Abgrund

Ankommen, abreisen. Die Möglichkeit, sich selbst zu verlassen. All dieser Blödsinn. In den Gedanken.

Auf der anderen Seite, das was ich sehe: Ein weinendes Kind an der langfingrigen weißen Hand einer Frau, die Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge, inklusive Verspätungen.

Und auf einer Bank vor dem Zeitschriftenladen sitzen ein Mann und eine Frau. Sie reden sehr leise miteinander, schweigen lange, sehen sich an. Ich habe das Gefühl, sie bewegen sich mit entschiedener Zärtlichkeit auf einen Abgrund zu. Aber vermutlich denke ich das mit dem Abgrund nur, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals gesehen zu haben, wie mein Großvater mit meiner Großmutter gesprochen hat. Sie hat das Wasser von ihren Beinen zum Herzen steigen lassen (geduldig), damit sich wenigstens irgendetwas auf sie zu bewegt.

Eine Hand voll Wasser

Eine Frau, die darauf wartet, dass die Tage kürzer werden.
Ein Mann, der glaubt, die Verbote sind Vorboten.
(wovon fragt er nicht).
Ein Kind, das seine Geduld tief eingegraben hat,
an einem sehr geheimen Ort, um sie bloß nicht zu verlieren.

Eine Hand voll Wasser.
Gehalten von einem Gedicht.

In der Stadt in der ich lebe

In der Stadt in der ich lebe

 

werden die Hunde sehr alt

 

Die Dichter schreiben mit Bleistift

 

und glauben an die Heilkraft der Wälder

 

Selten liest jemand mehr

 

als die Schlagzeilen

 

in den Gesichtern der Vorübergehenden

 

 

Einer gibt dir einen Namen

 

und ein anderer ruft ihn

 

als wenn er dich kennt

 

Ich bin die Frau mit der Hasenscharte

 

die die immer bei Rot über die Ampel geht

 

Ich hänge am Leben

 

das Leben hängt an einem rostigen Nagel

 

aber auch daraus kann man etwas machen

 

etwas das lacht

 

(zuerst gedruckt in 500 gramm Nr. 7)

 

ich kannte mal einen

ich kannte mal einen. er fuhr motorrad. er sagte: richtig schön ist es nur mit dir. er meinte das motorradfahren. ich sagte: ruf mich an. aber er rief mich nicht an. irgendwann traf ich ihn. seine augen leuchteten. sein mund hüpfte aufgeregt um seine finger. er war ganz außer sich vor freude, weil er mich wiedersah. warum hast du nicht angerufen? fragte ich. und er sagte: das telefon verändert die seele des menschen, so wie ein rock die beine einer frau.

Kiki Smith

Kiki Smith Rapture

Ich lebte jahrelang in der Haut eines Wolfes. Es ging mir nicht schlecht. Ich profitierte von seiner Stärke, dem Schrecken, den er unwillkürlich, allein durch seine Gestalt auslöste. Ich weiß nicht, wovon er profitierte, was ihn veranlasst hatte, diese Verbindung mit mir einzugehen. Vielleicht war er sich selbst leid. Vielleicht wollte er nichts mehr, als sich an jemanden zu verlieren. So verleibte er sich mich ein und wehrte sich nicht dagegen, dass ich ihn nach und nach aufsog, absorbierte, bis ich so groß und kräftig wurde, dass der Platz nicht mehr für zwei genügte.

Ich würde die Sprünge durch den Wald vermissen, sein gesträubtes Fell, wenn er Geräusche wahrnahm, lange bevor sie an mein Ohr drangen. Den Blutrausch, wenn er einem Opfer nachjagte.

Als sein Bauch allein durch meinen Willen aufbrach und ich der Hülle, die lange Zeit meine Heimat gewesen war entstieg, warf ich keinen Blick zurück.

 

Recherchen im Reich der Sinne

Während meiner Recherchen über Frauen im Surrealismus begegnet mir immer wieder der weibliche Blick, der sich grundlegend vom männlichen unterscheidet. Die Umsetzung von Ideen, Geschlechtsbildern ist direkter und auch eindimensionaler bei den männlichen Künstlern. Es scheint als fehle ihnen die Fähigkeit (oder auch nur die Bereitschaft) zur Kommunikation. Der männliche Surrealismus strebt nach einer Kommunikation mit dem Irrationalen, nicht nach Verständnis.

Beispielgebend dafür erscheinen mir die von André Breton 1928 eröffneten Recherches sur la sexualité. Diese Gespräche, die dazu dienen sollten, den weiblichen Orgasmus zu erkennen, fanden zunächst unter Ausschluss der Frauen statt. Aber auch als im achten und neunten Gespräch Frauen anwesend waren, fand kein Austausch statt. Die Frauen mussten ebenso wie die anwesenden Männer lediglich genau definierte (und von Männern formulierte) Fragen beantworten.

