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Wie man sich immer wieder verläuft, zwischen geboren werden und sterben, weil man nichts besseres zu tun hat, als anderen hinterher zu laufen, ohne zu merken, man läuft immerzu nur weg von sich selbst. Das hat immer neue Sätze und Bilder und Farben und Töne. Aber es tut immer gleich weh.

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Die Stimmen, die Farben, Autotüren, die geöffnet und wieder zugeschlagen werden. Und wie sehr meine Gegenwart, nahezu alles, was ich sehe, höre, wahrnehme, von der Vergangenheit, von Erinnerungen durchwirkt ist.

Der verschenkte Rat, und, wer weiß, vielleicht auch der Unterschied zwischen Humor und Witz, diese schmale Linie, die hauchdünnen Fäden, an denen wir hängen (und wie man es anstellt, sich nicht zu strangulieren).

14. Dezember

Gestern während der langen Autofahrt zum Auswärtsspiel der Jungs vollkommen überrascht, wie viel Farbe die Natur Mitte Dezember noch aufbieten kann, gelbe Felder, rotes Laub, grüne Rasenflächen, und natürlich das unvermeidliche Grau.

 

Morgens, noch vor der Fahrt, die letzten Seiten von „Spielen“ gelesen.

Neben all dem, was völlig zu Recht in den Besprechungen über Knausgard erwähnt wird, ist es seine Geduld mit sich selbst, die mich beruhigt und die Tatsache, dass er sich nicht beurteilt, nur mit einer bewundernswert mutigen Aufrichtigkeit beschreibt, die mich so für ihn einnimmt, die mich so in einem Buch verschwinden lassen, wie mir das schon sehr lange nicht mehr beim Lesen passiert ist.

Das Schönste ist aber, dass Knausgard mir Mut macht, auszusteigen, nicht mehr dem hinterher zu laufen, was ich so lange als richtungsweisend angesehen habe, gerade weil ich dem Ganzen intellektuell nicht gewachsen bin. Dieses Dazugehörenwollen endlich aufgeben zu können.

 

Weiß

Striche, harte Schnitte

Durch den blauen Himmel ziehen

Mit unseren rostigen Wagenrädern

Rot bemalt unsere Wangen

Hohl und hungrig die gierigen Münder

Glaubten wir dem zu entgehen, was allen vorherbestimmt ist.

Die tagblaue Einsicht

Holte uns ein.

Im Nil badeten die Schnabeltiere

Komm schenk mir noch einmal ein

Vorbei ist kein Wort gegen das man sich auflehnen kann

Und deine Augen kein Ort

Zum verweilen

Der Mundschenk

Weißt du noch, wie ich dir von ihm erzählte

Du wolltest nicht zuhören

Du suchtest Trost

In tauben Ohren und vergessenen Gesten

Ich nahm es dir nicht übel

Und ging allein

Auf die Suche nach

Einem Stoff, der uns überleben könnte.

Ich fand den Schnee

Seine Stimme war weiß.

[500 Gramm]

 

Grau und grün.

Der Verlust der Erwartungslosigkeit und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod.

Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt.

Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

 

 

Das Rudern

Das Rudern - Isla volante
Das Rudern – Isla volante

Das war der schlimmste Moment, hat sie gesagt, als alles still stand, die Farben nur noch fest gelegte Begriffe waren, nichts, was man betreten konnte. Als sie die Zeilen las und nur noch Buchstabenreihen sah. Als das Meer nichts weiter war, als eine Ansammlung von Wasser.

Da wusste sie, das Rudern hatte aufgehört.

Dunkelheit

Wir reden viel von Geduld, von Preisen, wir loben diese Gabe, während wir mit den Füßen wippen, im Kopf nach geeigneten Zitaten suchen und die Musik ein wenig lauter drehen, damit der peinliche Unterton in unseren Redepausen nicht zu laut wird.

Vor dem Fenster ist es immer grüner geworden, bevor die Dunkelheit, die mit Macht einbrechende Nacht, alle Hoffnung wieder ausgelöscht hat. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Blau die der Sehnsucht, Gelb steht für Eifersucht. Und die Dunkelheit macht alles gleich. Oder hüllt es nur in Schwarz, in ihr unterscheidungsloses Wesen.

Ich weiß, dass ich mit dir nicht über die Dunkelheit sprechen kann, also versuche ich ein Gespräch über Farben, während ich immer noch an diese Frau denke. An die losen Enden, die anfangen meine Gedanken eng zu machen.

Farben

Meine Großmutter3

Sie sitzt am Fenster, als hätte sie das immer schon getan, als wäre sie nur dafür auf der Welt.
Früher hat sie die Bilder vor ihrem Fenster in Farbe gesehen. Ganz langsam, unmerklich, zogen sich die Farben zurück in Zeiten, zu denen sie keinen Zutritt mehr hat.
Zuerst waren es nur die Farben, die sich zurückzogen. Wenig später folgten die Töne. Sie weiß, dass es nun nicht mehr lange dauern wird, bis auch die Vorstellungen sie verlassen.
Dann endlich, wird sie mit ihren Erinnerungen allein sein. Erinnerungen, die sich ihr ausliefern, wie es die Gegenwart nie getan hat.