Stolpern, Scheitern, weitergehen…

Irgendwann habe ich angefangen zu glauben, ich hätte meine Zähne verloren. Ich fing an nur noch diesen Brei aus Verständlichkeit zu kochen. Und je mehr ich verstand, um so mehr fürchtete ich mich vor unverständlichen Resten. Das, was Literatur schließlich ausmacht. Ich verlernte meine Zähne zu benutzen und verlor den Geschmack an allem, was ich nicht mehr durchdringen konnte, vor lauter Verstand, Verstehen. Weil dieses Verstehen lähmt, weil es dich festhält auf einem Standpunkt, den jede Frage, jede unbedachte Bewegung ins Wanken bringen könnte, zum Einsturz.

Und dann kam dieses Experiment. Express. Und ich war gezwungen, mich wieder zu bewegen. Das war mühsam und anstrengend, am Anfang bin ich ständig gestolpert. Aber ich glaube, es lohnt sich. Ich werde versuchen weiter zu gehen.

 

Kerstin Becker – Biestmilch

Ilse Aichinger hat darauf hingewiesen, dass das Schwierigste und zugleich Unverzichtbarste am Schreiben das Schweigen sei. Ich bin mir sicher, dass Kerstin Becker sehr gut versteht, was damit gemeint ist. Nicht nur weil vier Jahre Arbeit in ihrem klug und genau durchkomponierten Gedichtband stecken, sondern vor allem, weil man lange schweigen muss, bis die Bilder der Kindheit mit solch einer Klarheit und poetischen Kraft hervortreten können, wie es in „Biestmilch“ geschieht.

Die Realität hinter den Zahlen

Die Geschichte von Faiz zeigt die Realität einer Flucht, die durch Zahlen und Kapazitäten und Gesetze nicht ausgedrückt wird. Es sind die simplen Eindrücke und eine mitfühlende, zuweilen überforderte Julia Tieke, die die Dringlichkeit einer besseren Asylgesetzgebung zeigt. Faiz ist weder eine Zahl, noch „der arabische Mann“, denn beides sind europäische Phantasmen. Die Realität seiner Flucht zeigt dieser Chat.

Aus Kevin Junks Besprechung von „Julia Tielke ° Faiz – Mein Akku ist gleich leer“

Verena Lueken „Alles zählt“ – Eine Enttäuschung

Seltsame Koinzidenz. Zu Weihnachten „Alles, was ist“ von James Salter geschenkt bekommen und kürzlich das Buch „Alles zählt“ von Verena Lueken zu lesen begonnen, nachdem mich Bert Strebes Besprechung auf Fixpoetry neugierig gemacht hatte.

Bezeichnenderweise spielt Lueken gleich zu Anfang ihres Buches ebenfalls auf Salter und eben dieses seiner Bücher an.

„Alles zählt“ scheint ein Buch zu sein, das für mich geschrieben wurde. Es behandelt meine Themen, Literatur, Schmerz, Tod.

 

„Ich werde dich tragen, auch wenn ich nicht mehr bin“.

 

Von ihrer Mutter erzählt die Protagonistin, sie sei nach mehreren Ausbombungen mit ihrem Sohn aufs Land verschickt worden, nach Vorarlberg. Ich meine mich zu erinnern, dass S. bei meinem Besuch in Frankfurt erzählt hat, dass seine Mutter mit den damals schon geborenen Geschwistern und schwanger mit ihm, ebenfalls nach Vorarlberg geschickt wurde.

Also nicht nur diese Themen, die mich schon lange umtreiben, sondern auch Zeitgeschichte.

 

Aber letztendlich muss ich feststellen, dass es in erster Linie besondere Sätze, mit Bedeutung aufgeladene Zitate sind, die mich ansprechen, nicht der Roman als Ganzes.

 

„Einige Monate, nachdem ihre Mutter gestorben war, überfiel sie das ganz entschiedene Gefühl, sie sei jetzt lange genug tot gewesen.“

 

„Rituale des Gehenlassens.“

 

„The things you can´t remember tell the things you can´t forget.”

 

Noch so ein treffender Satz über das Paradox, das unser Leben ausmacht.

 

Und die Möglichkeit den Grund des Schreibens darin zu suchen, dass einmal jemand zu dir sagt: you are kind. Für diese Möglichkeit danke ich Verena Lueken.

 

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: New York, Frankfurt, Myamar, wenn man die geographischen Standpunkte zu Grunde legt. Inhaltlich geht es um die Entdeckung der Krankheit gekoppelt mit vielen Kindheitserinnerungen und der Erzählung über die Mutter, der mittlere Teil erzählt nahezu ausschließlich vom Schmerz, davon, wie der Schmerz, oder vielleicht noch mehr der vergebliche Kampf gegen den Schmerz die Persönlichkeit zersetzt, verändert, auslöscht.

Und Lueken beschreibt es schlussendlich so, als sei die Angst sich zu verlieren größer als das Leiden am Schmerz, und am Ende sei uns nichts wichtiger, als dass jemand zu uns sagt: you are kind.

 

Die Enttäuschung kommt mit dem dritten Teil, mit der Reise der Genesenden nach Myamar, wo sie sich auf die Suche nach dem Masseur macht, der ihr bevor sie erneut krank wurde, gesagt hatte: you are kind.

 

Es ist alles angelegt, die Nebenmänner, das neue Leben, der Kindheitswald, und doch hat mich das Ende enttäuscht. Weil es so weit weg ist von mir und meinem Leben? Aber auch der Krebs, New York, eine Mutter, die über 90 Jahre alt geworden ist, auch das war weit weg von mir.

 

Diese fast körperlich erfahrbare Enttäuschung, dass das Buch keine Erkenntnis bereit gehalten hat, keinen Schock, keine Frage, sondern im altbewährt romanhaften ausklang, der Wald der Kindheit verbunden mit dem neuen unbestimmten Leben.

Und ich frage mich wirklich, was diese Enttäuschung bedeutet. Für mich.