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Nichts davon ist schließlich überlebenswichtig: nicht die Filme, nicht die Geschichten und Gedichte, ebenso wenig wie Kunst und Musik. Und aus diesem Überfluss entsteht Freiheit. Aber Freiheit braucht den Mut, sie zu nutzen, sonst wird sie unversehens zu Beliebigkeit.

Vielleicht ist es mit dem Denken ähnlich. Das Denken braucht den Mut zu scheitern, sonst versandet es in der Reproduktion der immer gleichen Gedanken.

Das Aushalten der Widersprüche als Gegenbewegung zum ermüdenden Recht haben Wollen.

Freiheit

Ich schreibe nicht mehr. Was natürlich nicht ganz wahr ist. Ich schreibe Artikel, ich schreibe Besprechungen, und das zu meiner Erleichterung wieder mit sehr viel Freude an der Sache.

Aber ich habe die Freiheit beim Schreiben verloren. Die einfachen Sätze, oder auch die komplizierten Sätze, die einfach aus dem Kopf, dem Unbewussten, in die Finger und auf das Papier fließen. Denen gebe ich mich nicht mehr hin. Ich habe das nicht bewusst entschieden. Es passiert einfach nicht mehr. Und es fehlt mir. Wobei ich noch nicht genau zu sagen vermag, was mir eigentlich fehlt. Vermutlich die Freiheit. Die Freiheit, vor der ich mich vielleicht mehr fürchte, als vor allem anderen. Die Freiheit, zu sagen und zu schreiben, was ich will, ohne die Rückendeckung von Zitaten und Recherche. Die Freiheit, falsch zu liegen, die Freiheit fulminant zu scheitern, oder auch plötzlich und unerwartet genau den richtigen Ton zu treffen. Die Freiheit, mich zu verstecken, oder mich zu zeigen. Mich zu schämen, oder auszustellen, größenwahnsinnig oder kleinmütig zu sein. Oder alles auf einmal.

Ich habe die Freiheit. Aber ich gebe sie mir nicht. Ich lasse mich nicht frei sein. Ich lasse mich nicht frei.

Vor Jahren habe ich von Gefängnissen geschrieben, von Foucaults Überwachen und Strafen, es war ein guter Text, einer, in dem viel von mir steckte, und der dennoch aufging in etwas Größerem. Ich habe damals schon von Franz Biberkopf geschrieben, der aus dem Gefängnis entlassen wird, ohne frei zu werden. Das Gefängnis ist vielleicht in der Gesellschaft, aber sicher auch ein wenig in ihm. Und die Tatsache, dass mich dieses Buch von Alfred Döblin seit Jahrzehnten fasziniert und Franz Biberkopf mich immer wieder begleitet, liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass ich mich in ihm wiedererkenne. Als eine, die nach und nach aus einem nach dem anderen Gefängnis entlassen wird, und dennoch nicht rausgehen kann in die Freiheit. Nicht weil sie vergessen hat, was das ist, sondern weil sie sich vor der Verantwortung fürchtet, die darin liegt, frei zu sein.

VII Unverständnis und Form

Bei allem Unverstandenen, bei allem Recht auf Alogik dessen sich der Traum bedient; „die Resonanz braucht schließlich Formen“. Und wenn es jemand ist, der „in Kleidern geschlafen“ hat.

Gedichte erscheinen bei Rinck nicht zuletzt als eine Notwendigkeit, damit der „taube Schmerz, mit dem das Nichtgedachte innerlich wird“, vermieden, abgewendet werden kann. Statt sich zu krümmen „unter erhöhtem Deutungsdruck“, lässt Rinck die Assistenten des Unbewussten übernehmen:

„Nehmt mich fort und schreibt das auf. Verwirklicht mich an Stellen, die ich nicht betreten kann.“

Immer wieder gelingt das mittels Assoziationsketten und ironischer Brechung. Und immer wieder blitzt beim Lesen die Erkenntnis, das Eingeständnis auf, dass ich mir die Freiheit, die ich habe, nicht erlaube. Weder hier noch dort. Und fast immer ohne wenigstens zu fragen warum.

IV – Schwimmen

In den folgenden Gedichten werden die Gedanken noch einmal aufgenommen, fortgeführt,  in anderen Räumen entfaltet.

Und übrigens ist das alles noch „Ansprache“, bevor die Texte im nächsten Teil ins „Schwimmen“ geraten, also ein neues Element erobern oder erproben, was vielleicht dasselbe ist.

