Kurze Geschichte der surrealistischen Bewegung

Gegen Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Surrealismus unter der strengen Führung Bretons zu einer bedeutenden kulturellen Bewegung geworden. Für den Zusammenhalt der Gruppe, deren Mitglieder teilweise sehr unterschiedliche Arbeiten herstellten, waren Spiele und Erfahrungen, die man in der Gruppe machte, von großer Bedeutung. Diese Erlebnisse und Zusammenkünfte bildeten die Basis, die den eigentlichen Zusammenhalt schuf.

Die Surrealisten hielten Traumsitzungen und Séancen ab, sie liebten Anagramme und spielten immer wieder Cadavre exquis, sowie Frage und Antwort Spiele, bei denen Fragen beantwortet werden mussten, die gar nicht gestellt worden waren.

In den 1930er Jahren erhielt die Bewegung auch zunehmend internationale Aufmerksamkeit. Ausstellungen in Brüssel, Kopenhagen, New York und Prag machten den Surrealismus außerhalb von Frankreich bekannt.

1927 waren Breton und einige andere Mitglieder der surrealistischen Bewegung der Kommunistische Partei Frankreichs beigetreten, aus der sie 1933 ausgeschlossen wurden. Die Revolution, die den Surrealisten vorschwebte, ging den Kommunisten zu weit.

Künstler zu sein, genügte Breton und seinen Anhängern nicht, sie hatten den Anspruch mit dem Surrealismus eine Revolution zu befördern, die die ganze Welt umgestalten und das Leben grundlegend ändern sollte.

Breton schrieb dazu:

Leute, die sich als Künstler bezeichnen, findet man sogar im Außenministerium, oder der Begriff taucht auf einem Plakat auf, das eine Tournee durch die Provinz ankündigt, dieses Wort bedeutet nichts: ‚Sie sind Künstler!‘ Was auch immer ich tue, um diese grobe Einordnung zurückzuweisen – von dem einem erwartet das Publikum Märchen, von einem anderen Verse in Alexandrinern, wieder von einem anderen Bilder mit fliegenden Vögeln – und wenngleich ich Zweifel hege, ob es mir gelingt, die so schmeichelhaften Erwartungen, die sich mit meinem Namen verbinden, zu durchkreuzen, bin ich Objekt einer besonderen Toleranz, deren Grenzen ich ziemlich genau kenne und gegen die ich mich immer auflehnen werde.“ (André Breton, in Nadeau, 1964, a.a.O.)

Die „revolutionäre“ Haltung, die sich kommunistischen Direktiven ebenso wenig unterordnen konnte, wie Konventionen oder dem Zeitgeist, war nur konsequent, wenn man ernst nimmt, dass es um eine Wahrnehmung jenseits von gesellschaftlicher Kontrolle und Konvention gehen sollte.

Dabei folgten selbst die Aufrufe zur Revolution der Prämisse des automatischen Schreibens.

Zitiert sei hier ein Appell vom 02. April 1925:

1. In jeder surrealistischen oder revolutionären Geisteshaltung dominiert der Zustand der Raserei; 2. Sie glauben, dass vor allem der Weg der Raserei sie zur surrealistischen Erleuchtung führt.“ (A.Breton, La Révolution surréaliste, Nr. 3)

Im Grunde wendete sich der Surrealismus gegen die gesamte Kultur, die laut Freud auf der Unterdrückung der Triebe aufgebaut ist.

Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs beendet die Blüte des Surrealismus.Viele Surrealisten emigrieren in die USA. So auch Breton, der zwar versuchte auch in den USA ein neues Zentrum des Surrealismus zu errichten, sich aber weigerte, Englisch zu lernen, aus Sorge um seine Kreativität. 1946 kehrte Breton nach Paris zurück.

 

Mit dem Tod Bretons 1966, verliert der Surrealismus sein Zentrum.

Ob der Surrealismus einen Anfangs- und einen Endpunkt hat, kommt nicht zuletzt auf die Perspektive an. Maurice Nadeau bemerkt dazu:

Die surrealistische Gesinnung, das heißt die surrealistische Verhaltensweise kommt nämlich zu allen Zeiten vor, sofern man sie als die Bereitschaft auffasst, das wirkliche tiefer zu ergründen.“

Dieser eher generellen Definition von Surrealismus stellt Nadeau eine historische abgegrenzte Periode gegenüber:

Sie entstand ungefähr gegen Ende des ersten und erlosch mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Insofern sie getragen wurde durch Menschen, die ihre Weltanschauung in Dichtung, Malerei, Essay oder durch ihre eigentümliche Lebensweise zum Ausdruck brachten, und als Aufeinanderfolge von Geschehnissen und Taten, gehört jene Bewegung der Geschichte an, stellt sie eine zeitlich abgeschlossene Reihe von Lebenserscheinungen dar.“ (Maurice Nadeau, Geschichte des Surrealismus, Reinbek bei Hamburg, 1965).

