urgrund für Kunst überhaupt ist). In beiden Fällen geht es um Wahrheit, um einen unterschiedlichen, sogar diametral entgegengesetzten, Umgang mit der Wahrheit.

Und dann gibt es noch all die Definitionen, die dazwischen liegen, wie die Aussage David Vanns, der den Unterschied zwischen Blog und Roman – „ein Unterschied, der letzteren wesentlich weniger interessant mache -, darin sieht, dass es dem Blog an Anspielungen, an Hintersinn, an Geheimnis mangle.“ (Claudio Magris in Heft 6/2014 der Akzente)

 

Geheimnis.

Meine letzten Überlegungen zum Begriff Heimat bestanden darin, dass ich mir bewusst geworden bin, dass ich nach einem Ursprung suchen möchte, nach einem Urgrund dieses Begriffes, um das Wesen der „Heimat“ aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte nachvollziehen zu können. Das ist natürlich ein Unterfangen, das ich nicht in wenigen Tagen, quasi zwischendurch erledigen kann. Ich müsste recherchieren, lesen, überlegen. Das alles braucht Zeit.
Und wäre vermutlich gar nicht zu bewältigen, wenn nicht viele andere Menschen, bewusst oder unbewusst schon seit langem oder gerade eben an genau demselben Projekt arbeiten würden.
Ihre ganz eigene Geschichte dieses Begriffes erzählen. Wie Mary am Meer, die Heimat im Geheimnis entdeckt hat.

Oskar Zwintscher – Der Tote am Meer

 

Während die „guten Frauen“ auf den ersten Blick klischeehaft erscheinen, sind die Bilder der „bösen Frauen“ sämtlich geheimnisvoll, voller Widersprüche, durch die sei eine unmittelbare Spannung entfalten.

 

Hier ist es Oskar Zwintschers „Der Tote am Meer“ aus dem Jahr 1913, der die größte Anziehungskraft auf mich ausübt.

Eine, in ein langes Gewand gehüllte Frau, betrachtet einen nackten, leblosen Männerkörper am Strand. Während der Mann mit dem Sand zu verschmelzen scheint, setzt sich das Blau des Horizonts in der Kleidung der Frau fort. Die Frau wirft einen minimalen seitlichen Schatten auf den Mann, der noch nicht alt zu sein scheint. Obwohl sein rötliches Haar sich bereits zu lichten beginnt. Das Gesicht der Frau ist dem Mann zugewandt und somit für den Betrachter nur teilweise zu erkennen. Die Frau trauert nicht, ihr Blick verrät auch keine Neugier. Mir erscheint er andächtig. Eher in sich und das Wunder des Lebens als in den toten Körper versunken.

Das allein, sowie ihre Verhüllung durch die Kleidung und die vor der Brust verschränkten Arme, genügt aber nicht, um ihr Geheimnis zu erklären. Fast scheint dieses Bild auszusagen, dass es nicht der Tod ist, der rätselhaft ist, sondern vielmehr das Leben.