Die alles entscheidene Frage

Es gibt Fragestellungen, Handlungsanweisungen, immer neue Bedenken. Es gibt die nackte Angst, und die Unmöglichkeit, sie in Worte zu kleiden. Hände, die ins Leere greifen. Augen, die sich schließen.

Die Nachrichten sind voll von dem Elend der Flüchtlinge, Millionen entwurzelter Menschen, die verzweifelt um ihr Überleben kämpfen, um Hoffung, um das Recht Rechte zu haben, und es gibt die Überforderung der Staaten, die immer noch keine Menschen sehen, sondern Probleme, die sie abschieben wollen, indem sie Grenzen schließen, Verantwortung negieren, immer noch, immer wieder Abschottung statt Solidarität. Vielleicht beginnt mit dieser Krise, die sich auf einmal mitten nach Europa, in unsere Mitte, verlagert hat, die alles entscheidende Antwort auf die Frage, wie wir leben wollen; gegeneinander oder miteinander.

Singen

Wir schweigen, aber in das Schweigen legen wir all unsere Ansprüche, verstanden zu werden. 

Sonnenstrahlen fielen auf die Gleise, auf denen sie sich verirrt hatte. Sie ging ihnen nach. Was hatte sie jetzt noch zu verlieren, außer ihrem Anspruch trotz allem glücklich zu sein?

Manchmal legte sie den Kopf auf die Gleise, wartete auf das Singen der Schienen, das einen Zug ankündigte. Sie lauschte dem Singen lange nach, bevor sie im letzten Moment aufstand und zur Seite sprang, um den Zug an sich vorbeirauschen zu lassen.
Wem schulde ich meine Zeit? Sie machte ein Lied aus dieser Frage und lief weiter, den Sonnenstrahlen entgegen.
Dass sie einholen würde, was sie zurückließ, war ihr gleichgültig. Sie sah darüber hinweg.
Und ihr Blick trug weit.

09. Dezember

Gekränkt von der Art und Weise, wie E. gestern reagiert hat, als ich sie freudig überrascht begrüßte, verunsichert, weil auch S. sich nicht, wie vereinbart, meldet. Aber andererseits auf einmal Aufsätze, Berichte, Essays zum Wasser finden, einfach so, ohne gesucht zu haben, merken, wo viele Fäden schon lange mitlaufen und dass sie jetzt vielleicht, wenn es mir gelingt dran zu bleiben, zusammenlaufen können, ein Muster ergeben.

Wie sich das lebenslänglich wiederholt, der Vorgang der Geburt, das schmerzhafte Ausbrechen aus Orten, die zu eng geworden sind.

Die Notwendigkeit, mit dem Bloggen aufzuhören, um mich endlich wieder langfristig auf etwas konzentrieren zu können, und die Unmöglichkeit, so ganz ohne Austausch (auch ohne Bestätigung) zu bleiben.

Aber alles soll gewagt sein… Die Frage ist nur, wie fange ich es an. Viel leichter vermutlich, als ich mir weismachen will.

06. Dezember 2014

Ich beobachte gerade eine Welle der Auseinandersetzung mit Tagebüchern im Netz.

Während ich selbst aus Mangel an Texten, die ich veröffentlichen kann und möchte und aus gleichzeitiger Unfähigkeit, einfach mal ein paar Tage still und unsichtbar zu bleiben, in den Archiven meines eigenen Blogs nachlese, was ich in den Dezembermonaten der letzten Jahre geschrieben habe, und dann feststelle, dass ich scheinbar keinen Schritt weitergekommen bin: die selben Fragen, die selben fadenscheinigen Antworten. Stillstand oder Beharrlichkeit?

Dualität

Koen Wessing , Nicaragua 1979
Koen Wessing , Nicaragua 1979

Lange schon liegt Roland Barthes auf dem Nachttisch, und immer wieder blättere ich darin und lasse mich mitnehmen von seinen Gedanken und Überlegungen. Dass dieses Buch überhaupt zu mir gefunden hat, oder besser gesagt, ich zu ihm, diesen Umstand verdanke ich Pagophila, deren Eintragungen zu „Die helle Kammer“ mich immer wieder fasziniert haben.

Barthes spricht in seinen Bemerkungen zur Photographie vom „Abenteuer“ des Fotos. Weil ich gerade erst über Fragen nachgedacht habe, und immer noch darüber nachdenke (nur nicht mehr ganz so ratlos, dank der vielen klugen Bemerkungen, die mir einige meiner Leser geschenkt haben), überlege ich, ob mich ein Foto vielleicht genau dann anspricht, wenn es mich dazu bringt, Fragen zu stellen, mich auf diese Art, also mit einer zielgerichteten Neugier, darauf einzulassen.