Der „[…]Brutalität der Konzentration auf eines, auf nur eine Sache! Sich ganz in einen einzigen Dienst zu stellen“, stellt Rinck folgenden Vorschlag an die Seite: „Die eigenen Fähigkeiten weniger als Fleiß, sondern vielmehr als Freiheit unter Beweis stellen – darum geht es doch.“ Spätestens hier steige auch ich ins Wasser, schwimme mit. Etwas, das gerade meine Arbeit extrem verzögert bis verhindert ist das Bewusstsein, dass alles mit allem zusammenhängt. Schön eigentlich, einladend und inspirierend grenzüberschreitend. Andererseits verursacht diese Erkenntnis einen enormen Druck, Erwartungs- und Leistungsdruck. Denn was ich habe, sind Teile, vereinzelte Splitter, und das Bewusstsein, dass sie zu einem größeren Ganzen gehören, dass sie ein Bild ergeben, wenn es mir nur gelingt, die jeweils zueinander passenden Teile zu verbinden. Dann würde aus dem Puzzle ein Bild. Aber immer fehlt ein Verbindungsstück, oder ich bin mir nicht sicher, ob die Teile wirklich ineinander greifen, oder ich bin mir im Gegenteil sehr sicher, dass sie nicht ineinander greifen, will es aber mit aller Macht, die sich sogleich in Ohnmacht verwandelt und mich unglaublich unkreativ und müde macht. Und das ist nicht weniger als das Gegenteil der Erlaubnis, sich „in einem sehr geweiteten Spielraum der Poesie bewegen zu dürfen, dieser Erlaubnis, die H.C. Artmann in seiner 8-Punkte- Proklamation des poetischen Actes, erteilt.

Es geht um Bewegungsmöglichkeiten. Diejenigen, die das Wasser dem Körper ermöglicht. Und die Poesie den Gedanken.

„Es ist ja nicht so, dass man dieses oder jenes heute einfach nicht mehr sagen dürfte, nur muss man sich eben klarmachen, dass man damit heute etwas anderes sagt als vor zwanzig Jahren. Man braucht Zeit, darüber nachzudenken.“ Nimmt man sich diese Zeit nicht, schwimmt man fast willenlos mit in den Strömungen von ja und nein, während all die wichtigen, schillernden Zwischentöne sang – und klanglos, unbemerkt, untergehen.

Und Rincks Denken folgt tatsächlich den Schwimmbewegungen, mal lassen sich die Gedanken treiben, schweifen ab, um dann in einer Kehrtwende wieder zurück zum Ziel zu kommen, einem Ziel, das sie nie aus den Augen verliert, das sie vielmehr immer weiträumiger umkreist, um es auf diese Art besser in den Blick zu bekommen.

Zum Beispiel das: den „Weißraum, der das Gedicht umgibt, lehrt uns zunächst, dass es sehr vieles gibt, das im Ungefähren bleibt, das wir nicht erfahren. Dies versinnbildlicht der leere Raum. Er ist größer als das Gedicht und eröffnet die Manege für all das, was dort nicht zu lesen ist.“ Solche Sätze machen mir noch einmal deutlich, wie viel mehr Freiheit Begreifen braucht als Verstehen. Also muss man vielleicht das Verstehen (die Muster des üblichen Verstehens) vergessen, damit man ein Gedicht begreifen kann? Damit es mir als Leserin nicht so ergeht wie Kafka mit dem Schwimmen? Rinck zitiert Kafka, der gesteht: „Ich kann schwimmen wie die anderen, nur habe ich ein besseres Gedächtnis als die anderen, ich habe das einstigen Nicht-schwimmen-können nicht vergessen. Da ich es aber nicht vergessen habe, hilft mir das Schwimmen-können nichts und ich kann doch nicht schwimmen.“

Zum Abschluss des Schwimmens noch einmal Rinck: „[…] anders als die Schwimmfibel, die leider nicht zusammen mit dem türkisblauen Schwimmerbecken geliefert wird, bringt das Gedicht die Sprache, in der es sich befindet und aus der es gemacht ist, mit. Das Gedicht ist das Geschehen selbst, es ist ein Sprachgeschehen, das die Wirklichkeit verändert. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema „nur“ Sprache ist „Nur“ Sprache gibt es gar nicht.“

 

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Erwartungen haben, ohne darauf zu warten, dass sie sich erfüllen. Das wäre dann die Freiheit der Hoffnung. Ich folge mir zu diesem Punkt. Aber meistens gehe ich auf dem Weg verloren.

Die an mich glauben. Und die anderen, die in diesem Glauben herumkritzeln. Unsere Unsicherheit, die uns, gezeigt, oder nicht gezeigt, miteinander verbindet.

Wir verteidigen unsere Rede, als wären das wir.

Glaubensbekenntnis ans „m“

Heute ist ein gutes Gefühl. Aber schief. Eine schmerzhafte Freiheit überladen mit dem „m“, das nach jedem Durchstreichen wieder auftaucht, unübersehbar da ist, sich nicht ausradieren lässt (und dann bist du plötzlich tot. Ohne Vorwarnung. Einfach so.) Und wir sollen das nicht nur glauben, sondern weiterleben mit der Unumstößlichkeit dieser Nachricht. Die keine Nachricht ist, sondern ein Glaubensbekenntnis ans Ende der Welt

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Nichts zu sagen haben, und dennoch das Bedürfnis, sich zu Wort zu melden. Eine ganze Lebensform, Freiheit, Toleranz, der Versuch sich friedlich auseinander zu setzen, Kompromisse zu finden, all das scheint gerade massiv bedroht zu sein. Ich weiß, anderswo ist es das schon lange und doch trifft es mich erst jetzt, da es so nah gekommen ist, so nah ist, mit voller Wucht. Es scheint falsch in solchen Zeiten Nabelschau zu betreiben. Und es ist sicher überflüssig, das hier publik zu machen. Aber dennoch ein Bedürfnis, dem ich nachkomme.