Familie

„Darum beneide ich sie“, hatte Linda eines Abends vor nicht allzu langer Zeit gesagt, als wir in einer der Ecken des enormen Parks zu Abend gegessen hatten und mit den Kindern auf dem Heimweg waren.“ […]

Es geht um eine große Menschenansammlung, mehrere Generationen umfassend, die in diesem Park grillen und reden und lachen. Knausgard und Linda unterhalten sich über das Phänomen Großfamilie und Linda sagt: […] alles konzentriert sich so auf uns, auf mich, dich und die Kinder. Stell dir vor, wir hätten etwas, worin wir verschwinden könnten!“

Ich glaube, ich verstehe, was sie meint. Das Prinzip Familie, das Phänomen Großfamilie. Das Muster das an die Stelle der Konzentration auf die einzelnen Fäden, tritt. Ein großes „wir“ statt ich, du, Kind A., Kind B., mit allen seinen Eigenarten, der Versuch, jedem, aber auch sich selbst, gerecht zu werden, oder das Ganze im Blick zu haben, das Gleichgewicht weniger als das Gewicht, das in so einer Aussagen liegen kann: Wir sind eine Familie. Und das sind wir eben tatsächlich nicht, keine Großfamilie, nur die jeweils kleinen Einheiten, die sich eher gegeneinander behaupten, als sich im großen Gesamtzusammenhang aufzulösen.

Aber natürlich hat auch das seinen Preis.

Ich glaube ein großes, vermutlich grundlegendes, Problem unserer Gesellschaft, ist die Tatsache, dass wir nicht anerkennen wollen und können, dass auch die Freiheit ihre Schattenseiten hat, ihren Preis fordert, ebenso wie der Fortschritt. Dass es vermutlich absolut nichts gibt, das nur gut ist.

19. Dezember

Die Normalität auf den alten Fotos. Kindheitsfotos. Aber. Es war nichts normal. Es war nicht normal, dass meine Eltern so verhältnismäßig alt waren (ich kann mich noch an dieses Gefühl erinnern, dieses Loch in das ich gefallen bin, nachdem mich ein Kind in der Grundschule gefragt hatte, ob das meine Oma sei, die mich immer nach der Schule abholte. Und dass ich mir von all den Geschichten, die es in der Sesamstraße gegeben haben muss, nur eine gemerkt habe, nur diese eine, in der ein Kind nach der schönsten Frau der Welt sucht, und als es sie dann findet, sieht man eine alte hässliche Frau, aber es ist seine Mutter.

 

Ebenso wenig normal war, dass mein Vater ständig weg war, krank, in Kuren, im Krankenhaus.

Nicht normal mit fünf im Ehebett der Eltern zu liegen, auf die angsteinflössenden Vorhänge zu starren und aus dem Wohnzimmer die Stimme der Mutter zu hören: K. ist tot.

 

Nicht normal mit neun Jahren die Schnapsflaschen der Mutter in den Ausguss zu kippen und mit Leitungswasser aufzufüllen, Schnittchen für ihre Geburtstagsgäste zu schmieren, weil sie dazu nicht mehr in der Lage war.

 

Aber es gab sicher auch vieles, das normal war. Wir waren sicher keine außergewöhnliche Familie. Nicht auf den ersten Blick. Nicht mehr als jede andere auch.

 

Heimat (Sherry)

 

Obst und frische Kräuter

 

Mama und ich sind alleine in Deutschland. Irgendwo. Die Menschen sind fremd und reden nicht so viel mit einem wie in der Heimat. Und wenn, dann verstehen wir sie nicht. Ich bin drei Jahre alt. Ich habe Angst, weil Mama Angst hat. Wo ist Papa und wann wird er wieder bei uns sein? Papa ist stark, er kann uns beschützen. Er soll hier sein. Bitte lieber Gott. In der Heimat hörten wir Sirenen und laute Knalle, aber hier hatte ich die meiste Angst. Erst, wenn ich die Augen schließe, weint Mama, damit ich nichts merke. Ich kralle meine kleinen Hände in ihre Brust und schlafe ein. Nachts träume ich von einem Erschießungskommando, das uns die Augen verbindet und an die Wand stellt. Dann erschießen sie uns. Aber wir fallen auf eine Matratze, das tut nicht so weh. So tut das Sterben weniger weh. Cut.

 

Ich bin vier Jahre alt. Ich kritzele immer wieder alles voll. Die weißen Blätter in unserer ersten kleinen Ein-Zimmer-Wohnung sind alle voll. Mal mit dem blauen, mal mit dem schwarzen Kugelschreiber. Der Bleistift hat mich nie interessiert. Er ist so unverbindlich. Man kann ja alles wegradieren. Ich laufe zu Papa und zeige ihm, was ich gemalt habe. Er schaut mich lächelnd aber traurig an: „Schon wieder Khomeini gemalt, Dokhtaram? (pers. meine Tochter)“ – Ich schaue ihn mit großen Augen an, nehme das Blatt Papier zurück und kritzele wieder etwas drauf, damit er nicht mehr traurig guckt. Ich laufe zurück zu ihm und sage: „Unser Haus in Teheran. Da sind Oma und Opa drin.“ – Doch trotzdem bleibt sein Lächeln traurig. Cut.

