Entscheidung

Egal, wie weh es tut, wie widrig, gemein und scheinbar aussichtslos die Umstände gerade sind, es ist immer unsere Entscheidung, wie wir damit umgehen, oder wie S.M. es sehr schön formuliert: „Vielleicht gibt es nur zwei Möglichkeiten: man treibt mit seiner Erinnerung ins Schweigen, wird ihr Knecht, dimmt das Herz herunter. Oder man betritt die Erinnerung wie einen Traum. Gräbt sich mit Helm und Stirnlampe durchs Dunkel, nimmt alles mit, was trösten kann. Jedes Buch, jedes Stück Musik, jedes herzwarme Wort. Und dann schreibt man alles neu, erschreibt sich einen Anfang. So lange, bis man an ihn glauben kann.“

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Früher

„Früher“, sagt die Frau. Denn das rückt die Angst fort, die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen. In der Vergangenheit, im „früher“, ist alles beruhigend abgeschlossen, starr, bewegungslos.

„Früher“, sagt die Frau. Aber dann dreht sie sich nicht um, sondern zerreißt dieses Band, das immer enger wird, immer heftiger an ihr zieht, ihr den Raum zum Atmen zu nehmen scheint. Und plötzlich fällt sie in eine Leere, die sie nach vorn zieht, die alles weit und offen macht, die sie mit Freude und Dankbarkeit anfüllt.

„Jetzt“, sagt die Frau und strahlt. Strahlt wie eine Sonne, deren Strahlen nach vorne und nach hinten fallen, aber immer speisen sie sich aus der Mitte, aus sich selbst heraus.

IV

Vielleicht besteht Kunst im Wesentlichen in der Entscheidung auf eindeutige Antworten, auf richtig und falsch, zu verzichten.

Wenn Anne Carson davon spricht, dass die Frage ist, was die Frage ist, wenn diejenigen, die die Odysee gelesen und verstanden haben, davon sprechen, dass es sich im wesentlichen um eine Reise zu sich selbst handelt, wie überhaupt jede große Literatur sich dieser Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt, liegt möglicherweise darin die Antwort (die wir ja trotz allem brauchen), wie gut eine das aushält, dass es keine Antworten gibt. Wie gut man das hinbekommt, das was ist, erst einmal sein zu lassen, ohne sofort nach Lösungen zu suchen.

Mutterbilder II

Mutter und Kind Version I von Susanne Haun
Mutter und Kind Version I von Susanne Haun

Die Zeichnung spricht für sich. Dennoch einige Anmerkungen.

 

 

Das Bild einer Frau ändert sich, sobald ihr die Rolle der Mutter zuwächst. Sie verändert sich, rein körperlich, und sie wird anders wahrgenommen. Anders bewertet. Die Menschen um sie herum (und vermutlich auch sie selbst) haben auf einmal andere Erwartungen an sie. Auf einmal sieht man in ihr viel eher ein Modell, als ein Individuum.

 

Genau dort beginnt der relativ neue Konflikt für Frauen, die heute Mutter werden. Denn es gibt keine allgemeingültigen Rollenvorbilder mehr, kein eindeutiges richtig und falsch.

 

Prinzipiell kann jede Frau, nicht nur entscheiden, wann sie wie viele Kinder bekommt, sondern auch, wie sie die Mutterrolle für sich versteht. Ob sie die Arbeit, ihren Beruf, eine Zeitlang oder ganz aufgibt, ob sie Voll- oder Teilzeitmutter sein will, die Kinder zu Hause betreut, oder in Einrichtungen bzw. zu Tagesmüttern gibt [Tagesväter gibt es meines Wissens nach noch nicht], welchen Erziehungsstil sie pflegt und wie viel „Förderung“ sie ihrem Kind zukommen lässt, um nur einige Beispiele zu nennen.

 

Was zunächst wie ein immenser Zugewinn an Freiheit aussieht (und das ja auch ist), entwickelt sich bei näherem Hinsehen schnell zu einer Quelle stetiger Verunsicherung.

