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Es geht um Veränderung. Und wie sie zum Stillstand kommt. Wie das Leben kommt und geht, und nur die Angst bleibt. Die Erinnerung, die alles enger macht, kleiner, unklarer und begrenzter im Jetzt. Die Frage, wo die Gefühle geblieben sind, die Leidenschaft. Ein Jahr und noch ein Jahr. Noch mehr Vergangenheit. Noch weniger Gegenwart.

 

Heimat

Es ist schon lange her, vier Jahre, dass dieser Text auf den Gleisbauarbeiten erschienen ist, aber als ich ihn heute gelesen habe, hat er einiges in mir in Bewegung gesetzt.

Denn es geht u.a. auch um Heimat, ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. „Heimat“, schrieb Uwe Johnson, „ist da, wo meine Erinnerung Bescheid weiß.“ „Der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, ist immer die Vergangenheit“, schreibt Melusine. Also ist Heimat der Ort, der unwiederbringlich hinter uns liegt. Das ist scharf beobachtet, gut auf den Punkt gebracht. Aber es muss auch eine Heimat geben in der Gegenwart. Im besten Fall ein Ort, in dem alles ineinander fließt; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Hoffnung für die Zukunft, eine Hoffnung, die antreibt schwierige Dinge in die Hand zu nehmen, das, was noch verbesserungswürdig erscheint, tatkräftig zu verbessern, Utopien zu entwickeln, an denen man scheitern und sich wieder aufrichten kann. Eine Heimat, die die Vergänglichkeit akzeptiert, und aus dieser Einsicht die Kraft bezieht, den Moment und die Gegenwart zu leben und zu lieben, die gleichzeitig Vorausschau schenkt für die Zukunft. Nicht nur für die eigene, sondern bestenfalls für die einer Welt, von der man nicht aufhört zu glauben, dass sie sich bessern kann, ein friedlicherer, lebenswerterer Ort werden kann. Eine Heimat, die so einen Knotenpunkt bereitstellen und aufrecht erhalten kann, wo ist die?

Mein Platz am Küchentisch, wenn alle das Haus verlassen haben? Wenn ich ein paar Stunden lang allein bin, mit meinen Gedanken, den Büchern und dem Papier. Aber auch mit der Gewissheit, dass die anderen zurückkehren werden, im Laufe des Tages. Mit der Freude darüber, dass wir ein Netz bilden, dessen Maschen mal enger mal loser gewoben sind, aber dem wir vertrauen können, dass es nicht reißt?

Das ist der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, und in die Zukunft schaut. Wo Leben stattfindet. Lebendige Gegenwart.

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Frei schreiben, ohne Punkt und Komma, ohne Zensor, unkontrolliert, aber nicht frei. Mit einem roten Füller. Viel zu teuer. Das Fett springt geräuschvoll in der Pfanne. Meine Erinnerungen engen mich ein, halten mich zurück. Entlassen mich nur selten in die Gegenwart. Wo war ich, als ich das erlebte, wonach ich mich jetzt so schmerzhaft zurücksehne? War ich nicht auch da woanders? In der Zukunft? Zerrissen zwischen Ehrgeiz und Zweifel? Und ist das, von dem ich heute glaube, es seien schöne, unwiederbringlich verlorene Momente, nur die Trauer um nicht in der Gegenwart verbrachte Augenblicke? Ein Vergehen, das ich seither (schon immer?) beständig wiederhole?

 

Diese Unfähigkeit in Ruhe zu arbeiten. Ohne Publikum und Bestätigung. Meine Sucht nach Aufmerksamkeit und Ansprache. Mein Vermeidungsverhalten. Die Sehnsucht. Der Zwang. Diese immer lauter werdende Stimme, die unentwegt wiederholt: das schaffst du nicht.

