Zur Notwendigkeit eines reinen Frauenpreises

Literaturzeitschriften, Literaturpreise, Kritikerstimmen, überall dominieren Männer. Selbst in der neu gegründeten Lyrikkritik Akademie gibt es mehr männliche Dozenten als weibliche, die Grundlagentexte, die bislang behandelt wurden: Männer, die über Männer reden. Ganz klar: wir haben es mit einem strukturellen Problem zu tun.

Genau deshalb brauchen wir so etwas wie den von Fixpoetry ausgeschriebenen Gertrud Kolmar Preis. Um neue Strukturen zu schaffen. Einen großen Dank an Julietta Fix für ihren unermüdlichen Einsatz neue Räume und Strukturen zu schaffen, um das Reden über Literatur noch reichhaltiger und weiter zu machen.

 

Alter

Bei Menschen über 50 Jahren, besonders bei relativ mageren Frauen, schleicht sich das Greisenhafte in die Gesichtszüge. Eine Ahnung davon, wie das Gesicht aussehen wird, wenn die Betreffende sehr alt sein wird.

Frauen, die auferstanden sind

Ich kann nicht wirklich viel anfangen, mit diesem Fest, das wir jetzt feiern. Auferstehung. Was soll ich darunter verstehen? Gestern habe ich zufällig gehört, wie jemand Auferstehung als Metapher für die Hoffnung, dass sich alles jederzeit änder kann, verstanden hat. Das hat mir gefallen. Und es erinnert mich an den bemerkenswerten Bildband „200 Frauen“, in dem die porträtierten Frauen allesamt zeigen, wie sie selbst persönliches Leid auf beeindruckende und außerordentlich inspirierende Weise verwandelt haben. Ein Buch, das wirklich ungeheuer ermutigend ist. Ich durfte es für Fixpoetry besprechen: 200 Arten, der Welt Miete zu zahlen.

Hier gibt es zusätzliche Bilder der Frauen.

17. Februar

Ein auffallend hübsches Mädchen, blonde Haare unter der Mütze, ernst und sehr verletzlich, sitzt bei drei Frauen. Sie schweigt und scheint nicht zuletzt wegen ihrer Schönheit nicht dazu zu gehören. Früher hätte ich mir Geschichten über sie ausgedacht. Heute bin ich erleichtert, als ich sehe, wie sie in der Nase bohrt.

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Drei Frauen, rote Gesichter, aufgeregt. Am Tisch dahinter zwei Männer, konzentriert, aufmerksam. Der Unterschied: die Frauen reden über Verletzungen. Missverständnisse. Die Männer über ein gemeinsames Projekt.

Das Paradoxe meiner Situation: es überfordert mich, dass alles sich so schnell verändert, und ich habe das Gefühl, mich selbst nicht ändern zu können. Veränderung ist lebendig, aktiv. Funktionieren dagegen statisch.

Wir wollen alle gesehen und wahrgenommen werden. Umso mehr, je weniger wir uns selbst sehen und wahrnehmen können.

Eine Art Tagebuch

Einst fielen mir drei Frauen zu und der Glaube sie sprechen, leben, leiden, vielleicht sogar lachen und lieben lassen zu können. Ich mochte jede von ihnen. Jede auf ihre Art. Sie hatten es nicht leicht. Sie hatten mich. Ich schrieb.
Aber ich schrieb nicht wie die Duras, vor ihrer rückhaltlosen Aufrichtigkeit fürchtete ich mich schon beim Lesen. Ich schrieb weiter, aber ich schrieb nicht wie die Didion. Mir fehlte der Intellekt für politische und strategische Zusammenhänge. Mir fehlte der Blick über den Tellerrand. Ich wartete auf diese Szene am Strand, wo Inez Viktor (geborene Christian) auf Jack Lovett wartet. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann warte ich noch heute.