 

Die Freundin glaubt, dass es weder für die Mutter noch für das Kind gut sein kann, das Kind so lange zu Hause zu betreuen, die Mutter (der neuen Mutter) ist überzeugt, es müsse jeder Mutter das Herz zerreissen, nicht selbst diejenige zu sein, die dem Nachwuchs die ersten Schritte beibringt, das erste Wort. Die finanzielle Situation und der gewohnte Lebensstil und nicht zuletzt die Ausbildung, lassen es nicht zu, längere Zeit aus dem Arbeitsleben auszuscheiden, zumal es fast sicher ist, dann nie wieder wirklich den Anschluss zu finden.

 

Und wenn man versucht, die Aufgaben zwischen Vater und Mutter zu teilen, halbieren sich die Probleme, während sie sich auf der anderen Seite verdoppeln. Und das Schlimmste: es ist eine Entscheidungssache, man kann sich nicht länger hinter Aussagen zurückziehen die als eherne Gesetze allgemein anerkannt sind, für jede These findet man Argumente und Fürsprecher. An die Stelle von Eindeutigkeit ist eine Vielzahl von Möglichkeiten getreten. Gewisseiten sind verloren gegangen. Zuschreibungen und Erwartungen nicht.

 

Marina Abramovic. Das Manifest. Dritte These

 

Lange habe ich nichts mehr zu Marina Abramovic geschrieben. Ich könnte sagen, andere Projekte und nicht zuletzt der Alltag mit all seinen Erfordernissen hielten mich davon ab. Aber natürlich wäre das nur die halbe Wahrheit.

 

Ziemlich zu Anfang meiner Beschäftigung mit Abramovic, nachdem ich diesen wunderbaren Film „The Artist is present“ gesehen hatte, habe ich in irgendeinem Videoclip im Netz Abramovic Manifest gefunden und mir alle Punkte daraus abgeschrieben, mit dem Willen sie nach und nach, Punkt für Punkt abzuarbeiten.

 

Dass gerade der dritte Punkt des Manifestes so lange brauchte, um formuliert und angegangen zu werden, scheint mir kein Zufall zu sein.

 

 

 

Keine Kompromisse bezüglich des eigenen Lebens und des Kunstmarktes

 

 

 

heißt dieser dritte Satz. Und wieder ist es diese Art Satz, die auf den ersten Blick so einleuchtend und klar und einfach erscheint, während in Wirklichkeit außerordentlich komplex ist, was an Anforderungen und Konsequenzen dahinter steckt.

 

 

 

Geht das überhaupt, ein Leben ohne Kompromisse?

 

Auf den Kunstmarkt bezogen mag das noch angehen, dann hat man es mit einem souveränen Künstler zu tun, dem die eigenen Ideen wichtiger sind als öffentliche Anerkennung, der seine Qualitätskriterien selbst und weitesgehend unabhängig vom jeweiligen Markt setzt und verfolgt. Aber auf das eigene Leben bezogen?

 

In diesem weiten Rahmen gelingt das wohl wirklich nur, wenn man eine Entscheidung voll und ganz fällt, wenn man, wie Abramovic sagt, ich lebe die Kunst, ich mache meine Auffassung von Kunst, von Performance, zu meinem Leben, nicht nur zu einem Ziel, zu einem Aspekt, sondern tatsächlich zum zentralen Inhalt. Dafür hat sie Beziehungen geopfert, dafür hat sie auf Kinder verzichtet. Sie hat einen hohen Preis bezahlt. Einen Preis, den ich niemals bereit gewesen wäre zu zahlen. Andererseits habe ich auch niemals so sehr an mich und meine „Kunst“ geglaubt.

 

Es gibt eben nie wirklich beides. Wieder dieser Feigenbaum aus der Glasglocke von Sylvia Plath, wenn man sich nicht entscheiden kann (und Entscheidung meint immer Verzicht), verhungert man unter dem Baum voller Feigen, ohne eine einzige Möglichkeit ausprobiert zu haben.

