(34)

Beeindruckend wie Frank Witzel seinen Zweifeln nachgeht, Gedankengänge ausformuliert, die ich selbst nur im Ansatz kenne, weil ich sie vorschnell abbreche, aus Angst an ihnen verrückt zu werden.

Und wie er für Dinge, die ich nur ahne und fühle eine glasklare Formulierung findet, das Unbehagen, etwas aufzuschreiben z.B., über das er schreibt:

„Kaum aufgeschrieben, überfällt mich eine Scham gegenüber dem Notierten. Ich kann und will nichts notieren, will überhaupt nicht über mich und mein Leben nachdenken, geschweige denn etwas hinterlassen, das daran erinnert. Die Arbeit des Schreibens besteht bei mir vor allem darin, diese ganzen Widerstände zu überwinden. Ich habe nicht schreiben gelernt, sondern mir mühselig beigebracht, das Geschriebene stehen zu lassen.“

Frau sein

Ich scheine nur noch biografische Bücher zu lesen. Oder meinetwegen Autofiktionen. Angefangen hat es vielleicht mit Helene Cixous Homère. Und jetzt in letzter Zeit: David Wagners vergesslicher Riese, Maggie Nelsons Rote Stellen, Frank Witzels Inniger Schiffbruch, und – gerade ausgelesen – Mely Kiyaks Frausein.

Und nach diesem Buch dämmert mir ein wenig, warum ausgerechnet diese Bücher zu mir kommen, es geht um die Erkenntnis, die Kiyaks Buch eindrücklich vermittelt: Überhaupt ist Frau sein ein eindrucksvolles Dokument, wie wirklich bedeutende Literatur von einer schmerzhaft aufrichtigen Selbstbefragung lebt. Von dem Wagnis, den sicheren Boden aus Gewissheiten und Übereinkünften radikal subjektiv zu befragen. Um herauszufinden, wer man wirklich ist, jenseits von Erwartungen und Zuschreibungen. Der schwere, voraussetzungsvolle Weg zur einer befreiten und tiefen Wahrnehmung seiner selbst. Als Frau.