Anne Carson lesen

In einem Gedicht auf der anderen Seite steht Demut (steht ihm zu) während die Worte liegen bleiben (unverbraucht).

Ein Atem, der davon träumt nichts zu verwandeln.

Eine kleine Brücke über die (unwidersprochenen) Widersprüche.

 

Ruhig beständig

wie die Zeit

fällt der Regen

 

Anne Carsons wahnsinnig gewordenes grünes Wohnzimmer, das dem Blick nicht mehr standhält, sich wiedererkennbar verändert. Weil ihm endlich egal geworden ist, wie die Blicke auf ihm ruhen.

 

 

Am Ufer steht eine Frau

Am Ufer steht eine Frau,

gebückt,

zusammengesunken, als hätten

ihre Knochen sich aneinander

geschmiegt, um besser der

Kälte zu trotzen, die von Jahr

zu Jahr heftiger angreift.

 

Jedes Jahr vier, fünf Möglichkeiten

weniger, sich aus den Zusammenhängen

zu winden, zu lachen

obwohl es weh tut.

 

Sie bewegt die Lippen,

zitternde Striche, die

Worte murmeln, die lauter sein

sollen, als die, die sie von selbst finden.

 

Der Wind reißt ihr die Laute

von den Lippen. Läuternd.

Berührt sie. Flüsternd.

Und sie schweigt.

Treibt hinaus

Kein Glanz,

nur ein offener Horizont.

Form

Vielleicht ist das was am trostreichsten ist, an Geschichten, Erzählungen, Romanen, Gedichten, dass alles einen Rahmen hat, zusammengehalten wird von einer Form. Nicht einmal das Unglück und der Zweifel fließen über die Ränder, überschwemmen das Denken so, dass alles untergeht und versinkt. Bis da nur noch Fragen sind, und kein erlösendes, fragloses Ufer mehr.

 

Der Roman als Form des Denkens

Im sechsten Teil seines Mammutprojektes schreibt Knausgard:

[…] denn für mich ist der Roman eine Form des Denkens, radikal anders als die Form des Denkens in Essays, Artikeln oder Abhandlungen, weil im Roman die Reflexion der Erkenntnis nicht als Mittel übergeordnet, sondern allen anderen Elementen gleichgestellt ist. Der Raum, in dem gedacht wird, ist ebenso wichtig wie der Gedanke. Schnee, der durch die Dunkelheit fällt, Autoscheinwerfer, die auf der anderen Seite des Flusses vorbeigleiten. Möglicherweise war das Wichtigste, was ich auf der Universität gelernt habe, dass man über einen Roman oder ein Gedicht praktisch alles sagen kann; und es kann durchaus wahrscheinlich und plausibel sein, aber niemals erschöpfend, und vielleicht auch nicht wesentlich, denn ein Roman oder ein Gedicht sind immer auch eine Kraft in sich, etwas ganz Eigenes. Und dass es nicht möglich ist, das, was das Gedicht uns sagen will, auf eine andere Weise als genau diese auszudrücken, lässt es zutiefst geheimnisvoll werden. Die Welt ist ebenso geheimnisvoll, aber das vergessen wir so gut wie immer, seit wir stets der Reflexion den vorrang geben, wenn wir sie betrachten.

Kämpfen, s. 193

Blau

Wir müssen jetzt alle kürzer treten und sparen
Uns überlegen mit wem wir etwas anfangen
Und wohin das führt
Vorsichtig lesen damit wir nicht allzu viel von allem verstehen
Und noch Raum bleibt
Für die Vorstellung
Die Vorstellung von der Nachstellung z.B.
Überhaupt sollten wir nicht alles so ernst nehmen
Sagen was wir niemals sagen wollten
Weil es so schön klingt
Im Traum wieder einmal den Schlüssel verlieren
Und der Tag liegt verschlossen vor uns
Und der Himmel ist wieder einmal zu blau
Um die Augen zu schliessen

Anne Sexton

Ich lese ein Gedicht von Anne Sexton und es ist nicht notwendig, irgend etwas zu verstehen, weil ihre Worte mich treffen. Sie ersteht auf, ist lebendig für diesen Moment und es ist ihre Stimme, die mir das Gedicht vorliest, mit einem schmerzlichen Lächeln. Ganz kurz sehen wir uns an, bevor sie wieder verschwindet.

Anne Sexton lesen, ist den Tod berühren, die eigenen Wunden aufreißen, keinen Trost erwarten und in dieser Trostlosigkeit etwas einmaliges zu finden. Vielleicht so etwas wie Wahrheit.

April

Notizzettel meine gelbe Jacke
Und auf der Lehne vom Stuhl ein Stück Papier
Brotkrümel und Honigflecken
Vor dem Fenster lauert der Tag und will rein
Auf der Straße die Kinder mit ihren Rädern
Klingeln und singen und fallen hin
Sind wir denn auch jemals so verletzlich gewesen
Und unser Leben so voll
Ohne fragwürdige Antworten
Dafür jedes Wort immer wieder ganz neu
Und von weitem ein Aprilgewitter
Aber am Horizont zieht schon ein Regenbogen auf
Und geht wie die Zeit
Darüber hinweg

20. Oktober

Zum Frühstück Nachrichten von der Pegida Demonstration und Gegendemonstration gestern gelesen. Von den Ausschreitungen. Abscheu und Angst. Die Frage, warum sich alles radikalisiert, warum es nicht gelingt, Gespräche zu führen, sich friedlich und konstruktiv auseinander zu setzen.

Vielleicht ist das der nächste Entwicklungsschritt, der den unsere Kinder bewältigen müssen, und wir haben immerhin erreicht, dass sich frühzeitig massiv Widerstand formiert.

Und zum Trost noch dieses Gedicht, das heute Text des Tages auf Fixpoetry ist.