Das eigentliche Schreiben ist eine Zärtlichkeit

Möglicherweise bin ich ungeduldig. Ebenso möglich erscheint mir die Annahme, dass das Buch, mein Buch, von dem ich so lange geträumt habe, von dem ich immer noch weiß, dass es gut ist, ein Flop ist. Nicht gebraucht, nicht gelesen, geschweige denn gekauft wird.

Das klingt, als wollte ich Zuspruch, Ermutigung. Sätze wie: du musst Geduld haben, das kommt schon noch, all die Beispiele von späteren Literaturnobelpreisträgern, deren erstes Buch ein totaler Reinfall war. Vielleicht will ich das auch. Aber eigentlich will ich etwas anderes. Viel Schwierigeres; nämlich an den Punkt kommen, an dem es mir egal ist. Wo nicht länger die Rezeption eine Rolle spielt, sondern nur noch das Geschriebene. Meine Haltung. Nur, dass das eigentliche Schreiben eine Zärtlichkeit ist (in Anlehnung an Fernando Botero).

Fernando Botero – das eigentliche Malen ist eine Zärtlichkeit

Je mehr ich über Botero erfahre, um so mehr möchte ich wissen über diesen großen Künstler, der in Lateinamerika zu den bekanntesten bildenden Künstlern gehört.

Es gibt zwei ganz unterschiedliche Künstlertypen: Der eine ist rastlos um Innovation bemüht, und kaum daß ein Kunstwerk vollendet ist, sucht er bereits wieder nach neuen Wegen, um sein formales und inhaltliches Repertoire zu erweitern. Der andere macht meist sehr früh in seiner künstlerischen Entwicklung eine Initialfindung, die er dann in immer neuen Variationen sein Leben lang durchspielt. Fernando Botero gehört definitiv zu dieser zweiten Kategorie.

schreibt Christine Tauber in der FAZ über Fernando Botero. Eine Einschätzung, der Botero selbst vermutlich zustimmen würde, er selbst sagt über sich und seine Arbeit: „Stil ist das Wichtigste. Wichtig ist, eine Überzeugung zu haben.“

Boteros Thema ist der Mensch. In seiner Ästhetik sind dicke Menschen schön. Es geht nicht darum, dass die Menschen dick sind, sagt er selbst, sondern um das Volumen. Volumen und Farbe sind ihm wichtig. Kraft und Sinnlichkeit von Volumen und Farben machen ihm Freude, sind zu seiner ureigenen Ausdrucksform geworden.

Bei aller scheinbaren Naivität ist Botero ein politischer Künstler. Und das nicht erst seit 2006, als er mit seinen Gemälden zum Folterskandal in Abu Ghraib für Aufsehen sorgte. Die Bilder die Botero aus seiner Wut über die Zustände in Abu Ghraib malte, will er lediglich ausstellen, nicht verkaufen.

Er habe keinerlei kommerzielles Interesse mit der Wahl dieser Motive verbunden, sondern sie gemalt, um Stellung zu beziehen gegenüber dem Schrecken.

schreibt Thomas Wagner in einem Artikel über Botero in der FAZ von 2005. Botero wollte mit seinen Bildern das Bild des Schreckens in unser Gedächtnis einbrennen. Vielen Galeristen ist das suspekt. Auch in der Ausstellung, die als Hommage an Botero gelten sollte, fehlen Bilder über Abu Ghraib, dem Galeristen zufolge hätten sie das Gesamtbild gestört. Darüber befragt, wie wichtig ihm sei, Aufsehen zu erregen, wie das im Fall der Abu Ghraib Bilder geschehen ist, antwortete Botero in einem Interview:

Bei Kunst geht es ja eigentlich um Schönheit und Vergnügen. Das ist die grundsätzliche Aufgabe des Künstlers. Schauen Sie sich die Expressionisten an: Da sieht man keine traurigen oder schäbige Bilder. Wenn man sich die ganzen großen Künstler der Geschichte ansieht, wird das bestätigt. Die Intention von Kunst ist, Vergnügen zu bereiten, nicht nur durch die Schönheit der Dinge sondern auch im Falle erbärmlicher Inhalte. Es ist ja nichts verkehrt daran, etwas Schäbiges auf schöne Weise darzustellen.

Zum Abschluss ein Video, das ich gefunden habe, und in dem Botero selbst viele schöne Sätze zu seinen wunderbaren Bildern sagt. Einer der schönsten und vielleicht charakteristischten Sätze ist dieser: „Das eigentliche Malen ist eine Zärtlichkeit“.

Fernando Botero

Ich habe mir heute eine Freude gemacht.

Ohne viel über den Künstler Fernando Botero zu wissen, außer der Tatsache, dass er kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert hat und Kolumbianer ist, habe ich mir die Hommage an Fernando Botero in der Galerie Samuelis Baumgarte angesehen.

Inzwischen habe ich einiges gelesen über diesen Maler, aber darüber schreibe ich in den folgenden Tagen etwas. Heute nur meine ganz naiven Eindrücke von sehr ausdrucksstarken Bildern eines Malers, von dem ich zu dem Zeitpunkt so gut wie nichts wusste.

Die Menschen auf Boleros Gemälden sind nicht dick. Sie sind massiv. Wie ein Fels stehen sie scheinbar unverrückbar auf der Leinwand, füllen sie nicht nur aus, sondern treten nahezu aus ihr heraus. Sie sprengen den Rahmen. Und man könnte das, womit sie den Rahmen sprengen für pure Lebenslust halten, wäre da nicht dieser zutiefst verunsicherte, tieftraurige Blick, mit dem sie am Betrachter vorbei in die Leere sehen.

Fernando Botero, Dompteuer mit kleinen Tiger, 2008, Öl auf Leinwand, Samuelis Baumgarte, Bild von artnet Galleries.

Im Originals sind die Farben viel leuchtender, kräfiger und die Füße, die diesen massigen Mann tragen müssen, wirken noch kleiner, aber hier wie dort ist es der Gesichtsausdruck, der mich daran zweifeln lässt, dass er die Peitsche, die er in der rechten Hand hält, auch benutzen kann. Anders benutzen kann, als sich selbst zu schaden, als lediglich seine Angst und Verlorenheit auszudrücken.

Es ist dieser Bruch zwischen der unglaublich massiven, aus dem Rahmen drängenden Fleischlichkeit der von Botero dargestellten Menschen und ihrem kindlich naiven und scheinbar vollkommen schutzlosen Blick, die mich anziehen.

Selten, am ehesten auf den Radierungen, haben Boleros Personen Falten, einen Schatten von Bartwuchs, diese Kleinigkeiten sind zugunsten einer glatten Fläche ausgespart, die den Blick noch unbeholfener, noch verlorener erscheinen lässt. Fast will man das Gemälde kaufen und nach Hause bringen, um dort den Gestalten nachhaltig und unermüdlich Mut zusprechen zu können.

Naiv und gleichzeitig geheimnisvoll, das scheint ebenso unmöglich wie einen enorm großen massiven Körper Halt auf viel zu kleinen Füßen finden zu lassen. Fernando Botero beherrscht die Kunst, Schwerkraft und Logik in seinen Bildern außer Kraft zu setzen, zugunsten von Kreaturen, die für den Moment des Betrachtens [und darüber hinaus] jeden vorgegebenen Rahmen sprengen und den Blick weiten für das Magische.