Denken. Vor. Stellen

Rot gemusterte Stiefel und ein Kind, das seine eigene Kindheit versäumt hat. Meine Freundlichkeit, Fremdartigkeit, Gefühlsduseligkeit vor die Tür gebeten. Und vor dem Fenster steht der Schmerz und spielt (hässlich und schief) in der verkümmernden Hoffnung, endlich wahrgenommen zu werden.

Wir aber. Liegen am Rand der Verzweiflung. Und denken. Das genügt.

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02

Was tun wir mit der Sprache? Legen wir uns hinein, und lassen uns forttragen ans andere Ufer der Fantasie? Oder werden wir so genau, dass in manchen kostbaren Momenten eine Wahrheit aufblitzt, die weit über uns hinausgeht?

Der Schuh

Der Mann hatte seinen Schuh verloren, und das Kind hatte sich gefreut.

Aus seiner Freude, etwas Wasser, einigen Kieselsteinen und Blättern, sowie seiner unschlagbaren (überbordend, sagte der Vater, unheilvoll die Mutter) Fantasie, hatte das Kind ein Aquarium aus dem verlustig gegangenen Schuh gemacht. Es hatte den Schuh verzaubert, wie es selbst sagte. Die Mutter nannte den Zauber „entsetzlicher Dreck“, der Vater „ein wenig übertrieben“, und der Mann, der im dunklen Anzug mit einem noch dunkleren Blick vor der Tür stand, nannte ihn „mein verlorener Schuh“.

 

Sechster Tag

Die Details der Beerdigung. Alles ist wieder da. Von diesen Stunden habe ich seltsamerweise eine lückenlose Erinnerung. Als wäre ich in dem Moment erwacht und hätte begriffen, dass der Albtraum real war, die einzige Realität, die ich hatte.

Der zweite Teil: das Buch der Erinnerung. Das Herantasten. Das Umkreisen des Themas. Wie ein Raubtier. Das Bild eines Raubtiers, der geschmeidige Gang, die Bereitschaft jeden Moment anzugreifen, ist da, obwohl auch das Gefühl von Unsicherheit aus dem Gelesenen hervortritt. Was natürlich mit mir zu tun hat. Darum mag ich solche Bücher, die gleichzeitig in Frage stellen, was sie schreiben. Die sich herantasten. Unsicher. Und auf diese Art angreifen. Wie Demokratie von Joan Didion, wie Das Buch von Blanche und Marie von Per Olov Enquist, wie Die Erfindung der Einsamkeit.

„Angesichts außerordentlicher Wirklichkeit nimmt das Bewußtsein den Platz der Phantasie ein.“ (Wallace Stevens)

Ich versuche den Satz zu verstehen; die Fantasie braucht den geschützten Raum der Normalität, oder die Wirklichkeit in der das Bewusstsein den Platz der Fantasie einnimmt, ist derart außerordentlich, dass sie die Möglichkeiten der Fantasie überschreitet und nur mit Hilfe des Bewusstseins (was immer das ist) bewältigt werden kann. Indem es sich trübt, indem es alles ausblendet, was nicht unmittelbar zur Lösung des Problems, zur Bewältigung eben dieser außerordentlichen Wirklichkeit beiträgt. Weiter reicht mein Verständnis nicht. Meine Fantasie auch nicht.

 

 

Fünfzehnter Juni

Gibt es etwas Besseres, als keine Ahnung zu haben? Was wäre das für ein kümmerliches Leben, das ahnte, was eine Handlung, die man als Kind ausführt, Jahrzehnte später bedeuten würde? Ein Leben voller Vorhersehbarkeit und Kontingenz (wobei ich nicht weiß, was Kontingenz wirklich bedeutet. Das Wort kam mir einfach so, eigentlich gegen meinen Willen, in den Sinn). Und eigentlich wollte ich ohnehin etwas ganz anderes schreiben. Von der Waldregel, von der Frau Draessner sehr überzeugend erzählt hat, oder wie ich mich vorhin in alten Tagebuchaufzeichnungen verloren habe, wie von draußen Baustellengeräusche, das Brummen von Maschinen, das Klappern von Metall, in den Raum dringen, in dem ich schreibe. Wie ich immer wieder den Faden verliere, ohne überzeugend davon schreiben zu können, wie ich den Faden verliere. Wie ich zwischen Sachtext und Fantasie hängen bleibe, unfähig (oder nur unlustig?) mich zu bewegen, seit von Befreiung keine Rede mehr sein kann.

Überzeugen: was für ein merkwürdiges Wort. Oder zurechtfinden.

Es war einmal und dann überfiel mich das Schweigen. Das ich in Lügen kleidete. Hinter Glas.

Und jetzt ist mir wieder eingefallen, dass ich ursprünglich davon schreiben wollte, dass ich von Motten geträumt habe. Heute Nacht.