(3)

Am Haus gegenüber steht seit einigen Tagen ein kanariengelber Einkaufswagen. Schnee fällt. Eine Frau mit schwarzen Haaren steckt ihren Kopf aus dem Fenster. Zwei kleine Jungen springen in die Luft, um die Schneeflocken zu fangen. Dann gehen sie zurück in das Haus, und stehen kurz darauf selbst am Fenster. Während der Schneefall dichter wird.

Schwellen und Raten und Verrat

 

Kein Wunder, d.h. also ein sehr willkommener Zufall, dass dieses Buch zu mir gekommen ist. Wie sich Bruchstücke ineinanderfügen, weil man zu fragen beginnt. Aber nie in dem Moment, in dem man sehr bewusst sucht.

 

Cejpek notiert:

 

ENTZWEI

Der erste Satz, der sich André Breton 1919 beim Einschlafen derartig aufgedrängt hat, als klopfte er ans Fenster, war ein Satz, den Breton fünf Jahre später im Manifest des Surrealismus ausformuliert hat: Da ist ein Mann, der vom Fenster entzweigeschnitten wird.

 

Zwischen Entzwei als diesem Auseinanderreißen und den zwei Seiten, die zusammenarbeiten müssen, damit Kunst und Erkenntnis entsteht, bewegen wir uns. Was feststeht, kann losgelöst werden, das Gelöste kann wieder zu einem neuen Standpunkt werden usw.

 

Bedeutend ist vielleicht weniger die Richtung, als die Gewährleistung, dass alles in Bewegung bleibt.

 

Erinnerungen

 

Zu dieser Zeit hatte sie sich längst abgewöhnt, aus dem Fenster zu sehen. Sie war zu ungeduldig für diese Art von Beschäftigung. Ihre Gedanken waren immer auf dem Sprung, und schließlich erschöpfte sie das so sehr, dass sie am liebsten ganz still in ihrem Bett lag, nahezu bewegungslos, mit geschlossenen Augen, um zu warten, bis keine Bilder mehr an ihr vorbeizogen, bis nur noch eine schwarze Wand zu sehen war. Beängstigend und beruhigend zugleich.

Wenn sie doch aufstehen und funktionieren musst, wenn sie beim Zähneputzen sorgfältig den Blick in den Spiegel vermied, war sie damit beschäftigt eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man sich vor der Erinnerung schützen konnte. Wie sie sich wappnen könnte, gegen die ständigen Überfälle der Erinnerung, die ihre Gegenwart überschatteten. Von Zukunft gar nicht zu reden. Zukunft, das war vielleicht eine Zeit, ein Zustand, in dem sie eine Antwort auf diese Frage gefunden haben würde. Zukunft war die Hoffnung endlich eine Festung errichtet zu haben gegen die hinterhältigen und unentwegten Angriffe der Vergangenheit.

Zu dieser Zeit, der Zeit der unmöglichen Fenster und der zunehmenden Hoffnungslosigkeit, begann sie sich anzugewöhnen, ihre Zeit am Bahnhof zu verbringen. Zunächst ein, zwei Nachmittage in der Woche und dann immer häufiger. Sie stand an den zugigen Gleisen, sah Menschen ein- und aussteigen, und in guten Momenten gelang es ihr daran zu glauben, dass sie ihre Erinnerungen in eins der Abteile gesteckt hätte, dass sich die Tür schnell genug geschlossen hätte, bevor die Erinnerungen entwischen und zu ihr zurück kehren konnten.

 

Fenster

Ein Fenster hat so wenig Leser1 , sagte sie, und dass sie glaubt, dass das ein Zitat sei, nur habe sie vergessen von wem. Wir gehen durch Amsterdam, an den Grachten entlang. Wir gehen sehr langsam, weil sie in jedes Fenster sieht. Lange und genau. Möglicherweise sind diese tiefliegenden Fenster der Grund, warum sie hierher fährt. Wer weiß das schon? Was weiß ich über sie?

Wir sind uns auf einem Friedhof begegnet. Auch dort, bei dieser ersten Begegnung, spielten Fenster eine Rolle. Es hat mich traurig gemacht, dass sie so jung war. Und jetzt, fast zehn Jahre und unzählige Fenster später, ist sie immer noch jung, und ich habe mich längst an die Traurigkeit gewöhnt. So wie sie sich damit abgefunden hat, dass ich nicht aufhöre, ein anderer sein zu wollen als ich bin.

Ein Fenster hat so wenig Leser, hat sie gesagt. Und ich habe nicht gefragt, was sie damit meint. Nur von wem das ist.

 

 [Krautgarten Nr. 63]
1Uljana Wolf

Bahnhof (Reisen)

Blick aus dem Fenster
Blick aus dem Fenster

Man hat sie in diesen Zug gesetzt. Sie kann sich an nichts erinnern. Als sie die Augen aufschlug, saß sie hier. In diesem Abteil. Am Fenster. Dankbar, dass es hell war, dass das Fenster nicht ihr Gesicht spiegelte, sondern Landschaften vorüberfliessen ließ. Gegenden, von denen sie gerne gesagt hätte, dass sie ihr unheimlich erschienen. Gespenstisch. Wie ein Traum, aus dem man schnellstmöglich aufwachen möchte.

Im Leichtsinn der Fußnoten schlägt es sich nieder

Ein Satz oder ein Nichts. Ein verfrühtes Verbrechen.

Seine Familie, las ich, hat ihn schließlich nicht mehr allein gelassen, aus Angst, er nimmt sich das Leben. Welches Recht haben wir und mit welchem Recht behaupten wir uns.

Als sie das Fenster öffnete, denn man muss das Fenster öffnen, damit die Seele entweichen kann, roch es nach frisch gemähtem Gras. Ein saftig grüner Geruch, den die Sonne bald verwandeln würde. Austrocknen.

Sechsundzwanzigster Mai

Die ständig geöffneten Fenster im Sommer.

Wie das Leben der anderen immer wieder in mein Zimmer schwappt.

 

Am Ende der Straße malt eine Frau die letzten Zeichen auf das extravagante Haus, während nur wenige Schritte weiter ein Mann und eine Frau einen Teppich auszuschütteln, und dann ihre Hände als Teppichklopfer benutzen.

Ich habe in jeder Hand eine Tasche und obwohl ich es nicht eilig habe, gehe ich schnell.