Sieben

Ich werde nie darüber hinweg kommen. Ich bin mir selbst die sieben Berge, hinter denen ich mich verstecke. Aber die Erinnerung findet mich, um mir in ständig wechselnden Verkleidungen aufzulauern, und mich zu vergiften. Bleibt die Frage, wer die sieben Zwerge sind, die mich immerhin ein paar Mal retten und ins Leben zurückholen. Bleibt die Frage, wann mir der Apfelschnitz im Halse stecken bleibt, oder ob ich schon im gläsernen Sarg liege. Bleibt die Frage, ob ich den Prinz, der mich retten und heiraten will, nicht sofort vor den Kopf stoße. Bleibt die Frage, wie man das aushält, ein Leben ohne klar erkennbaren Sinn.

Dehnungsschmerz

Ich würde die Fragen, die mich quälen, gern Fragen sein lassen, und nur denen nachgehen, die mich irgendwohin führen. Hauptsache weg von mir. Und von richtig und falsch, in eine Gegend, in der das Schreiben mich berauscht, der Zensor untergeht in der Flut der Worte, in der ich mich mitreißen lasse, leicht werde, zum Gebrumm einer Fliege werde, die im Zimmer umherirrt, plötzlich doch den Weg ins Freie findet und zurück bleibe ich, erleichtert von meiner Angst. Eine Spur auf dem Weg, ein Fußabdruck im Schnee, eine eine Million mal wiederholte Frage, das Vergessen sämtlicher Pflichtgefühle und Glückseeligkeiten. Eine, die die Schönheit der Momente immer erst im Nachhinein erkennt, weil es sonst schlicht unerträglich wäre.

Heute ist Sonntag, der 27. Mai, ein stiller sonniger Tag mit ein, zwei Gewittern. Mit Fragwürdigkeiten und Unzulänglichkeiten, mit dem Hang zur Abstraktion und der Tendenz, die Details zu übersehen. Mit der Sorge, um mein Kind und dem ständig anwesenden Dehnungsschmerz.

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Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Traum hatte, den Traum, reich und berühmt zu werden, den Traum Mutter zu sein, Zentrum einer großen und glücklichen Familie. Oder wenigstens den Traum, zu schreiben. Jeden Tag mit Leichtigkeit die Seiten zu füllen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, wie unnütz und überflüssig das ist.

Stattdessen habe ich eine Zeitlang geschrieben und es vermisst, als keine Worte mehr einfach so aufs Papier flossen. Habe Kinder bekommen und musste lernen, sie loszulassen.

Was ich damit sagen will; ich wurde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen.

Wir alle, alle anderen, aber vor allem all die anderen, die wir gewesen sind, leben fort in uns. Die Bilder, die Trauer, die Glücksmomente, das Suchen und wie es auf einmal aufgehört hat. Die Aufgaben, die uns dazu eingeladen haben, uns aufzugeben, endlich unser Ego loszuwerden und uns stattdessen zu verbinden, mit einer Tätigkeit, mit anderen Menschen, mit einer Idee.

Und das Ego, das immer wieder aufstand, und mit seinen falschen Fragen alles zerstört.

01. März

Wo denkst du hin?

In den Tod viel zu junger Menschen.

Wie wir immer wieder versuchen, sie festzuhalten, mit der Schrift.

 

Sie haben ein Feuerwerk gezündet.

Ich habe die Bilder gesehen.

Sie waren gemeinsam traurig und hilflos.

Und ich erlaubte mir keine Fragen,

weil wer tot ist, nicht mehr sprechen kann.

 

 

(7)

Was Gespräche so schwierig macht, ist die begrenzte Anzahl zulässiger Fragen. Was uns wirklich interessiert, worauf wir wirklich eine Antwort haben möchten, das fragen wir irgendwann nicht einmal mehr uns selbst.

Null

Allein, die Null im Gepäck, stand der einbeinige Mann auf der Landstraße, sehnte sich nach dem Wind, vergriff sich beim Versuch einen Vogel mit seiner Schleuder zu treffen und gleichzeitig ein Mädchen im Blick zu behalten, wobei er nicht einmal wusste, warum er sie im Blick behalten wollte. Vorsicht und Rücksicht, nicht zu vergessen die Nachsicht und die Tatsache, dass beides nicht geht: Fragen und Antworten, aber auch keines ohne das andere. Sowohl als auch. Weder noch. Wir begrenzen die Aussicht und zentrieren den Blick.

