Das erste Mutterbild

wird am Montag auf dem Blog Tausend Mutterbilder erscheinen, gestiftet hat es Elisabeth Masé.

Das Bild spricht für sich, so dass es sich erübrigt, viele Worte dazu zu verlieren. Auch von Elisabeth Masé, die gerade ein sehr schönes Projekt „das Kleid“ in Berlin erfolgreich und mit großer Resonanz beendet hat, schreibe ich nicht viel. Sie hat eine sehr schöne, informative und übersichtliche Homepage, auf der sich die geneigte Leserin, einen Überblick verschaffen kann.

Ich möchte nur ganz kurz erwähnen, dass einige der im den nächsten Tagen hier präsentierten Aquarelle in ihrem vor zwei Jahren bei Kleinheinrich erschienen Bilderbuch vertreten sind. Ein Buch, in dem ich eines der Themen angedacht finde, die auch für das Mutterthema zentral sind. Der rote Faden, den Masé in viele ihrer Bilder stickt, handelt nicht zuletzt von diesem Faden, der uns zu Anfang unseres Lebens genährt hat, und der dann durchtrennt wird, werden muss. Die Nabelschnur als Verbindung aus Verletzung und Heilung, Verbundenheit und notwendiger Trennung. Ausdruck unserer Doppelnatur, unserer Verlorenheit zwischen zwei Polen. Die Notwendigkeit von Schmerz für die persönliche Entwicklung.

Insofern ist alles bereits am Anfang des Lebens angelegt; Trennung, Narbe, Entwicklung. Und, wie Elisabeth Masé es in einem ihrer Bilder auf den Punkt bringt: „Mama, die Nacht hat zwei Enden“.

 

20. Oktober

Zum Frühstück Nachrichten von der Pegida Demonstration und Gegendemonstration gestern gelesen. Von den Ausschreitungen. Abscheu und Angst. Die Frage, warum sich alles radikalisiert, warum es nicht gelingt, Gespräche zu führen, sich friedlich und konstruktiv auseinander zu setzen.

Vielleicht ist das der nächste Entwicklungsschritt, der den unsere Kinder bewältigen müssen, und wir haben immerhin erreicht, dass sich frühzeitig massiv Widerstand formiert.

Und zum Trost noch dieses Gedicht, das heute Text des Tages auf Fixpoetry ist.

Alter

Die Zeit entfaltet uns[1], indem sie dafür sorgt, dass wir uns nicht wiedererkennen.

Dass jede im Moment noch so einleuchtende, zweifelsfreie und unumstößliche Antwort nur vorläufig ist. Veränderbar.

Entfaltung also als das Anerkennen der Widersprüche aus denen ein Leben, ein Mensch, eine Lebensgeschichte besteht. Diese Tatsache einzusehen, zu begreifen, ist vermutlich erst im Alter möglich. Das Leben ist von Anfang an so, aber solange man jung ist, widerfahren einem die Widersprüche, man fühlt sich hin- und hergeworfen, glaubt an die Notwendigkeit von Entscheidungen, an richtig und falsch. Man lebt in der Abstraktion, im schwarz und weiß. Die Grautöne, die Einsicht, dass alles zusammen gehört und früher oder später ineinander fließt, kommt später. Im Alter. Im Bewusstsein, sich nicht wieder zu erkennen.

[1] Max Frisch, Tagebücher: „Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.“

Entwicklung

Vielleicht ist es so: Wir werden geboren, und der Kern dessen, was wir sind, wer wir sind, liegt vollkommen ungeschützt da. Dann kommen die Jahre, in denen sich Schicht um Schicht um diesen Kern wickelt, und irgendwann der Punkt, wo wir beginnen, diese Verwicklungen wieder zu lösen, den Kern wieder frei zu legen. Und das nennt man dann Entwicklung.

26. Dezember

Erwartungen und Enttäuschungen. Wie einen das ein Leben lang verfolgt. Die Erinnerungen, die das Lesen zur Zeit anschwemmt.

Die dreibeinige Katze, in der Siedlung, in der ich als Kind gelebt habe. Überhaupt die Katzen, die wir in Rudeln gesehen haben, obwohl Katzen doch Einzelgänger sind. Die Straßen, die ich im Sandkasten gebaut habe, Parkplätze und Tunnel. Und nie hatte ich eigene Autos, um sie zu befahren. Oder der Regen, der genau am Eingang zum Spielplatz aufhörte. Auf dem Spielplatz regnete es, und einen Schritt weiter war alles trocken.

 

Knausgard widerspricht sich. So wie wir uns selbst ständig widersprechen. So wie unser Leben widersprüchlich verläuft.

Entwicklung. Das ist vielleicht nicht zuletzt immer wieder ein Band zu lösen, das dich einschnürt.