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Ich lebte in einem großen Koffer voller Angst. Erstarrt in meinem Willen zur Flucht.

Die Freundlichkeiten eines humorlosen Tages und wie Espedals Texte immer wieder auf Goyas schwarze Bilder zulaufen.

Ins Blaue

Die Übermacht der Tatsachen, die das „Ausdenken“ verhindern, schreibt Handke in „wunschloses Unglück“ über seine Mutter. Man beachte, dass er nicht Phantasie schreibt, sondern Ausdenken. Ein Begriff, in dem der Ausweg steckt, eine Möglichkeit aus der festgefahrenen Situation herauszukommen, eine Situation, die eigentlich erst durch die Verhinderung des Ausdenkens aussichtslos wird.

Und meine Mutter? Spätestens nach dem verfrühten Tod meines Vaters, diesem für sie unfaßbaren und unüberwindlichen Unglücks, sah sie sich sofort in einer aussichtslosen Lage. So aussichtslos, so erdrückend und allumfassend aussichtslos, dass sie zu trinken anfangen musste. Denn schließlich musste sie trotz allem irgendwie funktionieren. Da war ja noch das Kind. Nicht ihr Kind. Nicht sein Kind. Aber eines, das eine kurze unwiederholbare und unüberwindbare, Zeit lang alles nahezu perfekt gemacht hatte. Die grauen Haare, die das Kind nicht störten, der Traum von einer eigenen, richtigen, heilen Familie.

Dann die Briefe, die sie ihm während seines Kuraufenthalts schickte. „Es spricht die ersten Worte, läuft wacker an meiner Hand.“ Seine Beteuerungen, wie sehr er sie beide vermisse, dass er Fortschritte mache.

Lügen, an die sie glauben mussten, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Später als die Hoffnung endgültig verloren war, nur noch Funktionieren.

Und wenn nichts half, nicht die tröstenden Worte der Schwägerin, nicht die großen vertrauensvollen Augen des Kindes, war da der Alkohol. Die Flucht.

Ihr Ausweg ins Blaue.

Enri Canaj – The wind cries war

Eric Canaj- The wind cries war
Eric Canaj- The wind cries war

Von außen scheint alles so surreal, schreibt Enri Canaj zu seinem Projekt „The wind cries war“, aber wenn man näher dran geht, wird deutlich, was für eine ungeheure Kraft die Menschen aufbringen, um zu überleben, und diese Kraft speist sich ausschließlich aus der Hoffnung. Hoffnung ist ein Geschenk. Hoffnung überwindet Angst und Schwierigkeiten und lässt uns für eine bessere Zukunft kämpfen. Hoffnung ist die positive Energie, die dafür sorgt, dass wir weitermachen, egal wie hart die Situation ist.

Die Flucht, die Fluchtbedingungen, ist nichts, was allein die Flüchtlinge angeht, es betrifft uns alle, oder jedenfalls sollte es das. Als etwas, das zu uns gehört.

Die Realität hinter den Zahlen

Die Geschichte von Faiz zeigt die Realität einer Flucht, die durch Zahlen und Kapazitäten und Gesetze nicht ausgedrückt wird. Es sind die simplen Eindrücke und eine mitfühlende, zuweilen überforderte Julia Tieke, die die Dringlichkeit einer besseren Asylgesetzgebung zeigt. Faiz ist weder eine Zahl, noch „der arabische Mann“, denn beides sind europäische Phantasmen. Die Realität seiner Flucht zeigt dieser Chat.

Aus Kevin Junks Besprechung von „Julia Tielke ° Faiz – Mein Akku ist gleich leer“

Automatisch

Es beschwert sich der Schnee über sein Gewicht und der Wirt schert aus. Zurück bleibt ein Wirtshaus, in der Tundra oder Taiga, oder vielleicht auch in Transsylvanien. Verlassen, öde und leer und an der Tür ein Zettel, auf dem steht: FLUCHT. Und weit und breit niemand, der auch nur annähernd weiß, was das bedeutet.

Heimat (Sherry)

 

Obst und frische Kräuter

 

Mama und ich sind alleine in Deutschland. Irgendwo. Die Menschen sind fremd und reden nicht so viel mit einem wie in der Heimat. Und wenn, dann verstehen wir sie nicht. Ich bin drei Jahre alt. Ich habe Angst, weil Mama Angst hat. Wo ist Papa und wann wird er wieder bei uns sein? Papa ist stark, er kann uns beschützen. Er soll hier sein. Bitte lieber Gott. In der Heimat hörten wir Sirenen und laute Knalle, aber hier hatte ich die meiste Angst. Erst, wenn ich die Augen schließe, weint Mama, damit ich nichts merke. Ich kralle meine kleinen Hände in ihre Brust und schlafe ein. Nachts träume ich von einem Erschießungskommando, das uns die Augen verbindet und an die Wand stellt. Dann erschießen sie uns. Aber wir fallen auf eine Matratze, das tut nicht so weh. So tut das Sterben weniger weh. Cut.