 

19. Januar

Unsere blassen Gesichter in der Bahn, gespiegelt von anderen durchscheinend weißen Gesichtern.

Ein Kind steigt mit seinen kurzen Beinen tapfer die hohen Stufen des Ausstiegs herab. Keiner hat es eilig. Zwei Frauen lächeln einander erleichtert zu, als das Kind die große Aufgabe ohne Zwischenfall bewältigt hat.

Es ist wahr, wirklich aufregend und bereichernd ist das Schreiben nur, wenn ich zu Beginn keine Ahnung habe, was am Ende auf dem Papier stehen wird.

 

Worüber kann ich reden, welche Fragen stellen, wenn ich glaube, dass am Ende nichts bleibt? Und ich mich nicht einmal freuen kann, wenn mein eigenes Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung im Regal steht? Wenn alles nur vorläufig ist, weil jeder Moment der Gegenwart mich mit der Vergangenheit konfrontiert.

Dieses unerträgliche Paradox, dass die Liebe zu meinen Kindern von Anfang an bedeutet, sie zu befähigen, ohne mich zu überleben, zurecht zu kommen, glücklich zu sein.

 

Irgendwann werde ich aufhören, Tagebuch zu schreiben, um wieder Geschichten zu verfassen. Eine in der irgendwann diese Worte fallen: „Zwing mich nicht, glücklich zu sein. Ich habe kein Talent dazu.“

 

 

Eigensinn

Ich bin kein uneingeschränkter Fan von Fragerunden, zumal in der Blogsphäre, die „Liebster Blog Awards“ und wie sie alle heißen, in der Mehrzahl der Fälle lasse ich das an mir vorbei ziehen, obwohl es auch da sehr lesenswerte Ausnahmen gibt, vermutlich viel mehr als ich registriere, weil ich gemeinhin nicht lese, was dort so geschrieben wird. Aber es gibt Ausnahmen. Das wunderbare Interview Projekt von Gesine von Prittwitz, die auf SteglitzMind unermüdlich über alles was mit Literatur zu tun hat bloggt, oder, kürzlich entdeckt, das Blogprojekt „Rückfragen“ bei Ludwig Zeidler. Heute zum Beispiel durfte man dort lesen, was Andreas Glumm in Rage bringt:

Die Blog-Szene, weil es zu wenig Autoren/Autorinnen gibt, die eigensinnig genug sind, um etwas eigenes auf die Beine stellen. Das klingt widersinnig in einer Zeit, wo jeder Hans Wurst eine eigene Facebook-Seite, eine Seite auf Instagram und ein Weblog unterhält und alle so wahnsinnig individuell daherkommen, doch wer das ganze Zeugs liest, spürt schnell, dass alle ungefähr das Gleiche sabbeln. Es ist, als verpasse ein einziger großer Welt-Frisör Hunderte von Millionen Leuten den selben Maschinenschnitt, und alle sind begeistert, wie toll sie aussehen. Dabei ist ein Blog ein riesiger Freiraum, ein Luxusgut. Niemand quatscht dir rein, es gibt keinerlei Vorgaben, keinen Chef, kein Lektorat, nichts, was einen hindert, die eigene Stimme zu schulen und zu entwickeln. Ein Blog, ernsthaft betrieben, verbindet auf schönste Anarchie mit Disziplin.

Auch alle anderen Antworten sind lesenswert, aber da die Blogmüdigkeit und die Infragestellung des Bloggens an sich, die ja immer wieder in Wellen durch die Sphäre geht, mich derzeit selbst ergriffen hat, war das eine von mir sehr gern gelesene Stellungnahme. Eine Erinnerung daran, eigensinnig zu sein, statt mich zu fragen, was geht, was sich gehört, was die Leute lesen wollen. Warum eigentlich nicht den eigenen Blog als Übungsplatz dafür nutzen, die eigenen Grenzen immer wieder ein wenig in Frage zu stellen, auszuprobieren, wie unbeliebt man sich machen kann, wie viel man von sich preis geben will und kann, in welche Fettnäpfchen man bewusst treten kann, ohne vor lauter Scham am Tag darauf den ganzen Blog zu löschen?

Kann ich das? Habe ich den Mut, wirklich eigensinnig zu sein? Ich finde es herauszufinden ist einen Versuch wert. In diesem Sinne besten Dank an zwei eigensinnige Blogger.