Splitter

Auf einmal kann sie sich nicht mehr erinnern. Weil es nicht länger weh tut, sich zu erinnern. Weil es auch nicht glücklich macht. Weil alles gleichgültig geworden ist. Nicht einmal abgrundtiefe Leere. Nur ein Vakuum. Darin einzelne Splitter. Puzzleteile.

Und niemand, der bereit ist, sie zusammen zu setzen.

Was erkennt man in einem Spiegelbild, das in tausend Splitter zerbrochen ist?

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Begriffe, das Belegen mit Namen. Wie dieser Vorgang Erkenntnis überhaupt erst ermöglicht, und wie es sie gleichzeitig verhindern kann, oder wie Elke Erb es auf den Punkt bringt:

„Wie ein Kennen nicht zu einem Nennen verhilft.

Kann ein Nennen gewiß einem Erkennen im Weg sein.“

Anna und ich

Ist es denn Annas Schuld dass nichts so ist

wie es sein könnte?

Keine anliegenden Ohren

keine elfenbeinfarbene Haut

nur Mann und Kind

und ein Ballon der platzt

obwohl ihn niemand in die Luft geworfen hat

Als dürfte man nur Menschen lieben

die nach Kleingeld riechen

 

Mamatschi schenk mir ein Pferdchen

mit dem ich durch die Felder sprengen kann

Alraunen und Akazien

Zartbitterschokolade

für den Schlaf der Vögel

scharf wie gebrochene Versprechen

 

Die Bettler verkaufen Knoten

auf denen man Akkordeon spielen kann

zum Gelächter im Dorf

weil der silberne Löffel endlich laufen lernt

 

Wie schön sich Annas feine Stimme

in den Teppich webt

als wäre Schönheit eine Entschuldigung

als gäbe Liebe einem das Recht

auf mehr

auf mehr als schiefertafelig angekreidete Unschuldsbrüche

und Stolz wäre mehr als ein Fleck

auf der Landkarte eines nicht ganz so reinen Gewissens

wie weiße Bettwäsche

mit hässlichen Rändern

und Pantoffeln

die verloren in der Ecke stehen

und vergebens versuchen die Vorwürfe zu überhören

 

Als ich Anna traf

war ihr die Saumseligkeit längst aus den Augen gefallen

Sie war zwei Männern begegnet

Einer versuchte sich für sie umzubringen

Der andere ihr zu vergeben

 

Der Zweifel wächst wie ein Holunderbusch

er vertrocknet als Anna zum Bahnhof geht

und jemand sagt

man braucht einen anderen um sich selbst zu erkennen

wer sagt das denn

und was fangen wir an

mit so einem Satz

Anna und ich

Vierter Tag

Ich erkenne mich wieder in diesem Bild. Vielleicht ist es ein Bild des modernen Menschen an sich; durch Vervielfältigung zum Verschwinden gebracht. Und gleichzeitig eingegrenzt, getrieben von den Erwartungen jeden einzelnen Bildes, das dasjenige, das man gerade „Ich“ nennt, bedingt.

Ich weiß, dass dieses Bild in diesem Buch eine besondere Geschichte hat, eine Genese, die nur mit der besonderen Geschichte zu tun hat, mit der Ermordung des Vaters und dem Zusammenhalt der Brüder. Trotzdem ist es auch ein Stück weit universal, so wie es wohl immer ist bei richtig guter Literatur; dass sie die Balance findet zwischen persönlichen Bekenntnissen und universeller Gültigkeit.