 

Ich bin vier Jahre alt. Ich kritzele immer wieder alles voll. Die weißen Blätter in unserer ersten kleinen Ein-Zimmer-Wohnung sind alle voll. Mal mit dem blauen, mal mit dem schwarzen Kugelschreiber. Der Bleistift hat mich nie interessiert. Er ist so unverbindlich. Man kann ja alles wegradieren. Ich laufe zu Papa und zeige ihm, was ich gemalt habe. Er schaut mich lächelnd aber traurig an: „Schon wieder Khomeini gemalt, Dokhtaram? (pers. meine Tochter)“ – Ich schaue ihn mit großen Augen an, nehme das Blatt Papier zurück und kritzele wieder etwas drauf, damit er nicht mehr traurig guckt. Ich laufe zurück zu ihm und sage: „Unser Haus in Teheran. Da sind Oma und Opa drin.“ – Doch trotzdem bleibt sein Lächeln traurig. Cut.

 

Komm‘ Azizam (pers. mein Liebstes), Oma und Opa wollen mit Dir reden. Sie sind am Telefon und vermissen Dich.“ Ich hopse zum Telefon und sage leise „Allo?“ Oma redet überschwänglich, sie redet und redet – und ich frage mich, warum sie so schnell und so viel redet. Und sie schafft es doch nicht, ihre brechende Stimme aufzuhalten. „Azizam, wir vermissen Dich so. Wir vermissen Dich so sehr.“ – Sie weint und gibt Opa das Telefon in die Hand ohne sich zu verabschieden. Opas Azari-Akzent beim Persischsprechen ist das Schönste, was ich je gehört habe, deshalb achte ich nicht darauf, was er sagt, sondern wie er es sagt. Erst, als seine Stimme bricht, sage ich: „Bitte nicht weinen, bitte nicht weinen Opa. Ich liebe Euch doch! Bald sind wir zusammen. Papa hat das versprochen.“ Cut.

 

Ich bin fünf Jahre alt. Opa und Oma wohnen bei uns in unserer ersten Ein-Zimmer-Wohnung. Wir sind glücklich. Sie kocht – und es schmeckt wie zu Hause, denn sie hat viel von dort mitgebracht. In Deutschland schmecken das Obst und die Kräuter wie Wasser. Daran müssen wir uns gewöhnen. Wir gewöhnen uns daran, denn hier – merken wir erst langsam – sind wir sicher. Zwei Jahre später ist fast die ganze Familie in Deutschland. Es ist laut bei uns, aber dafür sind wir nie allein. Es ist alles in Ordnung. Unsere neue Wohnung hat ganze drei Zimmer, aber sie wird anfangs von fünfzehn Familienmitgliedern besetzt. Meine Hausaufgaben mache ich im Treppenhaus, weil ich dazu Ruhe brauche. Aber nichts ist schöner, als als Einzelkind mit duzenden Cousins und Cousinen aufzuwachen und einzuschlafen, die man über alles liebt und behütet wie zerbrechliches Porzellan.

 

Heute. Wir sind erwachsen und versuchen die Opfer unserer Eltern zu würdigen, indem wir lernen und studieren, arbeiten und erfolgreich sind. Wir zeigen unseren Eltern, dass ihre Entscheidung, die Heimat für immer zu verlassen und sich niemals zu Hause zu fühlen, die Richtige war. Unser Heimweh behalten wir für uns. Auch das schlechte Gewissen, das uns immer wieder überfällt, wenn wir sehen, wie schwer es jene haben, die damals nicht geflohen sind, schlucken wir mit Shoppingtouren und vielen Feierlichkeiten runter. Manchmal schmecken das Obst und die frischen Kräuter hier immer noch wie Wasser. Aber es ist seltener geworden. Und obwohl wir der deutschen Sprache mächtig sind, gibt es Tage, an denen wir die deutschen Mitbürger einfach nicht verstehen. Wir sind jetzt nicht nur dankbar, sondern kennen auch unsere Stärken, denn wir wissen, dass auch wir mit unserem Fleiß und unseren ur-eigenen Eigenschaften dieser Gesellschaft viel zu bieten haben. Beim Versuch, auf Augenhöhe zu kommunizieren, stecken wir noch immer viel ein.

