Grenzen – mal wieder

Ein Selbstbewusstsein für die eigene Begrenztheit. Aber innerhalb dieses Selbstbewusstseins, unterschiedliche Möglichkeiten zu entscheiden. Und ganz viele Fragen:

Was hat das eigentlich zu bedeuten, dass ich kaum noch raus will, mit dem, was ich schreibe? Dass ich diesen Drang, es zu zeigen nicht mehr habe? Ist das verletzte Eitelkeit? Wenn ich etwas zeige, ist die Aufmerksamkeit bestenfalls mittelmäßig. Oder habe ich einfach das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, was andere nicht viel besser sagen können? Oder fehlt mir der Mut, mich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren, und alles andere auszublenden? Die Hingabe zum Schreiben? Die Freundlichkeit gegenüber mir selbst, die mir ermöglichen würde, das, was ich schreibe, einfach so sein zu lassen, wie es ist, ohne permanent zu vergleichen?

Zeug*innenschaft statt Rechenschaft

Seltsam, dass keine der Besprechungen von Stellings „Schäfchen im Trockenen“ darauf eingeht, dass dieser einzige isolierte einsame Eintrag im Tagebuch der Mutter : Wieder zu viel gegessen – natürlich dafür steht, dass Frauen das so lernen, alles in sich hineinzufressen. Vielleicht ist das ja zu offensichtlich, um erwähnt werden zu müssen. Aber vielleicht überlesen das die Rezensentinnen auch gerne. Zu platt, nicht intellektuell genug, da schreibt man dann doch lieber woraus sich der Name der Protagonistin ableitet, weil man dann ein wenig mit Hintergrundwissen (auch nur gegoogelt) glänzen kann, dass Parrhesia Redefreiheit meint, auch wenn man dadurch, dass man erwähnt, Stelling habe das im Interview „verraten“ klar macht, dass man das Buch eher nicht gelesen hat, denn tatsächlich muss Anke Stelling das in keinem Interview erklären, es steht ja schwarz auf weiß im Buch:

„Aufhören, mich dem Betrieb zu empfehlen. Jetzt hat sie doch ihren Preis, die olle Resi, also muss niemand mehr bemerken, dass ihr Name nicht auf Theresia, sondern auf Parrhesia zurückgeht.“

Aber gut, das steht auf Seite 259, man hätte das Buch also zu Ende lesen müssen.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Buch dann endlich doch gelesen habe. Weil es ganz viele Fragen aufwirft, die mich ganz persönlich angehen.

Ich frage mich zum Beispiel; was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?

Und das sind keine rhetorischen Fragen, das interessiert mich wirklich. Also gerne her mit eigenen Geschichten und Kommentaren. Vielleicht können wir die schöne Anregung, zusammen zu schreiben, von Andreas Wolf neulich, ein bisschen mit Leben füllen. Und ganz nebenbei etwas über uns und unsere Gesellschaft herausfinden.

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Unsere Spiele und Lächerlichkeiten. Und meine alles zerstörende Unsicherheit.

Man müsste sich Fragen stellen, ohne den Antworten hinterher zu laufen. Vielmehr warten bis sie sich von selbst einfinden. Ihnen den Weg bereiten, ohne sie zu drängen. Es aushalten, dass es keine einfachen Lösungen gibt, keine Patentrezepte, dass es eine Zeit dauert und unbequem ist, schwierig und man dennoch weitermachen muss. Beharrlich und mit Geduld.

 

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Kerstin Eckstein
Kerstin Eckstein

Was, wenn die Sätze denken? Eigenständig und mit dieser Art von Unabhängigkeit, um die ich mich so lange schon erfolglos bemühe? Wenn die Sätze sowohl klug als auch unbeschwert sind? Und weitere Sätze mit einer fraglosen Selbstverständlichkeit nach sich ziehen, ungeachtet dessen, was derjenige, der sie schreibt, preisgeben möchte. Wenn sie ihm rücksichtslos die eigene Eitelkeit austreiben?

