22. Januar

22. Januar 2013

Vor zehn Jahren lag auch Schnee, und der Taxifaher, der mich ins Krankanhaus gebracht hat, wünschte mir gute Besserung, als ich ausstieg. Die Besserung hat noch eine Weile auf sich warten lassen, aber dann ist tatsächlich das ganze Leben jeden Tag so viel besser gewesen, als zuvor, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Gracias a la vida. Gracias a P.

Lee Miller I

Über Lee Miller, eine der außergewöhnlichsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts, habe ich vor geraumer Zeit, einen viel zu kurzen Artikel geschrieben.

Obwohl Miller mittlerweile zu den wichtigsten Fotografinnen gezählt wird, hat ihre “Wiederentdeckung” erst kürzlich stattgefunden. Lange Zeit war sie fast vollkommen in Vergessenheit geraten.

Möglicherweise auch deshalb, weil sie lange als Modell und Modefotografin tätig war. Vielleicht aber auch, weil sie selbst kein großes Interesse daran hatte, sich um die Präsentation ihrer Werke zu kümmern. Ihre einzige Einzelausstellung hatte Miller 1933.

Richard Calvocoressi äußert einen dritten Verdacht als möglichen Grund für den geringen Bekanntheitsgrad Lee Millers als Fotografin.

Der dritte und mögicherweise wichtigste Grund für das mangelnde Interesse, das ihr als Fotografin entgegengebracht wurde, dürfte die Faszination sein, die von ihrer unkonventionellen Persönlichkeit ausging. Ihre legendäre Schönheit, eindrucksvoll festgehalten in Aufnahmen von Streichen, Hoyningen, Huene und, am sinnlichsten, von Man Ray, der Umstand, dass sie im Kindesalter von dem Sohn eines Freundes der Familie [an anderer Stelle ist von einem Cousin oder Onkel die Rede] missbraucht wurde, eine eigentümlich innige Beziehung zu ihrem Vater, zahlreiche Liebesaffären und ihre von Alkohol und Depression gekennzeichneten mittleren Lebensjahre – all das nahm die ganze Aufmerksamkeit der Medien in Anspruch und verhinderte eine echte Wertschätzung ihrer Künstlerischen Gaben“ (R. Calvocoressi: Lee Miller| Begegnungen, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2002).

Lee Miller ist schon früh mit dem Medium der Fotografie vertraut gewesen, ihr Vater war ein begeisterter Amateurfotograf, der besonders seine schöne Tochter sehr gerne und häufig fotografierte. Im Alter von sieben Jahren wurde Lee vergewaltigt. Neben den seelischen Qualen infizierte sich Lee mit einer Geschlechtskrankheit. Einzelheiten wurden totgeschwiegen. Allerdings zogen die Eltern einen Kinderpsychologen hinzu.

Lees erster Verlobter verunglückte tödlich, drei Jahre später verunglückte ihr nächster Geliebter.

1926 wurde sie in New York von Condé Nast entdeckt und erhielt ihre ersten Aufträge als Model für die Vogue. Die Karriere als Fotomodell endete als eine Werbekampagne für Damenbinden mit Lees Bild erschien. In der prüden Zeit der 30er Jahre konnte ein derartiger Vorfall den Ruf als Model zerstören.

Lee hatte allerdings die Fotografie längst für sich selbst entdeckt und wechselte die Seiten, statt sich fotografieren zu lassen, ging sie dazu über, selbst zu fotografieren.

Was das Werk eines Menschen in seiner Qualität von dem anderer unterscheidet, ist seine Aufrichtigkeit.“ (Lee Miller, zitiert nach Ruth Seinfel, „Jeder kann sich darstellen. New York Evening Post. 24.10. 1932).

Lee Miller

Lee Miller wurde am 23. April 1907 in Poughkeepsie in New York geboren. Dort begann sie auch Malerei zu studieren und wurde als Fotomodell entdeckt. Weder die Arbeit als Modell noch die Malerei füllten Lee aus und so stand sie im Sommer 1929 mit einem Empfehlungsschreiben von Streichen in Man Rays Atelier in Paris und sagte: Ich bin Ihre neue Schülerin“. Die erfolgreichste Erfindung des Arbeits- und Liebespaares war das fototechnische Verfahren der Solarisation. Schon bald trennt sich Lee von Man Ray. Wer noch mehr über die Beziehung der beiden und über Lee Miller aus anderer Quelle erfahren möchte, sei hier auf Bersarin verwiesen, der kürzlich anläßlich der letzten documenta lesenswertes über Lee Miller schrieb.

„Ich habe den Eindruck, daß Frauen größere Erfolgschancen in der Photographie haben als Männer. Frauen sind schneller und anpassungsfähiger als Männer. Und ich glaube, sie haben eine Intuition, mit denen sie Persönlichkeiten schneller erfassen als Männer.“ (Lee Miller)

Als Fotografin spielt Lee Miller mittels ungewöhnlicher Perspektiven und Kamerawinkel mit der Realität. Alles was ihre Bilder surreal machte, fand Miller in der STadt und den Landschaften selbst, erst ihr Kamerablick machte das Gewöhnliche zu etwas Magischem.

Nach einer Affäre mit Aziz Eloui Bey, die mit dem Selbstmord dessen Ehefrau tragisch endet, flieht Miller nach New York, wo sie ein Studio eröffnet. Als Aziz zwei Jahre später in Manhattan auftaucht, löst sie das erfolgreiche Studio auf, um mit ihm nach Kairo zu gehen.

1937 kehrt sie nach Paris zurück, wo sie Roland Penrose kennen lernt. 1939 verlässt Miller Aziz endgültig und zieht zu Penrose nach London. Im Juli 1945 erschien in der Vogue die Aufnahme von Lee Miller in Hitlers Badewanne, von der bei Bersarin die Rede ist. Seit 1942 arbeitete Miller als Kriegskorrespondentin. Nach Kriegsende wurde Miller depressiv, vagabundierte durch Osteuropa, von wo sie 1946 krank nach London zurückkkehrte. Ein Jahr später wird sie schwanger und heiratet Penrose. Lee Miller stirbt am 27. Juli 1977 an Krebs. 1986 wird in London eine erste Retrospektive ihrer Bilder gezeigt.

Robert Lebeck

Grau. Wenn man sich Fotografien aus den deutschen Nachkriegsjahren anschaut, überfällt einen diese Farbe geradezu: Graue Mäntel, grauer Staub, graue Trümmer, graue Äcker, graue Häuser, ja, sogar die Menschen wirken irgendwie grau. Grauenvoll. Trümmerdeutschland war aber gar nicht so.

Ich hatte nach dem Krieg lange genug in den USA zugebracht, um die Gemütslage einer satten, siegreichen Nation kennenzulernen, die zu ahnen beginnt, daß ihre besten Zeiten vorbei sind. Genau umgekehrt war es in Deutschland. Dort herrschte eine Aufbauatmosphäre, ein „Hurra wir leben noch!“ und die euphorisierende Gewißheit, daß nun das Schlimmste überstanden war.“

Robert Lebeck

Frau entdeckt ihren Sohn – Robert Lebeck

Anton Giulio und Arturo Bragalia

„Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine Schönheit bereichert hat, die Schönheit der Geschwindigkeit“ (erstes futuristisches Manifest, am 20. Februar 1909 in Le Figaro veröffentlicht)

ANTON GIULIO BRAGAGLIA (1889-1963) AND ARTURO BRAGAGLIA (1893-1962)
Searching and Slap, 1911