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Die eigenen und die fremden Ängste. Und wie sich das zuweilen vermischt.

Einer geht fort und ein anderer kehrt zurück. Eine wartet so viele Jahre lang und eine andere sieht sich konfrontiert mit dem Ende des Wartens.

Den Verwandlungen denen wir anheim fallen, und nicht immer können wir sie mit Verwunderung annehmen, zuweilen ergreift uns Verzweiflung. Ein Wort stehen lassen, unbeantwortet, unbewertet. Und auf einmal entsteht ein Raum. Vielleicht können wir seine Weite und Behaglichkeit fühlen, bevor wir ihn mit der Enge unserer eigenen Leere bevölkern. Der Traum und sein alter Hut. Das ist die Geschichte vom Hutmacher, der sich nach sieben Jahren in einer Dachkammer wiederfand. Verwickelt in die eigenen Überlegungen. Der Graben in seinem Gedächtnis, und mit welchen Erwartungen, Enttäuschungen er ihn überbrückt.

29. Januar

Früher sind die Geschichten aus mir herausgepurzelt. Ich bin aufgewacht, und schon vorher waren die Worte da, meine Hand bewegte sich einfach so über das Papier, willenlos irgendwie und unglaublich befriedigend und befreiend. Wann habe ich das verloren und warum?

Es muss etwas mit Erwartungen zu tun haben. Alles, was mir das Leben schwer und traurig macht, hat mit Erwartungen zu tun. Sobald die Erwartungen weg sind, wird alles leicht und hell und unerheblich. Als wären die Erwartungen das Brett vor dem Kopf, das jeden Blick verstellt und alles eng und beschränkt macht. Aber offenbar genügt es nicht, das zu wissen, um das Brett endgültig los zu werden. Vielleicht ist das „Ich“ dieses Brett und deshalb kann Kunst und Freiheit und Lust und alles, was wirklich schön und berauschend ist, nur entstehen, wenn man das los wird, selbstlos, das Icht nichten, wie Mechthild von Magdeburg es nennt, Simone Weil, Marguerite Porete. Diese Echtheit, die immer dann ganz selbstverständlich da ist, wenn man sich verliert, hingibt.

Mir ist klar, ich bin unruhig. Mir ist klar, ich bin durchsichtig, wie trübes Wasser. Mir ist klar, ich treibe auf dem Wasser, das mein Leben ist, egal wie sehr ich rudere, es ist vergeblich.

 

 

 

Erwartungen

Ich habe kein Gefühl für die flatterhaften Zeichen der Zeit.

Überall standen Dinge, auf die ich mich verlassen konnte und doch gelang mir die Orientierung nicht. Als Kind hatte mich dieses Wort fasziniert: Orientierung. Ich dachte dabei an exotische Tiere. Tiere aus dem Orient. Dass die Sätze mit dieser von mir vorgestellten Bedeutung, keinen Sinn mehr ergaben, störte mich nicht. Die Bilder und Farben, die statt dessen vor meinen Augen entstanden, waren mehr als ein Trost für das Unverständnis. Unverständnis hieß ohnehin nichts weiter, als das man nicht stehen blieb. Dass alles weiterging. Immer weiter. Vielleicht in Richtung Orient.

Und dann sagte Mutter, dass sie ein Kind erwartete und verlangte von mir, ich solle mich mit ihr freuen. Seit wann freut man sich über die Erwartungen seiner Eltern?

Ich habe mein Alter vergessen. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich damals war.

Ich erinnere mich nur daran, dass Mutters Erwartungen enttäuscht wurden. Das Kind traf nie bei uns ein.

Ein Hemd aus Erwartungen

Zieh dir ein Hemd aus Erwartungen an, glaube nicht, dass es wärmt und geh los. Es ist beinah egal, wohin du gehst, mit der Zeit werden dir einige Erwartungen in die Haut wachsen, andere werden vergehen und unbemerkt irgendwo auf dem Weg liegen bleiben.
Mach dir keine Gedanken darüber, geh weiter, andere werden kommen. Solche, die dir genauso wenig passen und manchmal vielleicht auch eine, die sich anfühlt, als würde sie zu dir gehören, als wäre sie nur für dich gemacht. Und du wirst versuchen, sie aus deinem Hemd zu lösen, denn wie sollst du ihr nachlaufen, wenn sie dir am Leib klebt? Und das möchtest du doch so gerne. Lieber als alles andere, einer Erwartung nachlaufen, die mächtiger ist als du, weil du dir einbildest, du könntest daran wachsen, aber in Wirklichkeit reißt du dir nur ein Loch in dein Hemd. Das sieht erbärmlich aus, glaub mir, aber flicken kann man es nicht.