 

Der Geruch der iranischen Erde fehlt mir noch immer – und noch immer vermischt er sich mit dem Schrecken der alten Bilder nach der Revolution. Aber eines Tages kehren wir zurück. Und sei es auch nur deshalb, um ein einziges Mal mitten auf der Straße mit irgendjemandem Persisch zu sprechen und mit einem erleichterten Lächeln zu erkennen, dass er uns versteht. Persisch. Die Sprache meiner Liebe und Heimatlosigkeit.

[Herzlichen Dank an Sherry, die mir diesen Beitrag für das Heimatprojekt zur Verfügung gestellt hat]

Heimat als Erinnerung

Ich habe überlegt, ob ich warten soll, bis sich ein (vorläufiger) Faden ergibt, an dem entlang ich die Überlegungen zu Heimat und Herkunft und Flucht und Vertreibung ordnen könnte, oder ob das der falsche Weg ist, ob sich dieser Faden vielmehr erst während des Sammelns und Überlegens ergibt. Und habe mich für letzteres entschieden.

Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt im Stande sein werde, mit dem Material fertig zu werden. Dem, was durch den siebten Sprung nach und nach zugänglich gemacht wird, dem, was im Roman enthalten sein wird und trotzdem möchte ich jetzt noch einmal ausdrücklich dazu einladen, eigene Geschichten, Bilder, Fotos, Eindrücke und Überlegungen beizutragen. Wer die Einladung annehmen möchte, schicke mir die Beiträge bitte an muetzenfalterin@web.de.

Weil es aber seltsam wäre, eine derartige Einladung auszusprechen und die Hoffnung zu hegen, die eine oder der andere möge ihr nachkommen, ohne etwas eigenes preiszugeben, meine kleine Geschichte von Heimat und Vertreibung. Eine davon. Die erste:

 

Meine Mutter ist in Bartenstein aufgewachsen, von dort im zweiten Weltkrieg geflohen. Die Geschichten an die ich mich erinnere sind lückenhaft, und niemand ist mehr da, der die Lücken füllen könnte. Ich erinnere mich, wie sie davon erzählt hat, dass ihre Freundin H., der Flüchtlingstreck hatte sich längst in Bewegung gesetzt, nicht davon abzuhalten gewesen war, zurückzulaufen, um die Haustür des verlassenen Hauses abzuschließen. Ich erinnere mich, dass viel später und in meiner Erinnerung nur ein einziges Mal davon gesprochen wurde, dass ihre Schwester auf dieser Flucht, im Winter, über die gefrorene Nährung, ein Kind verloren hatte. Was haben sie mit der Leiche gemacht? Haben sie den kleinen Kinderkörper in der gefrorenen Erde begraben? Ich habe keine Fragen gestellt, und jetzt, da mir die Fragen manchmal den Schlaf rauben, ist niemand mehr da, der mir die Fragen beantworten könnte.

Ich erinnere mich an die Erzählung meiner Mutter, wie sehr ihr Vater hier den Mond seiner Heimat vermisst hätte. Immer wieder soll er gesagt haben, dass der Mond in Ostpreußen ganz anders gewesen sei.

Weil das der Mond seiner Kindheit gewesen ist, einem von lediglich zwei Räumen, in denen sich der Mensch laut Valeria Luiselli beheimatet fühlt.

Heimat als Erinnerung. 

Heimkehr

Heimkehr - Isla volante
Heimkehr – Isla volante

Unsere Väter sind flüchtig. Unsere Mütter leiden an ihrer Beständigkeit. Zustände, die nicht leicht zu ertragen sind, die sich und denjenigen, den sie bestimmen, lähmen und schwer machen. Schwermütig. Wie das Land. Das Land, das diejenigen frisst, die verlernt haben, sich fort zu bewegen. Die dem Stillstand anheim gefallen sind, den nur das Meer heilen kann. Deswegen sagen überall auf der Welt die älteren Brüder zu den jüngeren Brüdern: „Nimm das Motorrad und fahr ans Meer.“ Während die älteren Schwestern ihren jüngeren Schwestern erklären, dass sie nur dem Fluss folgen müssen, um ans Meer zu kommen.

Heimgesucht

An allem war ich erkrankt. Heimgesucht von Vergessen und falschen Erinnerungen. Ich war dem Leben abhanden gekommen. In meinen Händen hielt ich Luft und fremde Worte. Die Schmerzen umspielten mich, unterhielten mich, wie eine etwas zu ernst gemeinte Umarmung wiegten sie mein Leben von Punkt eins bis zehn. Es gab keine Auswege und die Abwege wagte ich nicht zu betreten. Ich war ein Formfehler, dessen Figur aus dem Ruder lief. Ich rief nicht um Hilfe. Rief nicht einmal meinen Namen. Und meine Grenzen nannte ich Flucht.