VII Unverständnis und Form

Bei allem Unverstandenen, bei allem Recht auf Alogik dessen sich der Traum bedient; „die Resonanz braucht schließlich Formen“. Und wenn es jemand ist, der „in Kleidern geschlafen“ hat.

Gedichte erscheinen bei Rinck nicht zuletzt als eine Notwendigkeit, damit der „taube Schmerz, mit dem das Nichtgedachte innerlich wird“, vermieden, abgewendet werden kann. Statt sich zu krümmen „unter erhöhtem Deutungsdruck“, lässt Rinck die Assistenten des Unbewussten übernehmen:

„Nehmt mich fort und schreibt das auf. Verwirklicht mich an Stellen, die ich nicht betreten kann.“

Immer wieder gelingt das mittels Assoziationsketten und ironischer Brechung. Und immer wieder blitzt beim Lesen die Erkenntnis, das Eingeständnis auf, dass ich mir die Freiheit, die ich habe, nicht erlaube. Weder hier noch dort. Und fast immer ohne wenigstens zu fragen warum.

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Ich habe immer noch Angst. Ich erinnere mich nur bruchstückhaft.

Vielleicht sind die Erinnerungen, die ich niemals aufgeschrieben habe, die nur in meinem Kopf bestehen, die einzigen, die wirklich zählen. Als würde nur das zählen, was wir nicht erzählen wollen oder können. Als würde die Bedeutung erst jenseits der unüberbrückbaren Grenzen unserer Sprache liegen. Als könnten wir uns nur durch Sprache mitteilen. Aber vielleicht geht es einigen von uns genau so Und anderen steht gar kein Medium zur Verfügung. So dass sie allein (ungeteilt und ungeheilt) bleiben müssen in ihrer Angst und Wut. Kommt daher der Hass?

Ich verliere den Faden. Ich komme den Gedanken nicht hinterher. Ich kann die Instanz nicht benennen, die alles noch während des Denkens aussortiert und verwirft. Meint sie es gut mit mir, oder nicht?

Ich unterscheide mich. Dieses Bewusstsein bleibt immer. Egal wie sehr die Ränder verschwimmen.

Was mich bedrückt, könnte etwas Dunkles sein, das nach Ausdruck verlangt, um sich in Licht verwandeln zu können. Vielleicht. Etwas Schweres, das nach Form strebt, um schweben zu können. Wenn da kein Mut ist, tut es vielleicht auch Übermut.

Beschränkung und Überfluss

Form ist Beschränkung. Schreiben Überfluss.

Beides ist notwendig.

Und darum hat Knausgard vielleicht doch nicht Recht, es ist nicht so, dass das Handwerk das Übergeordnete ist, das was die höchste Priorität hat. Sondern die Aufrichtigkeit, bzw. die Balance zwischen Form und Überfließen, zwischen der Flut der Worte und dem engen Steg der das Unsagbare für andere vielleicht nicht nur verständlich, sondern sogar begreifbar macht.

Form

Vielleicht ist das was am trostreichsten ist, an Geschichten, Erzählungen, Romanen, Gedichten, dass alles einen Rahmen hat, zusammengehalten wird von einer Form. Nicht einmal das Unglück und der Zweifel fließen über die Ränder, überschwemmen das Denken so, dass alles untergeht und versinkt. Bis da nur noch Fragen sind, und kein erlösendes, fragloses Ufer mehr.

 

Form

Das, was mir zunächst als Erleichterung, als Öffnung für alles Mögliche, erschien, erweist sich zunehmend als Schwierigkeit. All die Eindrücke, Erlebnisse, Entdeckungen, Gedanken prasseln einfach so auf mich herein, ohne dass ich Zeit finde, sie nieder zu schreiben. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass mir der Faden fehlt, an dem ich die Erlebnisse aufreihen könnte, die Form eben, die es mir ermöglichen könnte auszuwählen und anzuordnen, etwas zu erkennen in dem scheinbaren Chaos. Somit erweist sich wieder einmal, dass es Zufälle eigentlich nicht gibt, dass ich hier schon seit einiger Zeit über Form nachdenke, bevor ich realisiert habe, dass sie mir fehlt. Formen und Grenzen und die Bewegungen dazwischen.

Form ist ja nicht zuletzt eine Möglichkeit, den Zweifel in Schach zu halten. So weit jedenfalls, dass er Worte finden kann und sich nicht auf Lähmung und Angst beschränkt. Und die mir angemessene Form zu finden könnte helfen, diese lineare, funktionelle, ergebnisorientierte Denkweise zu ändern, wirklich zu begreifen, dass es nicht darum geht, Aufgaben zu erfüllen, Rätsel zu lösen, und dann bist du am Ziel, wirst belohnt, hast es geschafft. Es geht vielmehr darum, in Bewegung zu bleiben, ständig bereit, sich zu verändern. Dann kannst du alles loslassen und trotzdem damit in Verbindung bleiben.

Und eine Form ist nichts Feststehendes, nichts endgültig Unveränderliches, eher so etwas wie eine flexible Grenze innerhalb derer Entwicklung und Veränderung stattfinden kann.

Der Künstler bringt einen Gedanken, eine Idee, ein Gefühl, in eine bestimmte Form. Und dann lässt er los. Was der Betrachter sieht, was er fühlt, begreift und zu verstehen glaubt, entzieht sich dem Einfluss des Künstlers, die Form legt nicht fest, sie stellt vielmehr einen Raum zur Verfügung, in dem Entfaltung stattfinden kann.

 

Nachdenken über Form

Wenn Form mit Festhalten, mit Bewegungslosigkeit assoziiert wird, kann ich verstehen, dass man sie ablehnt, sie fürchtet.

Andererseits, was wäre das Leben ohne Form? Die Gedanken, Empfindungen, Ängste, was würden sie aus uns machen, in welcher Weise würden sie sich unseres Lebens bemächtigen, es vereinnahmen, wenn wir nicht die Möglichkeit hätten, demm allen eine Form zu geben. Eine Form die einem gegenübertritt, der man selbst gegenübertreten kann, wie etwas Fremden, etwas eigenem. Etwas, mit dem man sich auseinander setzen, das man vielleicht sogar verändern kann.

Und natürlich fällt mir dazu ein Zitat aus „Alles hat seine Zeit“ ein.

„Bekanntermaßen können die Engel jede beliebige Form annehmen. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Form, die sie annehmen, für sie auch eine Bedrohung darstellt. Halten sie zu lange an ihr fest, beginnt die Form sie zu prägen, und falls sie die Warnsignale nicht erkennen, wird die Form sie schließlich vollends vereinnahmen.“

Womit der Kreis sich schließt, weil Form hier wieder zu einer Bedrohung, zu etwas Einengendem wird.

Wie überall und immer wieder im Leben, ist es auch hier die Frage der Balance, immer wieder muss das Gleichgewicht neu austariert werden.

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Vielleicht könnte es so einfach sein, sich wieder lebendig zu fühlen; sich selbst befragen, nichts erwarten, aber wahrhaftig sein, und zu sich selbst stehen (zu seinen Grenzen und Schwächen), in guten wie in schlechten Zeiten.

Ich wünschte ich könnte mich bewegen in der Formlosigkeit der Zeit. Statt dessen lasse ich mich bewegen, ständig auf der Suche nach Form, in der Hoffnung auf Halt.