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Es ist die Stimmung, die Musik, der Ton, eine Art surrealistischer Sog, der mich ein Gedicht vor allen anderen bevorzugen lässt, der dazu führt, dass ich mir den Namen merke und mehr von diesem Dichter lesen will. Es ist eine Art Verbindung, die sich in diesen Fällen einstellt, die nichts mit intellektuellem Verstehen zu tun hat, vielleicht unterhalb des Verstehens, oder etwas, das darüber hinaus geht.

 

Eitle Dichter

Tod wo ist dein Stachel. Damit spielt sie. Und mit den Bienen. Den Hornissen bei Anne Sexton. Den Bienen bei Thomas Kling.

Was ist der Unterschied zwischen einem guten und einem eitlen Dichter?

Zwetajewa an Gronski:

Die Worte in Ihren Gedichten sind zum größten Teil austauschbar, also sind es nicht die richtigen. Die Grundeinheit Ihrer Gedichte ist vorläufig der Satz und nicht das Wort. (…) Sie sind noch ein bißchen zu laut.“

Und ich merke, ich bin ein eitler Dichter. Ich warte nicht, bis ich etwas zu sagen habe. Etwas hinreichend bedeutendes. Etwas, das ausformuliert ist. Etwas, dem ich gründlich nachgegangen bin. Ich schreibe dies und das, um nicht in Vergessenheit zu geraten, um mir immer wieder meine Portion Aufmerksamkeit abzuholen.

Das ist keine Aufrichtigkeit. Das ist sich strecken nach Dingen, egal was für Dinge es sind, Hauptsache man bekommt seinen Teil davon ab.

Kerstin Becker – Biestmilch

Ilse Aichinger hat darauf hingewiesen, dass das Schwierigste und zugleich Unverzichtbarste am Schreiben das Schweigen sei. Ich bin mir sicher, dass Kerstin Becker sehr gut versteht, was damit gemeint ist. Nicht nur weil vier Jahre Arbeit in ihrem klug und genau durchkomponierten Gedichtband stecken, sondern vor allem, weil man lange schweigen muss, bis die Bilder der Kindheit mit solch einer Klarheit und poetischen Kraft hervortreten können, wie es in „Biestmilch“ geschieht.

Und wenn sie nicht gestorben sind

Und wenn sie nicht gestorben sind

Dann leben sie noch heute

Das ist eine Drohung

Kein es war einmal

Kein Trost

Nur

Dieses Weiterleben

Immer weiter

Als wäre dahinter irgendetwas

Etwas besseres als der Tod

Aber das war ein anderes Märchen

In dem vier ausrangierte Kreaturen

Meinten mit Musik ließe sich was aufziehen

Und unterwegs könnte man etwas besseres finden

Als den Tod

Der sich nicht einmal die Mühe macht

Sich zu verstecken

Wenn man alt ist

Ist es besonders schlimm

So viel es war einmal

Und so viel dann leben sie noch heute

All die Märchen dazwischen

Sind längst Legenden

Geschichten die keiner mehr glaubt

Bis auf die eine

Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

[aus: Bis der Schnee Gewicht hat]

Zum Todestag von Anne Sexton

Sehr geehrte Frau Sexton,

 

Allmählich wird es hell

Das Licht teilt das Wasser

D.h. ich könnte gehen

Wenn ich mich bloß erinnern könnte

Wie man einen Schritt vor den anderen setzt

Statt ihnen hinterher zu trauern

Bevor sie gegangen sind

 

Ihnen zu schreiben

Ist ein wenig so

Als würde jemand ein Portrait von mir malen lassen

Nur um es später in einem modrigen Keller zu vergessen

(allein des Geruches wegen)

Ich möchte Sie fragen ob Sie jemals über Lots Frau nachgedacht haben

Ich meine warum sah sie zurück?

Ich stelle mir vor

Wie Sie mit Frau Plath an der Theke sitzen

Sie unterhalten sich über den Tod

Sie amüsieren sich prächtig

In einer dunklen Ecke sitze ich

Ich schreibe Ihnen dann zerreiße ich die Briefe und rudere zurück

Habe ich Ihnen das jemals erzählt?

Ich habe Kinder, wie Sie

Wenn ich sie morgens weggebracht habe an diese Orte

An denen sie lernen wie traurig das Leben ist,

Sitze ich im Auto auf dem Parkplatz

Meistens ist es grau und feucht und lau.