 

Komm‘ Azizam (pers. mein Liebstes), Oma und Opa wollen mit Dir reden. Sie sind am Telefon und vermissen Dich.“ Ich hopse zum Telefon und sage leise „Allo?“ Oma redet überschwänglich, sie redet und redet – und ich frage mich, warum sie so schnell und so viel redet. Und sie schafft es doch nicht, ihre brechende Stimme aufzuhalten. „Azizam, wir vermissen Dich so. Wir vermissen Dich so sehr.“ – Sie weint und gibt Opa das Telefon in die Hand ohne sich zu verabschieden. Opas Azari-Akzent beim Persischsprechen ist das Schönste, was ich je gehört habe, deshalb achte ich nicht darauf, was er sagt, sondern wie er es sagt. Erst, als seine Stimme bricht, sage ich: „Bitte nicht weinen, bitte nicht weinen Opa. Ich liebe Euch doch! Bald sind wir zusammen. Papa hat das versprochen.“ Cut.

 

Ich bin fünf Jahre alt. Opa und Oma wohnen bei uns in unserer ersten Ein-Zimmer-Wohnung. Wir sind glücklich. Sie kocht – und es schmeckt wie zu Hause, denn sie hat viel von dort mitgebracht. In Deutschland schmecken das Obst und die Kräuter wie Wasser. Daran müssen wir uns gewöhnen. Wir gewöhnen uns daran, denn hier – merken wir erst langsam – sind wir sicher. Zwei Jahre später ist fast die ganze Familie in Deutschland. Es ist laut bei uns, aber dafür sind wir nie allein. Es ist alles in Ordnung. Unsere neue Wohnung hat ganze drei Zimmer, aber sie wird anfangs von fünfzehn Familienmitgliedern besetzt. Meine Hausaufgaben mache ich im Treppenhaus, weil ich dazu Ruhe brauche. Aber nichts ist schöner, als als Einzelkind mit duzenden Cousins und Cousinen aufzuwachen und einzuschlafen, die man über alles liebt und behütet wie zerbrechliches Porzellan.

 

Heute. Wir sind erwachsen und versuchen die Opfer unserer Eltern zu würdigen, indem wir lernen und studieren, arbeiten und erfolgreich sind. Wir zeigen unseren Eltern, dass ihre Entscheidung, die Heimat für immer zu verlassen und sich niemals zu Hause zu fühlen, die Richtige war. Unser Heimweh behalten wir für uns. Auch das schlechte Gewissen, das uns immer wieder überfällt, wenn wir sehen, wie schwer es jene haben, die damals nicht geflohen sind, schlucken wir mit Shoppingtouren und vielen Feierlichkeiten runter. Manchmal schmecken das Obst und die frischen Kräuter hier immer noch wie Wasser. Aber es ist seltener geworden. Und obwohl wir der deutschen Sprache mächtig sind, gibt es Tage, an denen wir die deutschen Mitbürger einfach nicht verstehen. Wir sind jetzt nicht nur dankbar, sondern kennen auch unsere Stärken, denn wir wissen, dass auch wir mit unserem Fleiß und unseren ur-eigenen Eigenschaften dieser Gesellschaft viel zu bieten haben. Beim Versuch, auf Augenhöhe zu kommunizieren, stecken wir noch immer viel ein.

 

Der Geruch der iranischen Erde fehlt mir noch immer – und noch immer vermischt er sich mit dem Schrecken der alten Bilder nach der Revolution. Aber eines Tages kehren wir zurück. Und sei es auch nur deshalb, um ein einziges Mal mitten auf der Straße mit irgendjemandem Persisch zu sprechen und mit einem erleichterten Lächeln zu erkennen, dass er uns versteht. Persisch. Die Sprache meiner Liebe und Heimatlosigkeit.

[Herzlichen Dank an Sherry, die mir diesen Beitrag für das Heimatprojekt zur Verfügung gestellt hat]

Das Glück

Das Glück, sagt man, sei gleichförmig. Im Unglück zeichnet man sich aus, als Familie. Jenseits des Glücks liegt das Familienleben.

Seine Familie wohnte im Bahnwärterhäuschen. Die Mutter putzte Nachts Büroräume und Bahnhofshallen. Wenn sie die Kinder in die Schule gebracht hatte, gönnte sie sich die wenigen Stunden Schlaf, die sie sich selbst zugestand.

Das Glück“, sagte sie, „wartet auf euch. Ihr seid mit einer Glückshaut geboren, nur auf der Welt, um glücklich zu sein.

Die äußeren Umstände sind irreführend. Vielleicht nur um euch zu schützen vor dem unbändigen Neid der anderen, lebt ihr in Armut.

Diese Art Armut, die die Maßlosen beruhigt.“

Sein Leben lang erinnerte er sich an ihr staubweißes Gesicht, das nichts vergaß.

Fünfter Tag

Diese genaue Analyse der Lebensumstände, diese sehr detaillierte Nacherzählung der Biografie seines Vaters, macht mir deutlich, wie wenig ich von meinen Eltern weiß, ein paar Eckpunkte, drei, vier Geschichten, die immer wieder erzählt worden sind, Fotoalben ohne Beschriftung und Erläuterungen.

Wie wichtig ist es, zu begreifen, woher man kommt, was die eigenen Eltern geprägt hat? Wie sehr ist man Glied in einer Kette und wie sehr man selbst?

Ich weiß noch wie einige Jahre nach dem Tod meiner Mutter, nach einer Zeitspanne, in der ich fast überhaupt keinen Kontakt mehr hatte zu den Resten meiner Familie, eine Cousine anrief. Es war der erste Weihnachtsfeiertag, sie saßen alle zusammen und nun lud sie mich ein, vorbeizukommen. Ein wenig widerwillig folgte ich der Einladung und kehrte später überwältigt nach Hause zurück. Überwältigt von all diesen „Weißt-du-noch“- Sätzen, vom Teilen von Erinnerungen. Ich glaube an diesem Abend habe ich ein wenig verstanden, was Einsamkeit ist.