 

Entscheidungen

Die Stille war ungeheuerlich. Oder es war nur mein Herzschlag, der alles andere übertönte. Unhörbar machte.

Ich zitterte. Ich trug nicht viel am Leib. Aber daran dachte ich nicht, als ich vor der Tür stand, als ich zwischen zwei geschlossenen Türen in einem dunklen Hausflur stand. Ich dachte nicht und ich fühlte nicht, aber ich stand und zitterte und ließ mich beschreiben, wie ich immerzu alles hinnahm, weil das meine Entscheidung war. Eine Entscheidung nach der ich lebte, für die ich aber nicht kämpfen wollte.

Vermutlich war mir kalt. Sicher hatte ich keine Angst. Sobald die Tür geöffnet wurde, sah ich meine Hündin. Sie kam nicht sofort. Sie blieb zusammen mit dem anderen Hund, ihrem Hund, hinter ihr zurück. Und sie schwieg. Sie schwieg und ich konnte nichts sagen, weil ich es nicht gewohnt war, etwas zu sagen, nur auszuhalten, was über mich gesagt wurde. Unten im Hausflur fiel die Eingangstür ins Schloss. Die Hunde hechelten. Ich streckte meine Hand aus und flüsterte den Namen meiner Hündin. Sie sah mich an. Sie sahen mich beide an; die Hündin und die Frau. Es roch nach Kaffee. Sie hatte eine bunte Strumpfhose an und irgendwie lächerliche Hüttenschuhe, einen langen Pullover über dem kurzem Rock und dunkle Haare. Sie war viel älter als ich. Ich wollte nichts von ihr wissen. Ich wollte nicht, dass sie mich so ansah.

Sie gehört zu mir“, sagte ich und sie nickte.

Komm her“, sagte ich. Meine Hündin machte ein paar Schritte. Ich drehte mich um. Ich hätte es nicht zugegeben, aber ich wartete. Ich ging sehr langsam zurück zu meiner Tür.

Die Tür war offen“, sagte sie. Ich drehte mich nicht um. Die Hündin war jetzt in meiner Wohnung. Dort, wo sie hingehörte. Ich hörte ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte. Nicht laut, nicht hektisch, nur mit der Bestimmtheit von jemandem, der wusste, was er tat, und der wusste, dass er Recht hatte mit dem, was er tat. Er war dort, wo sie uns gesehen hatte.

Dass ich um Hilfe gerufen hätte, hatte sie gesagt. Es war eine Sanftheit in ihrer Stimme, die mich wütend machte. Ich begann erneut zu zittern. Ich atmete tief ein. Dann vergaß ich sie. Ich stand in der Schwelle zu meiner Tür. Endlich war ich sicher, dass ich nicht umkehren würde.

Als ich zwei Jahre alt war, machte meine Familie Urlaub an der Nordsee. Meine Eltern unterhielten sich mit unverhofft wiedergesehenen Bekannten und diese Zeit der Unachtsamkeit nutzte mein Bruder, um weit hinaus zu schwimmen. Viel weiter als erlaubt. Ich ging entschlossen hinter ihm her. Um ihn zu retten, wie meine Mutter immer wieder mit Rührung erzählte. Während mein Vater verbissen schwieg.

Er war einfach sitzen geblieben, als ich dem Hund nachgelaufen war. Jetzt würde er die Wohnung wortlos verlassen. Mich würde er nicht einmal ansehen. Und dann würde er wieder kommen, in zwei Tagen, oder in einer Woche und alles würde sein wie immer. In der Zwischenzeit blieben mir ihre Blicke und meine blauen Flecken und die Angst, dass er mich eines Tages verlassen könnte, ohne zurück zu kehren.

Ich streckte den Rücken durch, nahm Haltung an, mir war wieder eingefallen, dass ich etwas hatte, dass ich mehr hatte, als die meisten von denen, die mir ihr Mitleid schenkten, ich hatte einen Menschen, der mich braucht.