Irgendetwas in mir versucht mich zu wecken

Ich denke schon lange nicht mehr, aber ich schreibe

Als wäre das ein Grund noch länger zu leben

Ich habe bald Ihr Alter erreicht, Frau Sexton,

Das macht mir Angst.

Wir haben nur scheinbar einige Dinge gemeinsam

Wenn ich die Insel erreiche (rudernd)

Werde ich an Lots Frau schreiben.

Gedichte oder Steuererklärung?

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen“. Naina (@nainablabla)10. Januar 2015
Dieser Tweet löste Anfang des Jahres eine breite Diskussion über Lerninhalte an weiterführenden Schulen aus. Selbst die Bildungsministerin mischte sich ein, keine der großen Zeitungen, die nicht ihren Kommentar dazu geschrieben hätten, und jetzt wird das Thema noch einmal in Detmold aufgewärmt. Harald Hartung, Ulrike Almut Sandig, die für die erkrankte Anne Cotton eingesprungen ist, und Adam Zagajewski sollen, von Hans Jürgen Balmes moderiert, darüber reden, was wichtiger ist; zu lernen, wie man Gedichte interpretiert, oder wie man eine Steuererklärung macht.

 

Zum Auftakt liest jeder der Teilnehmer sein Lieblingsgedicht vor. Hartung wählt das Gedicht „Sonett“ von Berthold Brecht. Ihm gefällt es, sagt er, weil es das einzige ihm bekannte Gedicht sei, in dem das Wort Badesalz vorkommt, auch wenn es sich im übrigen um ein eher schwaches, fehlerhaftes Gedicht Brechts handle. Ulrike Almut Sandig, die nicht an die „Fehlerhaftigkeit“ von Gedichten glaubt, liest ein Gedicht von Helga Novak, deren Lebensgeschichte sie kurz umreißt. Weil sie sich immer so schlecht entscheiden könne, habe sie zwei Gedichte mitgebracht, sagt Sandig, und liest als zweites ein Gedicht von Jesse Thoor.

Auch Adam Zagajewski liest zwei Gedichte. Eins des jungen Czeslaw Milosz und ein spätes Gedicht eben jenen Dichters. Besonders schön ist, dass er eines der Gedichte sowohl auf Polnisch als auch auf Deutsch liest, und niemals zu erwähnen vergisst, wer die Übersetzung besorgt hat. Während das erste Gedicht, das Milosz als sehr junger Mann geschrieben hat, voller Hoffnung und Reinheit ist, ist das zweite das Gedicht eines Philosophen, eine verdichtete Geschichte des 20. Jahrhunderts.

 

In der anschließenden Diskussion spricht Sandig von der radikalen Subjektivität, die ein Gedicht erlaubt.

 

Schließlich steht die unvermeidliche Frage im Raum, ob man es lernen kann, Gedichte zu lesen.

Hartung nennt das Beschreiben als wichtigsten und gleichzeitig grundlegenden ersten Schritt zum Verständnis eines Gedichtes, und Sandig ergänzt, man solle dem Autor vertrauen, voraussetzen, dass der Dichter die richtige Form und Tonlage gewählt hat. Form, so meint sie, dient dem Tonfall, nicht umgekehrt.

 

Schließlich kommt eine wunderbar leidenschaftliche und radikal subjektive Wortmeldung aus dem Publikum, von einem Menschen, der so jung ist, dass er noch an „eine Menschensprache“ glaubt. Leider ist keiner der Diskussionsteilnehmer fähig oder willens auf ihn einzugehen. Hartung speist ihn damit ab, dass Kunst immer etwas absichtsvoll Gemachtes sei.

Ebenso unvermeidlich geht es im Folgenden um die „Größe“ eines Gedichtes. Zagajewski spricht vom Geheimnis des Urteils. Sandig relativiert, dass ein Wert das Überdauern der Zeit eines Gedichtes sei, und ein anderer der, dass ein Gedicht voll und ganz in seiner eigenen Zeit aufgehe. Und Balmes moderiert, dass nicht das, was bleibt, sondern das, was lebendig bleibt, ein die Zeiten überdauerndes Gedicht ausmache. Tradition und Zeitgeist befruchten einander. Die Tradition wird auf diese Weise immer wieder neu erfunden.

 

Zum Abschluss der Veranstaltung sagt Harald Hartung explizit auf das Motto bezogen, Gedichte seien das Medium, das sich mit der wirklichen Welt befasst, nicht die Steuererklärung, obwohl diese sehr wohl vorkommt in der wirklichen Welt.