Tadeusz Dabrowski – Gedicht ohne Geheimnis

Schleusentechniker in der Weichselniederung sein,

auf einem unbedeutenden Kanalabschnitt,

mitten in der flachen Landschaft. Jeden Tag

mit dem Rad zu einem Betonhäuschen fahren,

kleiner als ein Zeitungskiosk. Durch das quadratische

Fenster die Auf- und Untergänge der Sonne

beobachten. Keine Ahnung von Kunst haben, wissen,

wo Hechte lauern und wo Aale. An

nebligen Morgen Tee mit Spiritus

trinken und dabei im Radio, das nur einen Sender

empfängt, hören, dass auf der Welt über

zehn Millionen Arten von Pflanzen und

Tieren leben, und es nicht glauben können, oder,

dass es Länder gibt, wo Menschen an Hunger

sterben, darüber ins Grübeln geraten, vergessen,

die Schleuse zu schließen. Einige Wiesen überschwemmen.

Und keinerlei Konsequenzen dafür tragen.

[weil es gerade so aktuell ist. Mein Lieblingsgedicht von ihm über seinen Vater reiche ich bei Gelegenheit nach]

(1)

Das neue Jahr beginnt gesundheitlich schlecht, aber intellektuell sehr inspirierend. Lese immer noch und immer wieder in den großartigen Literaturzeitschriften, die mich im letzten Monat erreicht haben, und dann dieses schöne zugewandte Interview von Wepsert mit der wunderbaren Pega Mund. Daraufhin gestern wieder die alten Märchenbücher hervorgeholt. Das erste Mal bei einem Projekt etwas anderes als einen Text eingereicht.

(33)

Es ist die Stimmung, die Musik, der Ton, eine Art surrealistischer Sog, der mich ein Gedicht vor allen anderen bevorzugen lässt, der dazu führt, dass ich mir den Namen merke und mehr von diesem Dichter lesen will. Es ist eine Art Verbindung, die sich in diesen Fällen einstellt, die nichts mit intellektuellem Verstehen zu tun hat, vielleicht unterhalb des Verstehens, oder etwas, das darüber hinaus geht.

 

Eitle Dichter

Tod wo ist dein Stachel. Damit spielt sie. Und mit den Bienen. Den Hornissen bei Anne Sexton. Den Bienen bei Thomas Kling.

Was ist der Unterschied zwischen einem guten und einem eitlen Dichter?

Zwetajewa an Gronski:

Die Worte in Ihren Gedichten sind zum größten Teil austauschbar, also sind es nicht die richtigen. Die Grundeinheit Ihrer Gedichte ist vorläufig der Satz und nicht das Wort. (…) Sie sind noch ein bißchen zu laut.“

Und ich merke, ich bin ein eitler Dichter. Ich warte nicht, bis ich etwas zu sagen habe. Etwas hinreichend bedeutendes. Etwas, das ausformuliert ist. Etwas, dem ich gründlich nachgegangen bin. Ich schreibe dies und das, um nicht in Vergessenheit zu geraten, um mir immer wieder meine Portion Aufmerksamkeit abzuholen.

Das ist keine Aufrichtigkeit. Das ist sich strecken nach Dingen, egal was für Dinge es sind, Hauptsache man bekommt seinen Teil davon ab.

Kerstin Becker – Biestmilch

Ilse Aichinger hat darauf hingewiesen, dass das Schwierigste und zugleich Unverzichtbarste am Schreiben das Schweigen sei. Ich bin mir sicher, dass Kerstin Becker sehr gut versteht, was damit gemeint ist. Nicht nur weil vier Jahre Arbeit in ihrem klug und genau durchkomponierten Gedichtband stecken, sondern vor allem, weil man lange schweigen muss, bis die Bilder der Kindheit mit solch einer Klarheit und poetischen Kraft hervortreten können, wie es in „Biestmilch“ geschieht.

Und wenn sie nicht gestorben sind

Und wenn sie nicht gestorben sind

Dann leben sie noch heute

Das ist eine Drohung

Kein es war einmal

Kein Trost

Nur

Dieses Weiterleben

Immer weiter

Als wäre dahinter irgendetwas

Etwas besseres als der Tod

Aber das war ein anderes Märchen

In dem vier ausrangierte Kreaturen

Meinten mit Musik ließe sich was aufziehen

Und unterwegs könnte man etwas besseres finden

Als den Tod

Der sich nicht einmal die Mühe macht

Sich zu verstecken

Wenn man alt ist

Ist es besonders schlimm

So viel es war einmal

Und so viel dann leben sie noch heute

All die Märchen dazwischen

Sind längst Legenden

Geschichten die keiner mehr glaubt

Bis auf die eine

Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

[aus: Bis der Schnee Gewicht hat]

Zum Todestag von Anne Sexton

Sehr geehrte Frau Sexton,

 

Allmählich wird es hell

Das Licht teilt das Wasser

D.h. ich könnte gehen

Wenn ich mich bloß erinnern könnte

Wie man einen Schritt vor den anderen setzt

Statt ihnen hinterher zu trauern

Bevor sie gegangen sind

 

Ihnen zu schreiben

Ist ein wenig so

Als würde jemand ein Portrait von mir malen lassen

Nur um es später in einem modrigen Keller zu vergessen

(allein des Geruches wegen)

Ich möchte Sie fragen ob Sie jemals über Lots Frau nachgedacht haben

Ich meine warum sah sie zurück?

Ich stelle mir vor

Wie Sie mit Frau Plath an der Theke sitzen

Sie unterhalten sich über den Tod

Sie amüsieren sich prächtig

In einer dunklen Ecke sitze ich

Ich schreibe Ihnen dann zerreiße ich die Briefe und rudere zurück

Habe ich Ihnen das jemals erzählt?

Ich habe Kinder, wie Sie

Wenn ich sie morgens weggebracht habe an diese Orte

An denen sie lernen wie traurig das Leben ist,

Sitze ich im Auto auf dem Parkplatz

Meistens ist es grau und feucht und lau.

Irgendetwas in mir versucht mich zu wecken

Ich denke schon lange nicht mehr, aber ich schreibe

Als wäre das ein Grund noch länger zu leben

Ich habe bald Ihr Alter erreicht, Frau Sexton,

Das macht mir Angst.

Wir haben nur scheinbar einige Dinge gemeinsam

Wenn ich die Insel erreiche (rudernd)

Werde ich an Lots Frau schreiben.