No dar papaya

Ich habe die sehr klugen Essays von Leslie Jamison gelesen, die auf ihren Wunsch zulaufen; ich will, dass unsere Herzen offen sind, und dann habe ich die Rede von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen und nicht zuletzt den wunderbaren Artikel „No dar papaya“ von Pagophila. Und etwas begann sich zu bewegen, die Worte und Sätze, die ich gelesen hatte, begannen sich miteinander zu verbinden, ein Netz zu spinnen, mit mir selbst als Spinne und gefangener Beute zugleich darin.

In allen Artikeln geht es auch um Feminismus. Ein Wort, dem ich lange aus dem Weg gegangen bin, weil ich dachte, es ginge mich nichts mehr an, das war die Sache der Generation vor mir, die haben das abgearbeitet, und weil ich andererseits glaubte, wer sich heute mit Feminismus beschäftigt, schleppt ein ungeheuer großes, schwer durchschaubares theoretisches Konstrukt mit sich herum. Ein intellektuelles Netz, das ich nicht kenne, in das ich mich nicht einarbeiten will. Also Rückzug, Verweigerung, sogar Negation. Der Feminismus hat sich erübrigt, wir brauchen das nicht mehr. Ich brauche das nicht mehr. Was natürlich Blödsinn ist, und verkehrt.

Denn Feminismus ist ja nicht zuletzt die Forderung, offene Herzen zu haben, dieser sehr einfache Nenner auf den ich es für mich gebracht habe, dass wir naturgemäß unterschiedlich sind, als Männer und Frauen, dass wir unterschiedlich aussehen und häufig genug unterschiedlich denken und handeln, und das ist gut so, denn Gleichberechtigung heißt nicht Gleichmachen, sondern dafür sorgen, dass unterschiedliches den gleichen Wert erfährt. Dass wir Empathie und Fürsorge ebenso hoch bewerten wie Hartnäckigkeit und eine gewisse Aggressivität beim Durchsetzen seiner Ziele. Dass wir aber gleichzeitig diese Eigenschaften nicht automatisch einem bestimmten Geschlecht zuordnen, sondern bestimmten Individuen, dass wir, um es auf den einfachsten Nenner zu bringen, begreifen, dass es nicht um entweder oder geht, sondern um sowohl als auch. Um Ergänzung, nicht um Übertreffen.

Viel hat sich geändert, aber wir sind längst noch nicht am Ziel. Darum sind solche Bücher, wie Jamison sie schreibt so wichtig. Darum ist es notwendig, dass Chimanmanda Ngozi Adichie mit ihrer Definition von Feminismus gehört wird: „Eine Feministin oder ein Feminist ist ein Mensch, der sagt, ja, es gibt heutzutage Probleme mit Geschlechterrollen, und das müssen wir korrigieren, und wir müssen es besser machen. Wir alle, Frauen und Männer, müssen es besser machen.“

Wir müssen den kleinen Mädchen, die vielleicht immer noch in uns stecken, erlauben, die grenzenlose Freiheit im ersehnten Plisseeröckchen ohne Kniestrümpfe zu erfahren, und auf das Recht bestehen, dass nicht jede Grenze, die wir nicht anerkennen, des väterlichen Schutzes bedarf, weil wir uns selbst beschützen können, wenn wir unsere Verletzlichkeit zeigen, oder ein vermeintlich leichtes Ziel darstellen.

Nachdenken über Feminismus

Herbert Hindringer und Judith Sombray haben den Versuch gemacht, Gedichte über den Feminismus zu schreiben. Ganz überzeugt bin ich nicht von den Ergebnissen. Aber ich mag den Versuch, dichtend darüber nachzudenken.

Es geht naturgemäß beim Feminismus (über den ich theoretisch erschreckend wenig weiß, mir aber dennoch anmaße darüber zu reden, mir sogar eine Meinung zu bilden) auch um Grenzen und darum, was wir entdecken und entwickeln könnten, wenn es diese Grenzen getrost weiter gibt, wir uns aber auf das konzentrieren, was uns über alle Grenzen hinaus verbindet.

Sabine Scholl – Wir sind die Früchte des Zorns

Tzveta Sofronieva stellte ihrem Gedicht „Terminologie“ aus dem Band „Gefangen im Licht“, folgende Widmung voraus:

für Dolores wegen der Philosophie des Feminismus,

der nicht Frauenbewegung meint, sondern

die Existenzberechtigung verschiedener Standpunkte“

Leider hatte ich dieses Zitat als ich die Besprechung zu Sabine Scholls „Wir sind die Früchte des Zorn“ schrieb, gerade nicht präsent, denn es ist genau diese Art von Feminismus, die Sabine Scholls Zorn ausmacht und ihren Roman.