Spiel

Was, fragte sie mich[i], ist aus den drei Menschen geworden, die vor Jahren hier, in diesem alten Haus, Verstecken gespielt haben?

Die eine von ihnen, sagte ich, rückt immer näher an den absoluten Stillstand, während die zwei anderen sich in noch nicht absehbare Richtungen entfalten. Das war nicht, was sie meinte. Ich wusste es ja.

Vielleicht Narben, sagte ich. Hinweisschilder. Verbote. Vielleicht nur ab und zu ein zärtlich geborgenes Gefühl im Traum.

Aber das Spiel, sagte sie. Wo ist denn um Himmels willen das Spiel geblieben?

Das war zwei Tage vor ihrem Tod.

 

 

[i] Und sie meinte es ernst

Angst

Ein neu gewebter Vorhang aus Schatten, hinter dem die Bilder jegliche Reihenfolge auslöschen und endlich nichts mehr bedeuten, weil sie nicht miteinander verbunden sind. Weil ein seltsames (unverständliches) Assoziationsgesetz sie trennt und auflöst, während dem Verstand nichts übrig bleibt, der narkotisierenden Schlaftablette zu folgen, (sich auslöschen zu lassen) damit er Morgen mit jäh erwachter, grunderneuerter Vernunft allem (und besonders sich selbst) entgegen treten kann.

Heute spüre ich sehr deutlich die Angst, wie ein ausschwärmender Ameisenhaufen breitet sie sich in mir aus, vom Kopf gesteuert fließt sie durch die Nervenbahnen, erfasst den Körper, bis nach und nach alles gelähmt ist, die Bewegungsfähigkeit, insbesondere aber die Fähigkeit zu denken zum Erliegen kommt. Stillstand. Dann hat die Angst ihr Ziel erreicht.

Häufig ohne dass ich sie zuvor recht wahrgenommen habe. Ich verwechsele sie häufig. Mit Einsamkeit, mit Traurigkeit, mit einem generellen Unvermögen meinerseits mein Leben zu meistern. An mich zu glauben. Als wäre ich nur das, was andere in mir sehen, oder nur das, was ich leiste. Und wenn das immer weniger wird, lösche ich nach und nach aus, wie eine Kerze, der der Sauerstoff entzogen wird.

Wenn die Angst wütet, ohne dass es mir gelingt sie wahrzunehmen, sie als Angst zu identifizieren, feuert sie verletzende und verunsichernde Gedanken ab, wie ein Schnellfeuergewehr. Sie verwundet mich, sie schwächt mich so sehr, dass ich mich nicht wehren kann. Die Angst löscht die Vorstellung von Mut aus.

Dabei möchte sie nur wahrgenommen werden, gespürt. Aber statt dessen räume ich auf, kaufe ein, fange tausend Texte und Projekte an, und wundere mich, warum ich mich weder konzentrieren noch beruhigen kann. Nur immer wieder murmeln: ich habe Angst. Ohne sie zu spüren.

07. Februar

Die Tage, die ich zähle. Die Zwänge, denen ich mich aussetze.

Wir müssen über den Schmerz reden. Über seine Rolle in meinem Leben.

Der Himmel fast klar, aber dennoch Regen.

Die politische Situation, Diskussion, überfordert mich. Nicht möglich eine Stellung zu beziehen, die aus mehr als Gefühlen und Zweifeln besteht.

(6)

Ich gefalle mir in einer Rolle (aktiv, tapfer, fleißig), dabei bin ich das nicht. Eine Frau Holle, die energisch die falschen Adjektive aus dem eigenen Kopf schüttelt, statt mit den Flocken zu spielen, Zuschreibungen anzuprobieren wie Kostüme, neugierig, aber erwartungslos.

Wie gerne würde ich meinen Kindern etwas mehr Leichtigkeit vermitteln und mitgeben, statt dieser falschen Hektik, dem übertriebenen Ernst.

Erzähl eine Geschichte und hab Spaß daran, statt dich zu fragen, wer dir glauben wird.

Ist es wirklich so, dass Verstand und Gefühl beständig in uns streiten? Der Wille etwas zu leisten und das Gefühl das alles nicht zu schaffen?

Die faszinierende Figur der Penelope, und dass es mir immer höchstens einen Tag lang gelingt, mich an meine eigenen Pläne zu halten.

 

Heimat (Third culture)

 

 

So viel hat sich bislang überdeutlich abgezeichnet; Heimat ist ein Begriff, der weder eindeutig noch einfach zu definieren ist.

Flucht und Migration spielen eine Rolle und auch die Luxus Variante der Third culture kids.

Bereits in den 1950er Jahren prägten die Sozialwissenschaftlicher John und Hill Useem den Begriff der „third culture kids“, für Kinder von Eltern, die berufsbedingt zunehmend nicht nur die Stadt, sondern auch das Land wechseln. Der ausschlaggebende Punkt, so die Wissenschaft, ob das so ständig verpflanzte Kind ein Heimatgefühl hat oder nicht, ist weniger die Dauer der im Ausland verbrachten Jahre, oder die Anzahl der Orte, an denen es gelebt hat, als vielmehr die sogenannte Latenzzeit zwischen fünf und zehn Jahren, während der Kinder ihre Identität und ihre Werte ausbilden.

 

Ist Heimat also eher ein Zustand als ein Ort?

Ein, nur in den meisten Fällen, an einen Ort gebundener Zustand?

Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Heimat kein Ort ist, sondern ein Gefühl, oder vielleicht sogar nur die Erinnerung an ein Gefühl.

 

Aber das ist ein relativ neues Phänomen. Heimat muss einen ganz anderen Stellenwert, auch eine andere Definition gehabt haben. Ein anderes Gefühl muss damit verbunden gewesen sein. So etwas wie „Heimat“ ist eben nicht zuletzt hochgradig vom jeweiligen Zeitgeist abhängig. (und mir fällt es dabei schwer die Grenze zu ziehen zwischen biografischen, persönlichen Empfindungen und gesellschaftlichen Zuschreibungen, dem, was wir eben Zeitgeist nennen).

Um diese Hypothese der Andersartigkeit von Heimat und Heimatgefühl besser verstehen zu können, möchte ich herausfinden, wann die Veränderung begonnen hat und welche Einflüsse dafür verantwortlich gewesen sind. Also zunächst einmal, wie Heimat früher empfunden und beschrieben worden ist. Ob es so etwas gibt wie einen Ursprung des Begriffes „Heimat“. Einen Zeitpunkt (und Anlass!) zu dem sich dieser Begriff gebildet hat, um von da aus zu wachsen und zu schrumpfen, sich ständig zu verändern und zu entwickeln. Seine (von Anfang an angelegte) Widersprüchlichkeit zu entfalten.

 

Und eine andere (aber natürlich damit verbundene) Frage:

Ist Heimat ein „hin“ (Hingabe, Hinsehen, hingehen…), oder eher ein „her“ (Herkunft, Herkommen, hergeben, heraus)

Und da ist wohl auch einer der Schnittpunkte mit meiner eigenen Geschichte, mein Leben zwischen hinein und heraus, irgendwie heimatlos.

Denn Heimat ist weder hinein noch heraus, sondern einfach Da sein.

Vielleicht ist das, worum es immer und überall geht der Versuch über sich hinaus zu gehen, seine Heimat in der Bewegung zu finden, zwischen Grenzen, die scheinbar ausschließlich und undurchdringbar sind (zumindest aber nicht übertreten werden dürfen), seine Heimat in der Bewegung zu finden, damit die Gegensätze aus denen das Leben besteht, einen nicht zerreissen.