Transformation (7)

Schneewittchen

Ein bisschen Dankbarkeit, das sich auf der Haut verteilt, völlig unpolitisch, vereinfachend über den Körper weht, sanft, wohltuend. Eine sommerliche Beschwichtigung, statt einer Auflehnung gegen das, was kommen wird, aufgehen in diesem Moment, der alles birgt und verleugnet, der sicher wie der Held im Märchen weiß, wohin der Weg führt, indem er auf seine Kraft, seinen Mut und seine Intuition vertraut, sich dem Schicksal und seiner Bestimmung hingibt, bis jemand, der stolpert, dafür sorgt, dass der verkantete Apfelschnitz nicht länger für Stillstand sorgt.

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Eingewickelt in die Täuschungen der Gegenwart. Fragmente, Bruchstücke.

Draußen beginnt es langsam zu dämmern. Die Heizung schnurrt leise vor sich hin.

Wie können einen die Dinge, die man nicht getan hat, dermaßen verfolgen? Das hatte ich ein paar Tage bevor ich diese Stelle las, geschrieben:

„Vor allem einer von ihnen hatte sich mir eingeprägt. Bekleidet mit einem hellgelben Anzug, weißen Joggingschuhen und einem Strohhut, tauchte er zum ersten Mal leicht wankend an einem Septemberabend an der Kreuzung David Bagares gata auf, aber es war nicht so sehr seine Kleidung, die ihn von den anderen unterschied, sondern eher seine Ausstrahlung, denn während ich die anderen als Teil eines Kollektivs wahrnahm, ältere Männer, die ausgingen, um sich mit ihren Ehefrauen zu amüsieren, einander so sehr ähnelnd, dass man den Einzelnen sofort vergaß, wenn man woanders hinsah, war er auch dann noch allein, wenn er sich mit jemandem unterhielt. Am auffälligsten an ihm war jedoch der Wille, den er ausstrahlte und der in dieser Menschenansammlung einzigartig war. Als er in die Menge im Foyer hastete, wurde mir schlagartig klar, dass er nach etwas suchte und es dort nicht finden würde, wahrscheinlich auch nirgendwo sonst. Die Zeit war ihm davongelaufen, und mit ihr die Welt.“ (Knausgard, Sterben)

Über den Tod

Ein guter Tod

 

Was soll das sein?

Im Mittelalter hatte man eine Vorstellung davon. Sterbebüchlein sollten helfen, sich auf einen „guten Tod“ vorzubereiten. Dieses Ideal zu erreichen.

Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, rief mich einer der Professoren, die meine Diplomarbeit betreut und begutachtet hatten an, um zu fragen, ob ich in seinem Seminar eine Stunde übernehmen wollte. Ich sollte über die gewandelten Vorstellungen von einem guten Tod sprechen.

Ich fragte die Studenten, was für einen Tod sie sich wünschten.

Dreißig Augenpaare, die mich verständnislos ansahen. Keiner hatte jemals über eine in ihren Augen offensichtlich absurde Frage nachgedacht.

Das ist jetzt über zehn Jahre her. Hat sich etwas geändert?

Würde ich heute Antworten bekommen?

Ich hatte damit gerechnet, dass man mir antworten würde: Ich möchte einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen.

Das, hatte ich gedacht, ist das Ideal der Gegenwart.

 

 

03. März

Über Nacht sind wir groß geworden

wir singen: wir waren klein“ …

Diese Zeilen aus einem Gedicht von Fouad El-Auwad, das ich gestern morgen gelesen habe, begleiteten mich durch den ganzen Tag. Schmerzlich schön. Wobei das „schön“ sich in diesem Fall nur darauf bezieht, dass jemand Worte gefunden hat für den Schmerz, unter dem ich gerade in der letzten Zeit wieder so sehr leide. Verlust. Verlust der Kinder, der eigenen Jugend, Gesundheit, Perspektiven. Vor lauter fehlender Zukunft keine Gegenwart mehr.

Dumm, aber momentan unheilbar. Nur unterbrechbar, durch schöne Momente und Literatur.