 

Aber worüber ich eigentlich schreiben wollte, ist der Begriff der „Dualität“, von der Barthes bei den Fotos von Koen Wessing spricht. Diese Dualität durchbricht laut Barthes die Gleichgültigkeit, das unbeteiligte Interesse an Bildern, die lediglich wahrgenommen werden, ohne den Betrachter wirklich zu berühren.

[Das Prinzip der Dualität spiegelt sich nicht zuletzt im Titel, den Barthes seinen Betrachtungen zur Photographie gegeben hat. Die helle Kammer, da ist das Licht angesprochen, das alles groß macht und dem Blick öffnet, dagegen die Kammer, die für einen geschützten Raum steht, aber auch für eine gewisse Beengung, Einschränkung)

 

Barthes schreibt: „Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).“

Diese Verwundung ist es, die die Begrenztheit unserer Perspektive, unseres Lebens weitet, erhellt. Das klingt jetzt pathetisch und vielleicht auch noch etwas kryptisch, aber ich habe vor, an dieser Stelle weiterzumachen, weiterzudenken und zu schreiben.

 

Sand

Sand - Isla volante
Sand – Isla volante

Sie hat Sand zum Meer getragen. Nicht irgendeinen Sand. Korn für Korn hat sie sorgfältig ausgesucht. In jedem Korn liegt ein Wunsch, eine Erinnerung. ein Schweigen, das sie gebrochen hat. und ein Schweigen, das sie gebrochen hat. Sie glaubt an die Verwandlung. sie glaubt an Erlösung. Sie hält das Korn zwischen den Fingerspitzen.
Die Wellen sind die Antwort. der Schrei der Möwen, der Wind.
Aber sie ist nicht die Frage.

Im Wasser werden sich die Sandkörner finden, um sich zu einem Spiegel zu verbinden. Das Meer ist voller Spiegel, in denen man alles erkennt und nichts sieht. Unterbrochene Kreisläufe, die sich dank der Unterbrechung endlich schließen können.

„Du siehst nicht genau genug hin. dir fehlt die Geduld, um für ein Verständnis zu kämpfen.“ Wer hatte ihr das vorgeworfen, oder war sie selbst diejenige, die sich das vorwarf? Spielt das eine Rolle? Loslassen bedeutet den Schmerz so lange gewähren zu lassen, bis er seine Lektion beendet hat.

Sie öffnet die Hände und überlässt den Sand sich selbst.

Acht mal zwei

Die Zahl zwei. Die Grundlage für den Gegensatz.

 

 

Ein Satz (eine Behauptung) und ein Gegensatz. Nicht um den Satz auzulöschen, auch nicht, um ihn zu widerlegen, nur um die Grenze aufzuzeigen, wie weit das Benennbare reicht.

 

 

Eine Markierung der Ränder. Die Zahlen sind der Gegensatz zu den Worten.

 

 

Eine vorläufige Versicherung. Weil Berechnungen keine Antwort sind, aber eine Begrenzung der Fragen.

 

 

Was wäre der Wind ohne die Zweige, mit denen er spielen kann? Und was sind die Zahlen, ohne einen, der sie zählt?

 

 

Wie soll man erwachen, wenn man vorher nicht geschlafen hat? Eine Tür öffnet sich, eine andere schlägt zu.

 

 

Das Charakteristische an einem Einfall ist, dass er allein kommt. Vollkommend einleuchtend, ohne einhergehenden Zweifel.

 

 

Eine Überlegung hingegen, baut auf etwas zuvor Einleuchtendem auf, das dann in Zweifel gezogen, zur Grundlage weitergehender Gedanken geworden ist. Also beweglich statt fest stehend.

 

Ein Gedicht

Ein Gedicht, schreibt Ulla Hahn,

 

ist die Antwort auf eine Frage,

 

die sich der Dichter stellt.

 

Ich, keine Dichterin, würde die Antwort

 

in Zweifel ziehen.

 

Ich würde schreiben:

 

Ein Gedicht ist das

 

was passieren kann,

 

wenn sich der Dichter

 

einer Frage stellt.

 

Wenn er sich ins Abseits stellt

 

an den Rand,

 

um von dort den Marktplatz

 

wo Worte als Beruhigung und Bestätigung

 

feilgeboten werden, beobachtet.

 

Der nicht handelt,

 

nicht zugreift

 

und die weitreichendsten Worte

 

zum bestmöglichen Preis

 

(am besten en gros und mit Mengenrabatt)

 

ersteht.

 

Einer der abwartet,

 

die Worte aufliest,

 

die unbeachtet (ungeschätzt)

 

unter den Tisch fallen.

 

Sein einziger Wettbewerbsvorteil:

 

Geduld. Und der nicht nachlassende

 

Versuch, unvoreingenommen zu sein.