Und wenn niemand diese Sätze liest, verlieren sie dann ihre Gültigkeit? Oder ermöglichen sie überhaupt erst den Gedanken an Gleichgültigkeit? Was wenn die Sätze selbstbewusst denken und alles in Frage stellen, ohne sich um Antworten zu bemühen? Diese Art von Antworten, die beruhigen sollen und besänftigen.

Entsteht dann große Literatur?

Sieben

Ich werde nie darüber hinweg kommen. Ich bin mir selbst die sieben Berge, hinter denen ich mich verstecke. Aber die Erinnerung findet mich, um mir in ständig wechselnden Verkleidungen aufzulauern, und mich zu vergiften. Bleibt die Frage, wer die sieben Zwerge sind, die mich immerhin ein paar Mal retten und ins Leben zurückholen. Bleibt die Frage, wann mir der Apfelschnitz im Halse stecken bleibt, oder ob ich schon im gläsernen Sarg liege. Bleibt die Frage, ob ich den Prinz, der mich retten und heiraten will, nicht sofort vor den Kopf stoße. Bleibt die Frage, wie man das aushält, ein Leben ohne klar erkennbaren Sinn.

Dehnungsschmerz

Ich würde die Fragen, die mich quälen, gern Fragen sein lassen, und nur denen nachgehen, die mich irgendwohin führen. Hauptsache weg von mir. Und von richtig und falsch, in eine Gegend, in der das Schreiben mich berauscht, der Zensor untergeht in der Flut der Worte, in der ich mich mitreißen lasse, leicht werde, zum Gebrumm einer Fliege werde, die im Zimmer umherirrt, plötzlich doch den Weg ins Freie findet und zurück bleibe ich, erleichtert von meiner Angst. Eine Spur auf dem Weg, ein Fußabdruck im Schnee, eine eine Million mal wiederholte Frage, das Vergessen sämtlicher Pflichtgefühle und Glückseeligkeiten. Eine, die die Schönheit der Momente immer erst im Nachhinein erkennt, weil es sonst schlicht unerträglich wäre.

Heute ist Sonntag, der 27. Mai, ein stiller sonniger Tag mit ein, zwei Gewittern. Mit Fragwürdigkeiten und Unzulänglichkeiten, mit dem Hang zur Abstraktion und der Tendenz, die Details zu übersehen. Mit der Sorge, um mein Kind und dem ständig anwesenden Dehnungsschmerz.

(41)

Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Traum hatte, den Traum, reich und berühmt zu werden, den Traum Mutter zu sein, Zentrum einer großen und glücklichen Familie. Oder wenigstens den Traum, zu schreiben. Jeden Tag mit Leichtigkeit die Seiten zu füllen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, wie unnütz und überflüssig das ist.

Stattdessen habe ich eine Zeitlang geschrieben und es vermisst, als keine Worte mehr einfach so aufs Papier flossen. Habe Kinder bekommen und musste lernen, sie loszulassen.

Was ich damit sagen will; ich wurde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen.

Wir alle, alle anderen, aber vor allem all die anderen, die wir gewesen sind, leben fort in uns. Die Bilder, die Trauer, die Glücksmomente, das Suchen und wie es auf einmal aufgehört hat. Die Aufgaben, die uns dazu eingeladen haben, uns aufzugeben, endlich unser Ego loszuwerden und uns stattdessen zu verbinden, mit einer Tätigkeit, mit anderen Menschen, mit einer Idee.

Und das Ego, das immer wieder aufstand, und mit seinen falschen Fragen alles zerstört.

01. März

Wo denkst du hin?

In den Tod viel zu junger Menschen.

Wie wir immer wieder versuchen, sie festzuhalten, mit der Schrift.

 

Sie haben ein Feuerwerk gezündet.

Ich habe die Bilder gesehen.

Sie waren gemeinsam traurig und hilflos.

Und ich erlaubte mir keine Fragen,

weil wer tot ist, nicht mehr sprechen kann.