Früher

„Früher“, sagt die Frau. Denn das rückt die Angst fort, die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen. In der Vergangenheit, im „früher“, ist alles beruhigend abgeschlossen, starr, bewegungslos.

„Früher“, sagt die Frau. Aber dann dreht sie sich nicht um, sondern zerreißt dieses Band, das immer enger wird, immer heftiger an ihr zieht, ihr den Raum zum Atmen zu nehmen scheint. Und plötzlich fällt sie in eine Leere, die sie nach vorn zieht, die alles weit und offen macht, die sie mit Freude und Dankbarkeit anfüllt.

„Jetzt“, sagt die Frau und strahlt. Strahlt wie eine Sonne, deren Strahlen nach vorne und nach hinten fallen, aber immer speisen sie sich aus der Mitte, aus sich selbst heraus.

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Am Ufer steht eine Frau

Am Ufer steht eine Frau,

gebückt,

zusammengesunken, als hätten

ihre Knochen sich aneinander

geschmiegt, um besser der

Kälte zu trotzen, die von Jahr

zu Jahr heftiger angreift.

 

Jedes Jahr vier, fünf Möglichkeiten

weniger, sich aus den Zusammenhängen

zu winden, zu lachen

obwohl es weh tut.

 

Sie bewegt die Lippen,

zitternde Striche, die

Worte murmeln, die lauter sein

sollen, als die, die sie von selbst finden.

 

Der Wind reißt ihr die Laute

von den Lippen. Läuternd.

Berührt sie. Flüsternd.

Und sie schweigt.

Treibt hinaus

Kein Glanz,

nur ein offener Horizont.

Der Hunger der Zeit

Manchmal tauchen Erinnerungen auf, die sie jahrzehntelang vergessen hatte. Als wolle irgendetwas in ihr (aber was, wie nennt man diesen Bereich? Denn er muss einen Namen haben, um sich verständlich machen zu können. Auf keinen Fall ist es der Intellekt. Mehr kann sie nicht sagen) ihr Geschichten erzählen, ihr etwas vormachen. Oder sie erinnern? Die Zeit verschlingt uns. Die Zeit macht gar nichts. Die Zeit ist die Form, der wir uns ständig anpassen müssen. Ihre Kinder, wenn sie alle paar Wochen einmal zu Besuch kommen, können nichts mit ihr anfangen. Sie scheint weit entfernt, gefangen in ihren Geschichten von der Vergangenheit. Nahezu alle Sätze beginnt sie mit: weißt du noch? Wisst ihr noch?

Ihre Kleider hängen unförmig an ihrem immer dünner werdenden Körper herunter. Manchmal machen sich die Kinder Sorgen um sie. 10, 15 Schritte lang, bis sie in entgegengesetzte Richtungen davon gehen, zurück in ihr eigenes Leben. In eine Gegenwart, zu der sie keinen Zutritt hat. Die sie aus keinem verständlichen Gründen nicht betreten kann. Sie ist müde. Nie hungrig. Außer nach diesen Geschichten. Es war einmal. Weißt du noch.

Hast du manchmal Angst vor dem Tod?, hat die Schwester sie einmal gefragt, und sie hat sie, auf einmal sehr wach und aufmerksam, lange angesehen. Später hatte die Schwester ein schlechtes Gewissen, sie gerade mit einer derartigen Frage aus ihrer Lethargie, ihrer Weltabgewandtheit gerissen zu haben.

Glücklicherweise können es die wenigsten verstehen, dass sie sich unmöglich fürchten kann vor ihrem Tod. Denn sie ist schon so lange leblos, so lange vielmehr Teil des Todes, des Sterbens, als Teil der anderen Seite, der Lebendigkeit. Tod, das heißt für sie nur, dass die Erinnerungen aufhören werden, dass sie endlich verschwinden wird in diesen unüberbrückbaren Abgrund, der sie von den anderen trennt.

 

In der Bahn hört sie, wie ein Mann, er mag Mitte Dreißig, Anfang Vierzig sein, seinem Begleiter von einer Frau (seiner Großmutter?) erzählt. Ihr Problem sei, dass sie nicht wahrhaben wolle, dass sie 90 Jahre alt sei. Dass sie mit ihren 90 Jahren immer noch so tue, als wäre sie 70.

Vielleicht, denkt sie, hat die alte Dame die letzten 20 Jahre Differenz nicht gelebt (ist wie sie in den Erinnerungen gefangen gewesen), oder sie hat sie vergessen, weil sich die Tage so sehr glichen. So unterschiedslos eintönig, gleichförmig waren, dass sie immer wieder zurück fiel auf ihr 70. Lebensjahr, bis man sie erinnert, wie weit das zurückliegt, und dass es nun gilt, beherzt auf den Tod zuzuschreiten.