[Insgesamt fanden 12 Gespräche statt, die alle vollständig protokolliert wurden. siehe dazu: José Pierre (Hg.) Recherchen im Reich der Sinne. Die zwölf Gespräche der Surrealisten über Sexualität 1928 – 1932. München, 1996)

Lee Miller

Lee Miller wurde am 23. April 1907 in Poughkeepsie in New York geboren. Dort begann sie auch Malerei zu studieren und wurde als Fotomodell entdeckt. Weder die Arbeit als Modell noch die Malerei füllten Lee aus und so stand sie im Sommer 1929 mit einem Empfehlungsschreiben von Streichen in Man Rays Atelier in Paris und sagte: Ich bin Ihre neue Schülerin“. Die erfolgreichste Erfindung des Arbeits- und Liebespaares war das fototechnische Verfahren der Solarisation. Schon bald trennt sich Lee von Man Ray. Wer noch mehr über die Beziehung der beiden und über Lee Miller aus anderer Quelle erfahren möchte, sei hier auf Bersarin verwiesen, der kürzlich anläßlich der letzten documenta lesenswertes über Lee Miller schrieb.

„Ich habe den Eindruck, daß Frauen größere Erfolgschancen in der Photographie haben als Männer. Frauen sind schneller und anpassungsfähiger als Männer. Und ich glaube, sie haben eine Intuition, mit denen sie Persönlichkeiten schneller erfassen als Männer.“ (Lee Miller)

Als Fotografin spielt Lee Miller mittels ungewöhnlicher Perspektiven und Kamerawinkel mit der Realität. Alles was ihre Bilder surreal machte, fand Miller in der STadt und den Landschaften selbst, erst ihr Kamerablick machte das Gewöhnliche zu etwas Magischem.

Nach einer Affäre mit Aziz Eloui Bey, die mit dem Selbstmord dessen Ehefrau tragisch endet, flieht Miller nach New York, wo sie ein Studio eröffnet. Als Aziz zwei Jahre später in Manhattan auftaucht, löst sie das erfolgreiche Studio auf, um mit ihm nach Kairo zu gehen.

1937 kehrt sie nach Paris zurück, wo sie Roland Penrose kennen lernt. 1939 verlässt Miller Aziz endgültig und zieht zu Penrose nach London. Im Juli 1945 erschien in der Vogue die Aufnahme von Lee Miller in Hitlers Badewanne, von der bei Bersarin die Rede ist. Seit 1942 arbeitete Miller als Kriegskorrespondentin. Nach Kriegsende wurde Miller depressiv, vagabundierte durch Osteuropa, von wo sie 1946 krank nach London zurückkkehrte. Ein Jahr später wird sie schwanger und heiratet Penrose. Lee Miller stirbt am 27. Juli 1977 an Krebs. 1986 wird in London eine erste Retrospektive ihrer Bilder gezeigt.

Surrealistinnen

Spätestens mit der neuen Beschäftigung mit Elisabeth Masé ist mir nochmals deutlich geworden, wie faszinierend ich surrealistische Bilder finde. Vielleicht auch, weil in keiner mir bekannten anderen Richtung Malerei und Literatur ein so enges Bündnis eingegangen sind.

Während die surrealistischen Maler sehr bekannt sind, weiß man jedoch allgemein wenig über die surrealistischen Künsterlinen, die ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben.

Der Surrealismus war eine männliche Domäne. Frauen hatten bestenfalls als Geliebte und Muse Zutritt zu diesem Zirkel, der sie naturgemäß besonders ansprach. Nicht der Männer, sondern der Thematik wegen.

Eine Thematik, die sich vielleicht am besten in einem Zitat von Lautréamont zusammenfassen lässt, das längst zum geflügelten Wort innerhalb surrealistischer Kreise geworden ist:

„wie die Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ (Lautréamont, die Gesänge des Maldoror, 6. Gesang)

Die Zwänge der Logik, der Kontrolle, des Folgerichtigen sind hier außer Kraft gesetzt. Die Vorherrschaft des Intellektes über das Unbewusste gilt nicht länger.

Man Ray war der erste, der die Quintesenz, die die Surrealisten aus Lautréamonts Schriften zogen, in ein Bild übersetzte, mit The Enigma of Isidore Ducase (dem bürgerlichen Namen Lautréamonts)

 

Frauen spielten als Musen, als Bild für Schönheit, als Geliebte und als Sinnbild für das Geheimnisvolle der Natur eine Rolle, aber immer unter Beibehaltung der männlichen Dominanz. Das Weibliche spielte eine große Rolle im Surrealismus, die Frau selbst jedoch nicht.

Spiele waren von zentraler Bedeutung für die Surrealisten. Eines der beliebtesten (und vermutlich auch bekanntesten) Spiele stammte von Yves Tanguy und nannte sich „Cadavre exquis“, die köstliche Leiche. Gemeinsam wurde eine Figur gezeichnet, wobei der Nachfolger nicht sehen konnte, was sein Vorgänger gezeichnet hatte, das das Blatt an dieser Stelle gefaltet wurde.

Die Surrealistinen spielten die Spiele der Männer eine Zeit lang mit, indem sie sich als Traumfiguren und Fantasiegeschöpfe malten. Dann jedoch emanzipierten sie sich von den männlichen Vorgaben.