Wege

 „Da ist ein Dorf, da sind Leute“, sagt Sven, „Geh´ du, rede du mit ihnen.“

Warum ich? Diese Reise war deine Idee.“

Ich werde beim Wagen bleiben.“

Er legt eine Hand auf das staubige Autodach. Es sieht gut aus, wie seine Hand dort liegt. Irgendwie filmreif. Inzwischen bin ich sicher, die falsche Besetzung für diesen Film zu sein. Aber ich habe die Rolle ja unbedingt haben wollen. Meine Füße bewegen sich weg von der Hand auf die wenigen ärmlichen Hütten, auf das „Dorf“, zu.

 Kein Mensch ist zu sehen. Alles scheint wie ausgestorben. Nicht einmal die Vögel singen. Ich wirble den Staub mit meinen Füßen auf, den Blick auf die immer schmutziger werdenden Schuhe gerichtet. Es ist schwierig sich zu bewegen und nicht zu denken, also bleibe ich stehen. Der Staub segelt langsam zurück, Körnchen für Körnchen und durch die mit jedem herabsegelnden Partikel klarer werdende Sicht, entdecke ich eine kleine uralte Frau.

Der Kreis schließt sich, schießt es mir durch den Kopf, als ich ihr Gesicht sehe, den zahnlosen Mund, die zwischen Neugier und Verwirrung oszillierenden Augen. Sie erinnert mich an einen Säugling. Ein Greis, erst wenige Stunden auf der Welt. Und diese Frau ist nach einem langen Leben zu jenem Ausgangspunkt zurückgekehrt. Der Mund zahnlos, die Augen, wie die eines neugeborenen Kindes, ausgeliefert. Und zwischen Augen und Mund Furchen, Straßen, Krater. Unübersehbare Spuren gelebten Daseins. Ihr Gesicht ist die Landkarte ihres Lebens. Ich sehe sie an und glaube zu verstehen, was es bedeutet, seinen Weg hinter sich zu haben. Diese Frau ist ihn gegangen, ohne Angst vor dem letzten Schritt. Ich habe schon Angst vor dem nächsten Schritt. Manchmal bereits vor der bloßen Vorstellung, demnächst einen Schritt tun zu müssen.

Von Anfang an ist zwischen uns ein Verständnis, das mich leicht macht. So leicht, als würde es die Schwerkraft aufheben. Ich rede mit Händen und Füßen. Jedes Mal wenn die alte Frau etwas versteht, leuchten ihre Augen.

Auf dem Weg zurück zu Sven, genieße ich zum ersten Mal den blauen Himmel, die scharfen Konturen der Berge. Am liebsten würde ich singen.

Die anderen sind noch auf den Feldern, jedenfalls bei der Arbeit. Wir können bei ihr warten, etwas trinken, uns ausruhen. Es wird noch Stunden dauern, bis die ersten zurückkehren,“ erkläre ich Sven.

Dann geh´ und frag´, wo sie arbeiten. Sehr weit entfernt kann es ja nicht sein. Ich werde sicher nicht stundenlang die Hände in den Schoß legen und warten.“

Jetzt komm´ doch erst mal mit und lern´ Paulina kennen.“

Jetzt komm´ doch erst mal mit und lern Paulina kennen,“ äfft er mich nach. „Hat dir die Sonne vollends das Hirn verbrannt? Ich soll mit einer Greisin verseuchtes Brunnenwasser trinken, und einen ganzen Tag meines Urlaubs verlieren?“

Dann bleib hier stehen und stampf wie Rumpelstilzchen im Sand herum. Ich jedenfalls werde dort warten, bis die Leute von ihrer Arbeit nach Hause kommen und uns helfen.“

 

Das zwischen Sven und mir ist wie diese Autopanne. Erst horcht man angespannt auf die besorgniserregenden Geräusche, merkt dass etwas nicht stimmt. Aber nach einer Weile gewöhnt man sich daran und macht weiter wie vorher, so lange, bis es nicht mehr weiter geht.  

Die alte Frau erwartet mich lächelnd. Zwei Tassen Tee stehen auf einem niedrigen Tischchen. Sie nickt mir zu. Ich nehme auf den bunten Decken Platz. Der Geruch von Bohnen, Staub und alter Haut erinnert mich an etwas, das ich nie erlebt habe.

Wir sehen einander nicht an. Sie blickt lächelnd ins Leere, während ich dem Tanz des Wassers im Topf über der offenen Feuerstelle zuschaue.  

