Immer noch Samstag, aber anders

Draußen gewesen, die kalte Luft genossen, den Sonnenschein auch. Gesehen, wie vernünftig die Menschen sind, die Innenstadt fast menschenleer.

Es geht mir besser. Zu einem nicht unerheblichen Maß verantwortlich dafür, ist der Austausch mit geduldigen zugewandten Menschen und dieser Artikel, der mir vor Augen geführt hat, dass es Alternativen zur Verweigerung gibt. Der Fortschritt ist vermutlich wirklich nicht aufzuhalten (obwohl ich mich lange lange relativ inbrünstig genau dieser Einsicht verschlossen habe), viel wichtiger ist aber: man kann sich entscheiden; gegen wirtschaftliche Akkumulation und für persönliche Entwicklung. Und das, kann ich plötzlich denken, könnte doch vielleicht wirklich eine Nebenwirkung dieser Krise sein, dass wir nicht nur im persönlichen privaten Bereich diese Entscheidungen treffen und anpassen können und dürfen, sondern dass es gesamtgesellschaftlich möglich sein könnte. Das ist gerade eine Utopie, die mir wirklich Hoffnung macht.

I Champagner Lesetagebuch

Inzwischen ist viel Zeit vergangen, die ersten Rezensionen sind da. Darunter eine sehr schöne, gewohnt fundierte, von Michael Braun in der Zeit.

Trotzdem ein paar eigene Gedanken. Zur Frage der Notwendigkeit des „Neuen“, mit denen sich zwei Veranstaltungen (die zweite war so ernüchternd und banal, dass ich verzichte darüber zu schreiben), die ich letzte Woche besucht habe, mit einer sehr unterschiedlichen Haltung beschäftigt haben, lese ich bei Rinck ein Zitat von Hans-Christian Dany

„Was sich in Bewegung setzt, muss die Vorstellung von dem, was kommen wird, aufgeben, um sich dorthin zu bewegen, wo es noch nicht war.“

Das ist sicher ebenso richtig wie eben nicht vorstellbar. Denn wie könnte ein noch nie betretener Raum vorstellbar sein? Stellen wir uns nicht immer nur Dinge vor, die in irgendeiner Weise schon gewesen, schon angelegt sind? Andererseits wäre so sämtliche Science Fiction nie geschrieben worden. Scheinbar habe ich mich gerade selbst widerlegt. Fortschritt meint für mich in erster Linie Bewegung, Beweglichkeit. Das muss nicht unbedingt in Richtung Zukunft sein. Könnten sich nicht auch völlig neue Perspektiven eröffnen, indem man die Vergangenheit anders betrachtet, auf bisher nicht gesehene Weise erschließt? Ich denke an den Verlagsabend am letzten Dienstag, aber auch an eine sehr gute Besprechung von Eric Vuillards “ 14. Juli

Also den erwartungsvollen Blick ins Künftige getrost auch in die Vergangenheit richten?

Unabhängig davon, in welche Richtung die Blicke gelenkt werden, die Feststellung Rincks, das Bilder (Vorstellungen) und Begriffe einander wechselseitig als Filter dienen, die die Wahrnehmung verzögern, behält Bestand.

Diesen „Filter“ führt Rinck als Denkfigur des Gedichts ein. Ein poetischer Filter, der die Aktualität anders behandeln kann. Rinck schreibt, die poetische Sprache verfüge über die Quailtiät „[…] die Veränderlichkeit der Dinge in ihrer Beschreibung aufzubewahren […]“ Das Gegenteil von Festschreiben, eher eine Öffnung der Perspektive. So eine Beschreibung schließt ein „Verstehen“ dem Wort nach aus, weil es sich eine bewegliche Haltung einschreibt.

Und es spricht für die ganz wunderbar gelungene Zusammenstellung dieses Lesebuchs, wie das Gedicht „Vom Fernbleiben der Umarmung“ an diese Gedanken anknüpft. Insbesondere diese Zeile: „[…] ihnen half das nicht mehr, aber ihm half es, dem verbesserten menschen.“ Wie dort das individuelle Scheitern zu etwas nutzbringendem für die Gemeinschaft werden kann, weil allem, was beschrieben werden kann, auch die Veränderung eingeschrieben ist.

Denken lernen

Aber man muss nicht allzu weit denken, um zu begreifen, dass Maler und Bildhauer in den wichtigen und charakterbildenden Jugendjahren nicht aus diesem Grund all ihre Zeit darauf verwendeten, andere Künstler zu kopieren oder rein mechanisch Modelle oder Gegenstände wiederzugeben. Das ist das Wichtige in der Kunst und der Literatur überhaupt, und es gibt nahezu niemanden, der es kann oder auch nur davon weiß, weil es nicht länger vermittelt wird. Heute glaubt man, Kunst sei mit Vernunft und Kritik verbunden, es gehe um Ideen, an den Kunstschulen wird Theorie gelehrt. Das ist ein Verfall, kein Fortschritt.

Karl Ove Knausgard, „Kämpfen“, S. 334

 

Fortschritt

Sie dachte zu viel, zu vorsichtig (nicht nachsichtig, das wäre gut gewesen), zu ängstlich und auf eine Art misstrauisch, die niemandem zu Gute kam, nur gegen sie selbst arbeitete.

Sie dachte an einen kleinen Mann in ausgefallenen Kleidern, der an einer Straßenkreuzung stand, den Schirm aufgespannt, weil beharrlich Enttäuschungen auf ihn herab regneten. Alle anderen, dachte der Mann, bleiben trocken und er weinte nur deshalb nicht, weil er ein Mann war und sich Tränen für Männer nicht gehören.

Ein anderes Mal (er stand immer noch an dieser Ampel), dachte der kleine Mann über die Wissenschaften nach. Über Kopernikus und Keppler, über das Mechanische der Welt und dass diese Mechanik auch mit Elektrizität nicht zu durchbrechen sei. An den kleinen Gauß dachte er, und an die mathematischen Gesetze, an all das Wissen und dann fragte er sich, wem es nützt. Die einen würden antworten: der Aufklärung, die andere: der Aufrechterhaltung der Zustände und wieder andere würden sagen, dass in der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen der Fortschritt liegt und das glaubte der kleine Mann auch. Nur manchmal fürchtet er eine Antwort darauf zu finden, wovon wir beständig fortschreiten.