Leeres Gefäß

Ölgemälde „Die Quelle“ – Ursprung zum Projekt DAS KLEID- Elisabeth Masé

Es gab jene, die fürchteten mein Haar.

Es war rot, wie dieser Faden, mit denen sie ihre Geschichte

dem Stoff übergaben, es machte mich unverwechselbar.

Ich verlor den Kopf, wurde ein leeres Gefäß.

Man zog mich an.

Ich aber zog mich zurück in die Geschichten,

die mein Gesicht haben und kein Geschlecht.

Die wir einander schweigend erzählen.

Mit jedem Blick.

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Wir

Das Kleid. Soziale Skulptur von Elisabeth Masé

Wir.

Das sind die Fäden.

Im Netz einer fremden Macht.

Wir sind die Nadel,

die den Stoff durchsticht,

einfällt, hinzufügt.

Wir sind der Saum der Geschichte.

Die Stickerei eines Traumes der Versöhnung.

Die Grenze, die überschritten wird.

Die Wende, die bleibt.

Die Narbe, die leuchtet.

Die Nadel, die Dornröschen sticht,

der Tropfen Blut, der in den Schnee fällt

und ein Bild entstehen lässt.

Fäden und Stricke

Ein Weg besteht aus einer unübersehbaren Ansammlung an Fallstricken (als Kind kann man einen verlorenen Tag aus vollstem Herzen betrauern, die Wut einfangen, zusammenknüllen und aus dem Fenster werfen – aber später, viel später erst, kehrt sie als untröstliche Wehmut in ein gealtertes Hirn zurück)… Ich verliere den Faden, weil ich nichts zu sagen habe, und unversehens wird aus dem Faden ein Strick, an dem sich mein Großvater erhängt hat. Es wurde nie viel geredet über diesen Vorfall, inzwischen sind alle, mit denen ich reden könnte, tot. Überlebt hat die Erinnerung, wie mein rüstiger, kugelrunder Opa mit mir zum verwaisten Güterbahnhof wandert, damit ich Unmengen von Eicheln für die Tiere im Winter sammeln kann.

Und an seine Angewohnheit, immer eine Kastanie in der Jackentasche zu tragen.

 

(51)

Die traurige Vertrautheit sämtlicher heimlicher Leben. Am Ende liegt doch wieder ein Anfang, der Faden, an dem du dich aufhängen kannst, oder mit dem du andere einwickelst. Und dass es allein deine Entscheidung ist, macht die Sache nicht leichter

(31)

Die Stimmen, die Farben, Autotüren, die geöffnet und wieder zugeschlagen werden. Und wie sehr meine Gegenwart, nahezu alles, was ich sehe, höre, wahrnehme, von der Vergangenheit, von Erinnerungen durchwirkt ist.

Der verschenkte Rat, und, wer weiß, vielleicht auch der Unterschied zwischen Humor und Witz, diese schmale Linie, die hauchdünnen Fäden, an denen wir hängen (und wie man es anstellt, sich nicht zu strangulieren).

II

Man versäumt sich, reißt die Ränder auf und vernäht die losen Flächen erneut. Andere sind vorsichtiger, behutsamer; lösen nur einzelne Fäden, weben sorgsam, darauf wartend, dass ein Muster entsteht.

Ordnung

Sie hat diese Unordnung um sich verbreitet. Eine Unordnung, die täglich zunimmt. Die sie aufnimmt.
Sie nimmt ein Buch in die Hand, liest ein paar Zeilen, steht auf, geht zur Tür, schließt das Fenster, erinnert sich an die Suppe im Topf, die umgerührt werden muss, an die Wäsche, die aufgehängt werden muss. Sie lässt das Telefon klingeln. Sie möchte sich ausmalen, wer der Anrufer sein könnte, nicht wissen, wer es ist.
Ihr Blick fällt auf die Kinderzeichnungen, die langsam vergilbend immer noch an den Wänden hängen. Sie verachtet sich für ihre Schwäche, die Unfähigkeit, etwas mit sich anzufangen. Ein Muster in der Unordnung zu erkennen, sich zu entscheiden einen Faden aufzunehmen und weiter zu weben. Nur für sich.
Sie hat diese Unordnung um sich verbreitet. Eine Unordnung, die täglich zunimmt. Die sie aufnimmt.

All die Schlösser der Sprache

Der Blinde schaut aus dem Fenster und spürt die Musik. Die Gebildeten modellieren die Leere zur formvollendeten Gestalt.

Der Schnee fällt aus allen Wolken. Die Wolken steigen dem lieben Gott zu Kopf. Er hat Knopfäuglein und einen langen Bart. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet. Kleinteile können verschluckt werden.

Die Zeit hat Schluckauf. Das Gestern bekommt uns nicht, das Morgen haben wir über. Im Heute kennen wir uns nicht aus. Wie Schneewittchens böse Stiefmutter fragen wir unablässig den Spiegel, wer der Klügste im Land ist, der Schönste, oder der mit der besten Stimme. (wer am besten lügt, behalten wir für uns, unter Vorbehalt. Umtausch ausgeschlossen).

Als Kind fühlte ich mich oft ausgeschlossen (ich war nicht besonders aufgeschlossen). All die Schlösser der Sprache und niemand, der sie öffnet, nein schließt.

Penelope wartet noch immer (ohne das jemand merkt, dass es längst das Warten ist, das ihr ans Herz gewachsen ist. Ein unmerkliches Muster, das sich beim nächtlichen Auflösen der Stoffe, tief in ihre Finger gegraben hat).

Den Unglücklichen und Ahnungslosen gehört das Reich der verlorenen Fäden.

Die Nachrichten, die alles im Nachhinein richten. Und alles Wichtige steht ohnehin in dem, was man ausläßt.

Begraben wir die flüchtigen Erfinder mit unserer Dankbarkeit.

 

 

Wie der Brunnen mich verschluckte, nur aufgrund seiner vorstellbaren Tiefe

Die Rolle, die man mir zugeteilt hatte, machte mir den Gar aus. Ich schrieb einzelne Sätze, und mied jeden Zusammenhang. Ich mühte mich ab und glaubte weder dem Durst noch dem Brunnen.

Ich wollte einen Punkt machen, nicht immer wieder ein Komma. Ich verzweifelte, während ich die Fäden einsammelte (einholte), um sie zu verknoten. (nicht fähige, die Segel zu setzten).

Wenn mir die Menschen zu nahe kommen, stürze ich ein, verliere ein Gesicht, das sich erkenntlich zeigen könnte. Verneble und verschwinde zwischen einer gerunzelten Stirn (hinter der ein Sturm tobt, der von sich selbst behauptet: ich bin das himmlische Kind. Ich bin eine Behauptung, aber du gibst mir Namen, hinter denen du dich verbirgst. Weil du noch immer nicht bereit bist, dich zu entscheiden, etwas zurück zu lassen, um in etwas anderem aufzugehen.)

 

Ich bin eine ratlose Blume, kurz vor dem Verblühen. Nur meine Blüten abzuwerfen, kann mich davor bewahren, endgültig gebrochen zu werden. Ich kenne den Unterschied zwischen Verblühen und Verwelken. Aber ich bin nicht fähig, Konsequenzen daraus zu ziehen. Als könnte ich nur lesen, aber niemals verstehen. Ich träume von Wasser und versinke im Schlaf, bis ein Satz mich weckt. Ein Satz, der mich verrät, ohne dass ich ihn verraten kann.

Ich höre Stimmen und Schreie und scheitere an einem Geplauder.