Als Sven und ich uns zu diesem Urlaub entschlossen, war es eisig kalt. Vielleicht habe ich deshalb ja gesagt, als er entschied: „Wir verreisen. Wir müssen hier raus. Raus aus diesem Einerlei. Etwas gemeinsam erleben, verstehst du? Du musst nur ja sagen, ich kümmere mich um alles.“ Welches Einerlei wollte ich fragen. Außer dem Wetter fiel mir nicht viel Einerlei ein. Nicht bei Sven, nicht bei mir und schon gar nicht zwischen Sven und mir. Schließlich waren wir selten allein. Da saß immer das Gespenst einer anderen Frau neben Sven, einer, die er gerade geküsst hatte oder einer, die er gleich küssen würde. „Ich glaube nicht, dass es mir hilft, wenn diese Frauen eine andere Nationalität bekommen,“ habe ich ihm geantwortet.

Sven war aufgestanden, um ein Kissen zu werfen auf die Frau neben ihm, so dass ich sie nicht mehr sehen konnte und als er sagte: „Gib uns noch eine letzte Chance“, klang es so als wäre es ihm wirklich wichtig.

Es ist so still, dass ich den Sekundenzeiger meiner Uhr hören kann. Bis Sven kommt, und die Stille zerreißt. Er setzt sich und trinkt, ohne einmal aufzublicken. Die alte Frau gießt Tee nach und wir schweigen, bis die ersten von der Arbeit zurückkehren. Es gibt kein großes Trara, keine Aufregung. Sie erklärt ihnen was geschehen ist, dass wir Hilfe brauchen. Wir stehen auf, zwei der Männer holen Werkzeug und begleiten uns. Bei unserem Wagen angekommen, beginnen sie wortlos mit ihrer Arbeit, bedeuten Sven, den Motor zu starten, grinsen zufrieden und verschwinden.  

Wir sitzen wie Fremde im Wagen.

Als wir hier ankamen, während der ersten Tage, haben wir viel geredet. Sogar miteinander. Wir haben uns bemüht. Bemüht zuzuhören, bemüht zu antworten. Möglicherweise haben wir uns sogar bemüht, einander zu verstehen. Irgendwie ist sie erleichternd, diese Bemühungspause. Sven starrt verbissen auf die Fahrbahn. Er kämpft allein gegen die Kilometer, die ihn vom nächsten Erlebnis trennen. Ich sehe gedankenlos aus dem Fenster. Der Sonne ist es egal, ob sie den abweisenden Berg bescheint, seine scharfen Kanten, die kargen Flächen oder eine saftige Wiese. Sie taucht alles in das selbe warme Licht. In der Scheibe sehe ich, dass ich lächele.  

Zu Hause liegt Schnee“, sage ich, als mir unser Schweigen das kleine Hotelzimmer zu eng macht. „Kannst du nicht einmal da sein, wo du bist?“, fährt Sven mich an, „hier ist es so heiß, dass man sogar den verseuchten Tee der Einheimischen trinkt, und du denkst an den Schnee zu Hause.“ „Ich will ein Kind,“ erkläre ich ihm.

Oh, bitte nicht,“ stöhnt Sven.

Natürlich hat er Recht. Er hat immer Recht. Er kennt den Weg. Er weiß wo es lang geht. Für ihn, für mich.  

Auf dem weichen durchgelegenen Bett, das mich mit einem Quietschen der rostigen Federn begrüßt, sehe ich die anbrechende Nacht, das Zimmer in Dunkelheit tauchen. Svens Brustkorb hebt und senkt sich vollkommen gleichmäßig. Ich versuche im Einklang mit ihm zu atmen. Es gelingt mir nicht.  

Die Frauen sind nicht verschwunden. Auch hier nicht. Aber sie tragen die Gesichtszüge der alten Frau. Hinter straffen Lidern und vollen Lippen sehe ich jetzt ihr Gesicht. Bevor ich die Tür leise hinter mir ins Schloss fallen lasse, nehme ich zwei von ihnen an die Hand. Es kann nicht schaden, etwas Gesellschaft zu haben auf der Reise.