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Ursprünge des Surrealismus, Vorbilder und Entwicklung in der Malerei

Erst 1925 befasste sich Breton damit, welche Rolle der Surrealismus in der bildenden Kunst spielen könnte. Gemeinsam mit Robert Desnos schrieb er als Vorwort für den Katalog einer Ausstellung den Aufsatz Die surrealistische Malerei.

Ende 1926 wurde die Galerie surréaliste eröffnet.

1928 schreibt Breton in seinem Essay: Der Surrealismus und die Malerei:

Das Auge lebt im Urzustand. Die Wunder der Erde, in dreißig Meter Höhe, die Wunder des Meeres in dreißig Meter Tiefe haben fast nur das wilde ursprüngliche Auge zum Zeugen, das alles, was Farbe ist, auf den Regenbogen zurückführt […] Das Verlangen, die Bilder des Gesichtssinnes zu fixieren, ob sie vor ihrer Fixierung wirklich da waren oder nicht, hat sich zu jeder Zeit offenbart und hat zur Schaffung einer wirklichen Sprache geführt, die mir nicht künstlicher zu sein scheint als die gewöhnliche.“ (A. Breton, Der Surrealismus und die Malerei, Berlin, 1967)

Das Primat des automatischen Schreibens verursachte Schwierigkeiten auf dem malerischen Gebiet. André Masson gelangen zwar einige automatische Zeichnungen, indem er zunächst ohne Nachzudenken auf ein Blatt „kritzelte“, sobald aber arbeits- und materialaufwendigere Techniken ins Spiel kamen, versagte diese Technik, so dass die Maler neue Wege finden mussten, das Bewusstsein und die Kontrolle während der Arbeit außer Kraft zu setzen.

Derartige Möglichkeiten bestanden zum Beispiel in Gemeinschaftsproduktionen, dem bereits erwähnten Spiel mit dem Namen Köstlicher Leichnam, das seinen Titel aus dem ersten Ergebnis des Spiels erhalten hat: „Der köstliche Leichnam wird den jungen Wein trinken.“ Wobei hier eine literarische sowie eine zeichnerische Umsetzung möglich war. Die Resultate dieses Spieles wurden regelmäßig in der Zeitschrift „La Révolution surréaliste“ veröffentlicht.

Eine weitere Möglichkeit stellte die Collage dar, die durch Max Ernst Einzug in den Surrealismus hielt.

Breton: „Ich erinnere mich gut an die Gelegenheit als Tzara, Aragon, Soupault und ich die Collagen von Max Ernst zum erstenmal entdeckten. Wir waren gerade alle in Picabias Haus, als sie von Köln (1921) ankamen. Sie bewegten uns auf eine Weise, wie wir es nie wieder erlebten. Das äußerste Objekt war herausgerückt aus seiner gewohnten Umgebung, seine einzelnen Teile hatten sich aus dem gegenständlichen Zusammenhang in einer Weise befreit, daß sie völlig neue Beziehungen mit anderen Elementen eingehen konnten.“ (Hans Richter, Dada Kunst und Antikunst, Köln, 1973)

Für Ernst selbst war die Collage eine Möglichkeit, dem Irrationalen Zugang zu seiner Kunst zu verschaffen.

Collagetechnik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“ (Max Ernst, Biographische Notizen, Ausstellungskatalog Walraf-Richartz-Museum Köln, und Kunsthaus Zürich, 1963)

Als Dalí im Frühjahr 1929 nach Paris kam, war das Interesse der surrealistischen Maler am Automatismus fast vollkommen erlahmt. An seine Stelle trat mehr und mehr die Beschäftigung mit dem Traum. In der Traummalerei wurde das Bild bewusst konstruiert. Der Malstil war realistisch.

Ein Vorbild des Surrealismus war zweifellos De Chirico, der Begründer der pittura metafisica (1888 – 1978), der sich selbst nie der surrealistischen Bewegung anschloss. Anhand seiner Bilder konnten die Surrealisten studieren, wie man einen Traum malen könnte.

Seine Bilder muten wie Traumszenen an, verfremden das Bekannte, indem seltsame Objekte in einer scheinbar bekannten Kulisse platziert werden.