Aus den Winterarchiven

BEI DER GEBURT eines Kindes gibt es einen Augenblick, wo man sagt, das Kind krönt, und zwar, wenn der Kopf zum ersten Mal sichtbar wird, in der Mutter sichtbar, aber was bedeutet das,krönen, trägt das Kind den Mutterkörper wie eine Krone, oder krönt das Kind die Mutter, wird sie vom Kind gekrönt? Unmöglich, das Kind loszulassen, es hat seinen eigenen Körper, aber zugleich ist es in dem anderen Körper, das Kind ist in der Mutter auch eine Narbe, der Abstand, der ununterbrochen in den Stichen zieht, mit allem, was das Kind lernt, wird der Abstand größer; das Mädchen geht in die Schule, läuft die Straße lang, ist unterwegs, spielt auf dem Spielplatz am Wald. Ich bin misstrauisch gegenüber der Kindheit. Gegenüber diesem In-der-Kindheit-Sein, seiner brunnenartigen, vogelartigen Körperlichkeit, die rauen Landschaften, Umgebungen, in der Turnhalle, die Wände des Schulhofs, der Kies, der Asphalt, die Fahrradreifen, Bürgersteige, Eisspalten, Karosserien. Die Bosheit. Alle anderen Kinder, dieses Überlassensein. Ein Kind haben und es der Welt überlassen. Nichts, was man sonst tut, ist so schwerwiegend. Die ganze Zeit die Welt überleben.

(S. 232 – „Aus den Winterarchiven – Merethe Lindstrom)

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„Es war keine schwere Geburt“, sagt die Frau, die mir gegenüber sitzt. Ich bewundere kurz ihre Haltung, bevor ich erwidere: „Vielleicht können Sie sich bloß nicht erinnern.“ Sie winkt ab, als wäre ich eine lästige Fliege. Und vertieft sich in die Schlagzeilen. Zum dritten Mal eilt die kleine wendige Kellnerin an mir vorbei, ohne das es mir gelingt, sie auf mich aufmerksam zu machen. Ich sehe aus dem Fenster. Die Fassaden der Stadt, in der ich beinahe mein ganzes Leben verbracht habe, verschmelzen mit meinen Gesichtszügen. Irgendwann ist die leicht gebärende Frau gegangen und ein Kaffee steht vor mir auf dem Tisch. Die Zeit neigt sich. Nach links, nach rechts. Beginnt zu tanzen. Ich führe Selbstgespräche. Oder die Selbstgespräche führen mich. Ein Tropfen Blut fällt auf das blütenweiße Tischtuch.

Geburt

Zum Tag meiner Geburt habe ich meine Mutter begleitet. Wir kämpften von unterschiedlichen Richtungen, während sich das Licht brach, schworen wir einander nicht aufzugeben. Die Hoffnung nicht zu verlieren, die Zuversicht. Ich versprach ihr: durch mich wirst du geboren. Sie versprach mir, ich werde dich niemals verlassen, du wirst kaum einen Unterschied fühlen. Und die Natur und die Menschen um uns herum waren unermüdlich bei ihren Bestrebungen, uns zu trennen. Du wirst ihn endlich ansehen können, sagten sie ihr, ihn im Arm halten, aber meine Mutter wusste, sie vertrieb uns beide aus dem Paradies, wir waren auf dem Weg von der Vorstellung in die Wirklichkeit. Unumkehrbar dieser Weg. Und so lag ich wenig später blutverschmiert auf ihrem Bauch, während sie schon in diesem Moment die Schmerzen vergessen hatte und zögerlich versuchte an sich zu glauben. Zu glauben, die Liebe mit der mein Anblick sie überschwemmte, würde schon genügen, um nicht alles verkehrt zu machen. Würde die Angst überwinden können und die Unsicherheit.

09. Dezember

Gekränkt von der Art und Weise, wie E. gestern reagiert hat, als ich sie freudig überrascht begrüßte, verunsichert, weil auch S. sich nicht, wie vereinbart, meldet. Aber andererseits auf einmal Aufsätze, Berichte, Essays zum Wasser finden, einfach so, ohne gesucht zu haben, merken, wo viele Fäden schon lange mitlaufen und dass sie jetzt vielleicht, wenn es mir gelingt dran zu bleiben, zusammenlaufen können, ein Muster ergeben.

Wie sich das lebenslänglich wiederholt, der Vorgang der Geburt, das schmerzhafte Ausbrechen aus Orten, die zu eng geworden sind.

Die Notwendigkeit, mit dem Bloggen aufzuhören, um mich endlich wieder langfristig auf etwas konzentrieren zu können, und die Unmöglichkeit, so ganz ohne Austausch (auch ohne Bestätigung) zu bleiben.

Aber alles soll gewagt sein… Die Frage ist nur, wie fange ich es an. Viel leichter vermutlich, als ich mir weismachen will.

Geburt

Ich sah mein Leben
aus mir herausstürzen
ohne im geringsten zu begreifen

jetzt war ich bereit
alle Fehler weiter zu vererben

Schuld auf mich zu laden
um die frisch entstandene Leere
in meinem Körper
zu füllen

Ein Ort der Trauer
von dem sich das Leben zurückzog
während du blühtest

22. Januar

22. Januar 2013

Vor zehn Jahren lag auch Schnee, und der Taxifaher, der mich ins Krankanhaus gebracht hat, wünschte mir gute Besserung, als ich ausstieg. Die Besserung hat noch eine Weile auf sich warten lassen, aber dann ist tatsächlich das ganze Leben jeden Tag so viel besser gewesen, als zuvor, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Gracias a la vida. Gracias a P.

Ans Licht

Eine Frau mit geschwollenen Beinen, blaue Flecken am Arm, lärmempfindlich, sehr weiße Haut, sehr schwarzes Haar, dennoch keine Spur von Schneewittchen. Schneewittchen ist kein Märchen, das sie kennt und nicht annähernd sieben Zwerge, die sich um sie kümmern. Bloß einer, der hat sich einmal gekümmert und ist gleich darauf verschwunden.

Du musst doch wissen, wie er heißt. Du musst uns den Namen nennen. Noch heute Schläge, oder gestern. Die Zeit hat eine andere Dimension, seit es diese Schmerzen gibt. Sie hat nichts mehr mit Zahlen zu tun, oder mit dem, was man sich ausdenkt, um es dann früher oder später zu nennen.

Sie presst die Beine zusammen. Meine Beine. Meine Frucht. Sie ist allein. Die Hebamme, die bei ihr ist, ist auch allein. Aber keiner ist so allein wie dieses Kind, das sie nicht gebären will, das vielleicht selbst nicht geboren werden will, und dann geschieht es doch.

Ein Mann im weißen Kittel betritt den Raum und will ihr das Kind unter die Nase halten. Sie sehen ihn entsetzt an. Und schütteln den Kopf. Schütteln den Kopf.