Ist es das, was der Mann meint? Dass eine 90jährige sich bereitmachen sollte, zu sterben, statt wie eine 70jährige am Leben zu hängen?

Alter und Nation

Die Würde und Schönheit der älteren Frauen hier, durchgehend empfinde ich die türkischen Frauen (ab meiner Altersklasse und darüber) als schöner, vor allem als würdiger als Geschlechtsgenossinen meiner Nation. Als würden sie alle viel mehr in sich selbst ruhen, ihren Wert und ihren Platz kennen und ausfüllen, ohne fremden und vermutlich unerreichbaren Idealen hinterher zu rennen.

 

Diese wunderschöne Frau im überfüllten Rückfahrt Dolmus, mit dem kleinen Jungen auf dem Schoß. Diese Zustimmung zu sich selbst. Die Falten um ihre schönen Augen, wie Sonnenstrahlen, wenn Kinder die Sonne malen.

Miroslav Tichý

Miroslav Tichý
Miroslav Tichý

Er hat nicht viel Glück gehabt, aber eine Leidenschaft.

 

Bis 1948 hatte Tichý an der Prager Kunstakademie studiert. Dann kamen die Kommunisten und mit ihnen Überwachung und Schikane. Ende der 50er Jahre verbrachte Tichý ein Jahr in der Psychatrie. Danach zog er sich vollends aus dem Kunstbetrieb zurück (seine Gemälde hielt er bis zum Schluss für seine einzigen nennenswerten Werke) und begann zu fotografieren.

 

Ich hatte eine Norm“, sagt Tichý, Hundert Fotos am Tag. Wenn ich die Norm erfüllt hatte, habe ich aufgehört.“

 

Heimlich verfolgte er Tag für Tag Frauen, die ihm gefielen, um sie unbemerkt zu fotografieren. Mit selbstgebauten Kamera-Monstren.

 

Roman Buxmann „entdeckt“ das Besondere an Tichýs Fotos und sorgt 1989 für die erste Ausstellung seiner Bilder in Köln.

 

Tichýs Fotos bestehen gerade durch das technisch unperfekte, durch die Nachlässigkeit, mit der er sie gehandhabt hat.

 

2011 ist Miroslav Tichý gestorben. Er wurde 84 Jahre alt.

Miroslav Tichýs Kamera Hier gefunden.
Miroslav Tichýs Kamera
Hier gefunden.

 

Abgrund

Ankommen, abreisen. Die Möglichkeit, sich selbst zu verlassen. All dieser Blödsinn. In den Gedanken.

Auf der anderen Seite, das was ich sehe: Ein weinendes Kind an der langfingrigen weißen Hand einer Frau, die Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge, inklusive Verspätungen.

Und auf einer Bank vor dem Zeitschriftenladen sitzen ein Mann und eine Frau. Sie reden sehr leise miteinander, schweigen lange, sehen sich an. Ich habe das Gefühl, sie bewegen sich mit entschiedener Zärtlichkeit auf einen Abgrund zu. Aber vermutlich denke ich das mit dem Abgrund nur, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals gesehen zu haben, wie mein Großvater mit meiner Großmutter gesprochen hat. Sie hat das Wasser von ihren Beinen zum Herzen steigen lassen (geduldig), damit sich wenigstens irgendetwas auf sie zu bewegt.

Eine Hand voll Wasser

Eine Frau, die darauf wartet, dass die Tage kürzer werden.
Ein Mann, der glaubt, die Verbote sind Vorboten.
(wovon fragt er nicht).
Ein Kind, das seine Geduld tief eingegraben hat,
an einem sehr geheimen Ort, um sie bloß nicht zu verlieren.

Eine Hand voll Wasser.
Gehalten von einem Gedicht.

In der Stadt in der ich lebe

In der Stadt in der ich lebe

 

werden die Hunde sehr alt

 

Die Dichter schreiben mit Bleistift

 

und glauben an die Heilkraft der Wälder

 

Selten liest jemand mehr

 

als die Schlagzeilen

 

in den Gesichtern der Vorübergehenden

 

 

Einer gibt dir einen Namen

 

und ein anderer ruft ihn

 

als wenn er dich kennt

 

Ich bin die Frau mit der Hasenscharte

 

die die immer bei Rot über die Ampel geht

 

Ich hänge am Leben

 

das Leben hängt an einem rostigen Nagel

 

aber auch daraus kann man etwas machen

 

etwas das lacht

 

(zuerst gedruckt in 500 gramm Nr. 7)